Berlin - Links und rechts parken Autos, auf dem Mittelstreifen wird ebenfalls geparkt, und dann gibt es noch auf beiden Seiten jeweils vier Fahrstreifen. Die Bismarckstraße und der Kaiserdamm in Charlottenburg muten wie ein Paradies für Kraftfahrer an. Radfahrer fühlen sich den Rand gedrängt. Nun sieht ein aktueller Plan vor, Autos dort Platz wegzunehmen, um Radfahrstreifen anzulegen. Der schnurgerade Straßenzug soll Teil einer 16 Kilometer langen Radschnellverbindung werden, die sich von Spandau bis zum S-Bahnhof Tiergarten quer durch Berlin zieht. „Wir wollen neue Zielgruppen fürs Radfahren gewinnen“, sagte Staatssekretär Ingmar Streese (Grüne). Es ist nicht der einzige Plan dieser Art.

Der Gast aus Baden-Württemberg war aufgebracht. „Hier haben Sie mich doch hingebracht, um mich zu schockieren“, entfuhr es dem Tübinger Oberbürgermeister Boris Palmer, als er sich im Februar von dem Berliner CDU-Fraktionsvorsitzenden Burkard Dregger die Stadt zeigen ließ. Auf dem Kaiserdamm wunderte sich der Grünen-Politiker, wie sehr Autos dort das Bild dominieren.

Bordsteine gegen Falschparker in Berlin

Auch andere Beobachter kommen auf dieser Ost-West-Magistrale ins Grübeln. „Aus Sicht der Verkehrssicherheit ist das kriminell“, sagte Torsten Perner vom dänischen Planungsunternehmen Ramboll. Er meinte die Parkplätze auf dem Mittelstreifen, die zu gefährlichen Sprints über vier Fahrstreifen hinweg animieren. „Eigentlich ein No-Go, dass es so etwas 2019 noch gibt“, meinte der Chefplaner, als er am Dienstagabend im Rathaus Charlottenburg die Pläne für den Radschnellweg vorstellte. Die gesamte Straßengestaltung passe nicht zu Mitteleuropa, sagte er – zu den Standards, die heute dort gelten.

Dass die zehnspurige, rund 50 Meter breite Verkehrsschneise für manche wie aus der Zeit gefallen zu sein scheint, hat auch mit ihrer Geschichte zu tun.

Die Aufteilung des Straßenraums stammt vom Ende der 1930er-Jahre. Zur Welthauptstadt Germania, in die Generalbauinspektor Albert Speer Berlin verwandeln wollte, sollte eine eindrucksvolle Ost-West-Achse gehören. Damals veränderten der Kaiserdamm und die Bismarckstraße, in der es Straßenbahngleise und vier Baumreihen gegeben hatte, ihr Gesicht radikal. Aus der Zeit des Nationalsozialismus haben  sich zahlreiche der von Speer entworfenen Kandelaber erhalten.

„Es gibt Platz ohne Ende“, sagte Perner. Vier der acht Fahrstreifen würden meist nur für Parksuchverkehr genutzt. Auf der Bismarckstraße sind werktags rund 50 000 Kraftfahrzeuge unterwegs. Für Straßen dieser Breite sei die Magistrale wenig ausgelastet, so der Verkehrsingenieur.

Es wäre ohne weiteres möglich, die Zahl der Fahrstreifen für den rollenden Verkehr von acht auf sechs (drei pro Richtung) zu verringern, um den Platz für drei Meter breite Radfahrstreifen zu nutzen. „Das wird kein Autofahrer merken. Die Straße wird weiterhin funktionieren“, sagt Perner. Die Zahl der Parkplätze bliebe größtenteils erhalten. 30 bis 40 Meter vor Einmündungen soll aber künftig nicht mehr geparkt werden dürfen, damit Abbieger bessere Sicht haben. 15 bis 20 Zentimeter hohe Bordsteine sollen Kraftfahrer davon abhalten, die grün eingefärbten Radspuren zu befahren oder dort gar zu parken. Dem Vernehmen nach werden Baukosten in Höhe von ein bis zwei Millionen Euro pro Kilometer erwartet.

Heute trauen sich täglich im Schnitt nur rund 4 000 Radfahrer auf diese Ost-West-Route. „Wir garantieren, dass diese Zahl in kurzer Zeit auf 10 000 bis 20 000 Radfahrer pro Tag steigen wird“, sagte Perner. Prognosen sagen für ein Gebiet weiter westlich täglich mehr als 35 000 Autofahrten von maximal zehn Kilometer Länge voraus – ein großer Teil ließe sich aufs Fahrrad verlagern. Viele Pendler werden die Gelegenheit nutzen und vom Auto aufs Rad umsteigen, hofft Staatssekretär Streese.

Streit um Zwischenlösung in der Berliner Heerstraße

Die geplante West-Route soll an der Stadtgrenze im Spandauer Ortsteil Staaken beginnen. Die Vorzugsvariante sieht vor, dass es über die Heerstraße, den Kaiserdamm, die Bismarckstraße und die Straße des 17. Juni zum S-Bahnhof Tiergarten ginge. Für den Ernst-Reuter-Platz haben die Planer eine Langfrist-Idee: Eine Brücke, die sich wie ein Ring ganz oder zur Hälfte um den Kreisverkehr legt, soll Radfahrern das heutige mehrmalige Warten an Ampeln künftig ersparen. Klar ist auf jeden Fall, dass auf einigen Abschnitten des Radschnellweges Parkplätze wegfallen, hieß es.

Der Radlobby geht es nicht schnell genug voran. Kritisiert wird auch, dass beiderseits der Havelquerung im Verlauf der Heerstraße vollendete Tatsachen geschaffen würden, die den Zielen des Berliner Mobilitätsgesetzes widersprächen.

"Es läuft gerade eine Bauausschreibung für den Bau von 1,60 Meter breiten Radwegen und einer Fußwegverschmälerung auf 700 Meter Länge beidseits der Heerstraße im Bereich Havelquerung", berichtet Henning Voget, Mitglied im Landesvorstand des Allgemeinen Deutschen Fahrradclubs (ADFC). "Durch Realisierung der ausgeschriebenen Bauleistungen wird der jetzt beginnenden Diskussion jegliche Chance auf Umsetzung entzogen." Der Sprecher der ADFC-Stadtteilgruppe City-West forderte, von den fünf Fahrstreifen, die Kraftfahrzeugen in diesem Bereich der Heerstraße zur Verfügung stünden, zwei halbe Fahrstreifen dem Radverkehr zuzuschlagen.

Spandaus Baustadtrat Frank Bewig schwant, dass auch das Projekt West-Route lange dauern wird. So etwas ließe sich „nicht mit einem Fingerschnips“ realisieren, sagte der CDU-Politiker. In der Tat: Die landeseigene InfraVelo rechnet mit einem Baubeginn „nicht vor 2023“, in Perners Präsentation ist von einer Eröffnung Mitte 2023 die Rede. Die Planungsphase dauere mindestens 30, der Bau 18 Monate.

Ost-Route soll bis Marzahn führen

Vor Planern und Bauleuten liegt viel Arbeit. Das Mobilitätsgesetz sieht vor, dass in Berlin mindestens 100 Kilometer Radschnellverbindungen gebaut werden. Für sechs der zehn ausgewählten Trassenkorridore wurden im Januar Machbarkeitsstudien begonnen. Den Anfang machte die Teltowkanalroute Richtung Kleinmachnow – Baubeginn 2022. Ende des Jahres werden die Ergebnisse für die Ost-Route erwartet, die in Verlängerung der West-Route entstehen soll.

Streese: „Sie bietet die einzigartige Möglichkeit, Berlin von Spandau bis Marzahn auf einer Radschnellverbindung zu durchqueren“ – 35 Kilometer weit. Das ist aber wohl nur etwas für ganz Hartgesottene.