Ein Radfahrer ist gestorben, weil ein Autofahrer falsch gehandelt hat. Der 55 Jahre alte Radfahrer kam ums Leben, nachdem er in der Hermannstraße in Neukölln gegen die Tür eines Autos geprallt war, die der Fahrer plötzlich geöffnet hatte. Der Porsche Cayenne stand im absoluten Halteverbot.

Das Auto gehört der Botschaft von Saudi-Arabien und trägt ein Diplomatenkennzeichen, was es so gut wie unmöglich machen dürfte, den von seiner Immunität geschützten Fahrer zu bestrafen. Der zweite tödliche Radfahrerunfall in Berlin in diesem Jahr ist ein extremer Fall.

Aber jenseits aller Besonderheiten dieses Ereignisses steht der Neuköllner Unfall für die große Frage, die Radfahrer, Autofahrer und Fußgänger hier immer härter debattieren: Wie gefährlich ist der Berliner Verkehr? Wie ist es um die Einhaltung der Verkehrsregeln bestellt? Wie wird sich Berlins Verkehr entwickeln, wenn die Stadt noch voller wird?

„Die Verkehrsmoral hat abgenommen"

Fragen wir erst einmal einen Praktiker. Polizeihauptkommissar Oliver Woitzik war 17 Jahre bei der Berliner Verkehrspolizei. Er sieht in Berlin Entwicklungen im Gange, die sich immer weiter verschärfen werden. „Die Verkehrsmoral hat abgenommen, weil immer mehr Menschen ihr Ego ausleben“, sagt er.

Für eine zunehmende Zahl von Menschen ist das Auto ein Vehikel, um gegenüber anderen aufzutrumpfen, um sich zu profilieren. Hinzu kommt die zunehmende Verdichtung in Berlin. „Die Stadt boomt, es gibt immer mehr Pendler. Damit nimmt auch die Zahl der Autos zu, weil Autofahren relativ günstig ist.“

Es gibt auch noch andere Faktoren. Weil heute immer mehr Menschen selbst Senf und Dosenerbsen im Internet bestellen, halten immer mehr gestresste Lieferfahrer auf Radspuren und in anderen Halteverbotszonen. Während Kinder kaum noch auf die Straße gelassen werden, sind immer mehr Senioren unterwegs – vom stolzen Elektroradler, der hoch im Sattel praktisch gekleidet über die Gehwege paradiert, bis hin zum 90-Jährigen, der partout nicht von seinem Auto lassen will.

Berliner Verkehr – ein Hexenkessel? 

Während umweltliebende Menschen die „Verkehrswende“ fordern und vom Ende des Privatautos träumen, nimmt der Autoverkehr zu. Die Zahl der Kraftfahrzeuge steigt, mit keinem Verkehrsmittel werden in Berlin insgesamt so viele Kilometer zurückgelegt. Das Auto ist nicht out. Wer schon mal vor einer Grundschule stand, um den Auftrieb der „Elterntaxis“ zu beobachten, weiß, wovon die Rede ist.

Berliner Verkehr – ein Hexenkessel? Es gibt Zahlen, die zeigen, dass er nicht so schlimm ist, wie das manche denken. So gibt es in keinem anderen deutschen Bundesland so wenige Verkehrstote je eine Million Einwohner. Im vergangenen Jahr waren es 16, in Sachsen-Anhalt 59. Beim Stau-Index des Navigationsherstellers Tomtom schneiden Stuttgart, Köln, München und Hamburg schlechter ab als Berlin. Dort geht es also langsamer voran.

Aber es gibt auch andere Zahlen. Während in Stockholm im vergangenen Jahr kein Radfahrer ums Leben kam, starben in Berlin 17. In mehr als der Hälfte der Fälle waren Kraftfahrer schuld, sieben Opfer waren älter als 65. Die oft beklagten Rüpel- und Kampfradler kommen in der Unfallstatistik kaum vor. Nicht zu vergessen die Fußgänger: Sie stellen die größte Gruppe in der Todesstatistik, auch 2017 ist das so.

"Radwege gehören auf den Bürgersteig"

Es kommt also darauf an, aus welcher Perspektive man den Verkehr beobachtet – und genau das ist das Problem. Autofahrer schimpfen über Radler, Radfahrer schimpfen zurück, Fußgänger ärgern sich im Stillen. Aggressiv werden angebliche Allheilmittel gefordert.

Erst verlangten Fahrradaktivisten Radspuren auf den Fahrbahnen, damit sich Radler im Blickfeld der Autofahrer bewegen.

Nun hofieren manche den dänischen Planer Mikael Colville-Andersen, der jüngst in einem Interview sagte: „Lacht sie aus: diese faulen Politiker, diese ignoranten Verkehrsplaner und diese testosterongesteuerten Hardcoreradler, die meinen, dass Radwege auf die Straße gehören. Denn ihre Dummheit ist gefährlich! Radwege gehören auf den Bürgersteig“ – damit Türunfälle wie der von Neukölln nicht mehr vorkommen.

Die verkehrspolitische Sklerose dauert an

Zwischen allen Stühlen steht eine fast totgesparte Verwaltung, die hilflos auf die Forderung reagiert, Berlin in wenigen Jahren zu einer Fahrradstadt zu machen – was aber selbst in Kopenhagen Jahrzehnte gedauert hat.

Währenddessen scheint die rot-rot-grüne Koalition langsam zu merken, dass sie den Wählern im Koalitionsvertrag zu viele Verkehrs-Wohltaten versprochen hat. Aus dem Senat, der anfangs mit Visionen und kecken Worten auftrumpfte, ist nicht mehr viel zu hören. Die verkehrspolitische Sklerose dauert an.

Doch selbst wenn Berlin die perfekte Stadt wäre, wenn jeder die Verkehrswege bekäme, die er wünscht (was ebenfalls nie der Fall sein wird): Ohne gute alte Tugenden ginge es auch dann nicht.

Auch eine bessere Welt kommt nicht ohne Rücksichtnahme aus, nicht ohne die Befolgung von Regeln, nicht ohne Grundkonsens. Kurz: nicht ohne zwischendurch einen Gang zurückzuschalten.