Trauriges Gedenken. Teilnehmer der Mahnwache am Kottbusser Tor scharen sich am Donnerstag um ein „Geisterrad“, das an den Unfalltod einer Radfahrerin an diesem Ort erinnert.
Foto: Berliner Zeitung/Eric Richard

BerlinSollten Stadtstraßen für große, schwere Lastwagen gesperrt werden? Das ist eine Frage, über die nach dem ersten tödlichen Fahrradunfall des neuen Jahres in Berlin diskutiert wird. Nachdem eine 68-jährige Radfahrerin am Kottbusser Tor von einem nach rechts abbiegenden Lkw getötet worden war, wies der Senat auf eine Initiative hin, die solche Kollisionen verhindern könnte.

Danach sollen Städte und Gemeinden die Möglichkeit bekommen, „Verkehrssicherheitszonen“ festzulegen. Diese Bereiche sollen für Lkw über 3,5 Tonnen, die keine Abbiegeassistenten haben, tabu sein. Dies wäre ein wirksamer Beitrag für mehr Verkehrssicherheit in den Städten. „Im Januar wird der Antrag vom zuständigen Ausschuss des Bundesrats beraten“, teilte die Verwaltung von Verkehrssenatorin Regine Günther (Grüne) am Donnerstag mit.

Mahnwache für Radfahrerin – Schuldfrage noch ungeklärt

„Lkw gehören nicht in die Stadt. Und wenn es sich nicht vermeiden lässt, dann nur zu bestimmten Uhrzeiten“, sagt Kerstin Leutloff. Die Berlinerin ist am Donnerstagabend zu der Mahnwache gekommen, bei der mehrere hundert Menschen am Kottbusser Tor der ersten toten Radfahrerin des neuen Jahres in Berlin gedenken. Die 68-Jährige kam am Mittwoch gegen 13.30 Uhr wie der Lastwagen, der sie kurz darauf tötete, aus der Kottbusser Straße – allerdings nicht auf der Fahrbahn, sondern auf dem abgesetzten Radweg.

Dann bog der 54-jährige Lkw-Fahrer nach rechts in die Skalitzer Straße ein. Dabei kam es zu dem Zusammenstoß mit der Radfahrerin, die in gleicher Richtung auf dem Radweg fuhr. Die 68-jährige starb noch am Unfallort. Sie soll Lehrerin und seit einigen Jahren in Rente gewesen sein. Der Verkehrsermittlungsdienst der Polizei erforscht nun die Frage, wer Schuld hat. Laut Polizei ist noch unklar, ob er die Radfahrerin im Spiegel gesehen hat – oder nicht.

Am Donnerstagabend wurde der Verkehrsknotenpunkt rund um den Hochbahnhof an der U1 Schauplatz einer Mahnwache. Der Anblick ist nicht so selten in Berlin: Blumen, Kerzen, ein weißes Fahrrad, das als „Geisterrad“ an die getötete Radfahrerin erinnern wird. Zeichen des Gedenkens.

2019 ging die Zahl der verunglückten Radfahrer zurück.
Grafik: Berliner Zeitung/Isabella Galanty

Radfahren bleibt in Berlin lebensgefährlich

Radfahrer leben besonders gefährlich in Berlin. 2018 war jeder vierte Mensch, der im Straßenverkehr ums Leben kam, mit dem Fahrrad unterwegs. Jeder dritte Verletzte bei einem Unfall war ein Radfahrer. 2019 kamen in Berlin sechs Radfahrer bei Kollisionen ums Leben, laut Polizei waren insgesamt 40 Verkehrstote zu beklagen.

Nach Berechnungen des Allgemeinen Deutschen Fahrrad-Clubs, kurz ADFC, starben sogar sieben Radfahrer. „Eine Frau, die auf dem Mariendorfer Damm tödlich verletzt wurde, starb mehr als 30 Tage später. Damit wurde sie in der Polizeistatistik nicht gezählt“, erklärte Susanne Grittner vom ADFC. „Jeder Tote im Straßenverkehr ist einer zu viel“, sagte Kerstin Leutloff am Rande der Mahnwache. Sie forderte rigorose Tempolimits.

Sicherheitstechnik erst ab 2022 Pflicht - und nicht für alle

Das tödliche Zusammenstoß am Kottbusser Tor scheint einer jener typischen Rechtsabbieger-Unfälle zu sein, die relativ häufig passieren. Lkw-Fahrer sehen herannahende Radfahrer oft nicht.   Elektronische Abbiegeassistenten könnten Abhilfe schaffen. Sie warnen den Fahrer, wenn vor oder neben einem Fahrzeug ein Mensch oder ein Hindernis auftaucht.

Doch derzeit besteht keine Pflicht, Lkw ab 3,5 Tonnen und Busse mit dieser Technik auszustatten – auch wenn einige wenige Spediteure, auch in Berlin, bereits darauf zurückgreifen. Erst ab 2022 müssen neue Fahrzeugtypen in der Europäischen Union Abbiegeassistenten haben, ab 2024 auch neue Fahrzeuge.

„Für Fahrzeuge, die es jetzt schon gibt, gilt diese Pflicht also nicht“ – das hält nicht nur Susanne Grittner für einen Skandal. Deshalb wollten die Aktivisten im Anschluss an die Mahnwache vor dem Bundesverkehrsministerium demonstrieren. Schon seit Jahren fordert der ADFC, dass elektronische Abbiegeassistenten vorgeschrieben werden.

Nicht der erste tödliche Unfall am Kottbusser Tor

Berlin ist voll mit Unfallschwerpunkten wie dem Kottbusser Tor, wo schon vor knapp zwei Jahren eine Fußgängerin von einem nach rechts abbiegenden Sattelzug überrollt wurde. „Nach dem Unfall im Februar 2018 hat die Unfallkommission über den Umbau des Kotti beraten. Doch es ist nichts passiert“, sagte Denis Petri von Changing Cities am Rande der Mahnwache. „Die Unfallschwerpunkte in Berlin sind bekannt, doch sie werden zu langsam entschärft.“


Tote und Schwerverletzte

  • Die Polizei registrierte im Jahr 2018 insgesamt 7 971 Unfälle mit Radfahrern. Das war ein Anstieg im Vergleich zum Vorjahr. Elf Menschen starben. Im vergangenen Jahr kamen „nur“ sechs Radfahrer ums Leben – bei einem Astieg der Radfahrerunfälle um drei Prozent.
  • Die meisten Unfälle, an denen Radler beteiligt sind, geschehen in der Innenstadt. Mehr als ein Fünftel der Unfälle passieren in Mitte, gefolgt von Friedrichshain-Kreuzberg (14,52 Prozent) und Pankow (11,27 Prozent) und Charlottenburg-Wilmersdorf (10,24 Prozent).
  • Etwa jeder vierte Tote bei einem Verkehrsunfall war 2018 ein Radfahrer. Auch die Anteile der Schwerverletzten in jenem Jahr mit 31,71% und der Leichtverletzten mit 34,43% an den jeweiligen Gesamtzahlen verdienen laut Polizei besonderes Augenmerk.

Zu den Änderungen müssten auch die Trennung von Grünphasen für Fußgänger und Radfahrer einerseits sowie für rechts abbiegende Fahrzeuge andererseits gehören. Nach einer Begehung mit der Polizei kündigte die Verkehrsverwaltung als Sofortmaßnahme an, die bauliche Gestaltung des Radwegs und „signaltechnische Maßnahmen an den Ampelanlagen“ zu prüfen.

Über 40 Prozent der Unfälle von Kraftfahrern verursacht

Die aktuellste Unfallstatistik der Polizei ist die für das Jahr 2018. Demzufolge wurden 48,96 Prozent der Radfahrunfälle durch die beteiligten Radfahrer selbst verursacht. Bei 40,43 Prozent waren Pkw-Fahrer schuld. Auch Fußgänger oder Motorradfahrer verursachen Unfälle mit Radfahrern – und zu 4,14 Prozent Lastwagenfahrer. Dies waren dann meist die schwersten Unfälle.

„An erster Stelle bei den Hauptunfallursachen der Radfahrer steht der ungenügende Sicherheitsabstand, der oft als ,Durchschlängeln’ ohne den ausreichenden Platz dafür zu haben und damit verbunden Sachschäden an Fahrzeugen verursacht“, schreiben die Statistiker der Polizei. Es folgen verbotswidrige Fahrbahnbenutzung und Fehler beim Einfahren in den Fließverkehr. Nach Angaben der Berliner Polizei fällt auch bei Radfahrern immer öfter unangepasstes Geschwindigkeit auf.