Ein weißes Fahrrad zeugt von dem Unglück.
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Berlin - Sie sind keine Christen. Aber dann sind sie doch in die Kirche gegangen. Am Volkstrauertag nahmen Jeanette K. und Uwe L. an einem Gottesdienst teil. Nach dem Tod ihrer Tochter greifen sie nach allem, was ihnen Halt verspricht. Die Marienkirche am Alexanderplatz ist zu einem Drittel gefüllt. Gemeinsam mit dem Allgemeinen Deutschen Fahrradclub wird hier aller in Berlin getöteten Radfahrer gedacht. Vor dem Altar steht ein weißes Fahrrad, das einem Achtjährigen gehörte, der am 13. Juni an der Nauener Straße in Spandau von einem rechtsabbiegenden Lkw getötet wurde.

Am Tag zuvor, am 12. Juni, starb Ronja, die Tochter von Jeanette K. und Uwe L. Sie war in Rummelsburg mit ihrem Fahrrad unterwegs und hatte den Blockdammweg überquert, als eine Straßenbahn sie erfasste. Die Bahn schleifte sie mehr als 20 Meter mit, ehe sie stehen blieb.

Viele Unfälle mit Straßenbahnen verlaufen tödlich. Doch Ronja hatte einen Schutzengel. Sie hatte zwei Finger verloren, aber sie lebte. Sie lag unter dem Waggon und war ansprechbar. Ein Mann rannte hin und redete mit ihr. Ihre Freundin versuchte, sie zu beruhigen. Sie sagte: Mach einfach die Augen zu. Du wirst gerettet. Hab’ Vertrauen! Ronja hatte immer Grundvertrauen. In ihre Mutter, in ihren Vater.

Herzloser Umgang mit den Hinterbliebenen

Mit hydraulischem Gerät hoben Feuerwehrleute die Straßenbahn an. Doch plötzlich fiel der Koloss wieder herunter. Zwei Feuerwehrleute, die Ronja hervorziehen wollten, wurden verletzt. Ronja wurde von der herabstürzenden Straßenbahn getötet.

Jeanette K. und Uwe L. haben seither viel Unterstützung bekommen: von ihren Freunden und Kollegen. Wer sie aber im Stich lässt, das sind die Staatsanwaltschaft, die Polizei, die Feuerwehr.

Der Fall wirft ein Schlaglicht darauf, wie die Behörden dieser Stadt mit Opfern und deren Hinterbliebenen umgehen. Er reiht sich ein in eine Reihe ähnlicher Fälle – etwa in den herzlosen Umgang mit den Hinterbliebenen des Terroranschlags auf den Weihnachtsmarkt am Breitscheidplatz 2016, denen sogar die Leichenschau der Getöteten in Rechnung gestellt wurde.

Polizisten schieben die Mutter weg

Ronja besuchte die 8. Klasse des Hans-und-Hilde-Coppi-Gymnasiums in Karlshorst. Sie war begeistert vom Beruf ihres Vaters, der bei der Deutschen Welle beschäftigt ist. Sie wollte Reporterin oder Moderatorin werden. Gerade hatte sie ein Leistungstief in der Schule überwunden und wollte ihre Noten mit zusätzlichen Vorträgen aufbessern.

An jenem 12. Juni hatte sie zusammen mit ihrer Freundin einen Biologie-Vortrag zum Thema Bulimie und Magersucht ausgearbeitet. Für sie ging es nur noch vorwärts.

Beide Mädchen standen vor dem Schreibtisch ihrer Mutter, die sich den Vortrag anhörte. Die Mutter fragte noch: Wollt ihr euch nicht erst eine Pizza holen?

Nein, erst die Arbeit, sagte Ronja. Erst nach dem Vortrag sind die beiden los, um Pizza zu holen. Fünf Minuten sind die Kinder weg, als das Telefon der Mutter klingelt. Eine fremde Frauenstimme. Schreie im Hintergrund. Am Apparat ist eine Polizistin. Sie sagt, dass ein Unfall passiert ist. Das Mädchen habe großes Glück im Unglück.

Ein paar Minuten später ist die Mutter dort. Sie sieht, dass das Fahrrad ihr Tochter am Boden liegt. Polizisten empfangen sie und schieben sie weg, hin zu einem Betreuungspunkt an der Tankstelle. Sie soll sich hinsetzen, Wasser trinken. Doch die Mutter will mit ihrem Kind sprechen. Das geht nicht. Aber sie darf mit ins Krankenhaus fahren, sagt man ihr. Auch der Vater trifft jetzt ein.

Irgendetwas stimmt nicht

Dann kommt Unruhe auf. Immer mehr Feuerwehrautos fahren vor. Ein verletzter Feuerwehrmann wird an ihnen vorbeigetragen. Der Betreuungspunkt wird weiter nach hinten verlegt, hinter die Waschstraße. Nach ein paar Minuten kommt ein Seelsorger. Beim Vater kommt das Gefühl auf, dass hier irgendwas nicht stimmt. Seine Knie werden weich.

Man habe jetzt mit der Reanimation begonnen, sagt der Seelsorger. Scheibchentaktik, denkt Uwe L. Er denkt, dass alle um ihn herum wissen, was passiert ist, nur er nicht. Dann kommt der leitende Notarzt. „Ich muss Ihnen mitteilen, dass wir die Reanimation eingestellt haben.“

Etwa 20 Feuerwehrleute müssen psychologisch betreut werden. Auch um Ronjas Eltern kümmert sich an jenem Tag ein Seelsorger. Erst am nächsten Tag erfahren die Eltern aus den Medien, dass das Kind durch die Panne mit der herabstürzenden Straßenbahn erschlagen wurde. Das sei ihnen in keiner Weise mitgeteilt worden, sagt die Mutter.

Ronja wird zur Vorgangsnummer

Der Verkehrsermittlungsdienst der Polizeidirektion 6 übernahm die Ermittlungen. Ronja wurde zur Vorgangsnummer 180612/1635/029931. Nach ein paar Wochen durften die Eltern Portemonnaie, Luftpumpe und Handy ihrer Tochter abholen.

Freunde vermittelten ihnen einen Anwalt, der dann Strafantrag gegen die Verantwortlichen der Bergung stellte und von der Staatsanwaltschaft zur Antwort bekam: „Ihr Schreiben wurde dem Tathergang angeheftet. Nach Abschluss der Ermittlungen wird der Vorgang an die Amtsanwaltschaft Berlin, Kirchstraße 6/7 abgegeben.“

Das war das Letzte, was die Eltern von den Behörden hörten. Am vergangenen Dienstag war der Unfall genau ein halbes Jahr her. Bis heute erfuhren die Eltern nichts vom Verkehrsermittlungsdienst, nichts von der Staatsanwaltschaft, nichts von der Feuerwehr.

Dem Schutzengel die Flügel ausgerissen

Jeanette K. und Uwe L. sitzen am Küchentisch in der Wohnung des Vaters in Karlshorst. An der Wand hängen Fotos von Ronja, an einer Wäscheleine im Arbeitszimmer ihre Kinderzeichnungen.

Die Eltern sind gefangen in einem Nichts. Sie kommen nicht richtig zum Trauern und zum Verarbeiten, sagen sie. „Weil die Aufklärung des Falles nicht abgeschlossen ist und wir deshalb nicht lernen können, für den Rest unseres Lebens damit umzugehen. Weil wir endlich wissen wollen, was genau vorgefallen ist, wer mit Ronja in ihren letzten Minuten noch gesprochen hat. Hat sie nach ihren Eltern gerufen? Wir wissen nur, dass unser Kind eine Chance hatte. Dass es einen Schutzengel hatte. Und ihm wurden die Flügel ausgerissen. Durch einen Fehler.“

Ronja wenige Wochen vor ihrem Tod.
Foto: Privat

Uwe L. krampft die Fäuste zusammen. „Dass da nichts kommt, irgendeine empathische Regung, die es uns leichter macht. Das ist so eine Riesensauerei.“

Uwe L. ist ein Mann, der mit beiden Beinen im Leben steht, und keinesfalls zu Verschwörungstheorien neigt. Aber von Tag zu Tag wird bei ihm das Gefühl stärker, dass vertuscht werden soll, wer für den Unfall und den Tod seiner Tochter verantwortlich ist. „Je länger nichts kommt, desto mehr habe ich das Gefühl, dass da gemauschelt wird. Wir wollen doch niemandem den Kopf abreißen. Wir wissen, dass die Menschen dort helfen wollten. Aber wir möchten wissen, wer für was verantwortlich war, wer welche Anweisung gab, ob vielleicht ein falsches Hebewerkzeug benutzt wurde. Wir wollen das für Ronja wissen, damit wir irgendwann unsere Ruhe finden.“

Nicht einmal eine Geste kam

Es gibt ja auch viele Fragen: Warum wurde gleich am Tag nach dem Unfall das Gras auf den Schienen gemäht, obwohl der Ermittlungsdienst noch mit der Spurensicherung befasst war? Wurde das Hydraulikgerät, das die Bahn anhob, für die Untersuchung sichergestellt und nicht wieder ins Feuerwehrauto verladen, wie die Eltern gehört haben? Und warum hat der Verkehrsstaatssekretär schon am nächsten Tag erklärt, dass den Straßenbahnfahrer keine Schuld treffe? Warum müssen Straßenbahnen an dieser Stelle überhaupt so schnell fahren?

Solche Dinge würden die Eltern zumindest einmal in einem informellen Gespräch mit den Verantwortlichen wissen. Irgendein Zeichen hätten sie gern, eine Geste, dass man sie nicht vergessen hat.

Der Sprecher der Feuerwehr will sich wegen des Strafverfahrens, das bei der Staatsanwaltschaft geführt wird, nicht äußern. Unbeantwortet lässt er die Frage, ob seine Behörde in Kontakt mit den Eltern des getöteten Mädchens ist. Eine Sprecherin der Staatsanwaltschaft sagt lediglich: „Die Ermittlungen dauern an.“ Technische Gutachten dauerten lange. Der Fall ist juristisch heikel.

Ronja ist immer mit dabei

Jeanette K. steht vom Tisch auf und holt ein Fotobuch. Ronja hatte zwei Wochen vor ihrem Tod Jugendweihe. Die Bilder zeigen ein lachendes Mädchen in hellem Kleid, es war ein Riesenfest.

Einige Tage nach dem Unfall gab es an der Haltestelle eine Gedenkkundgebung für Ronja. Es kamen Kollegen der Eltern, Mitschüler und viele Freunde. Sie nahmen die Eltern, die jeden Halt gut gebrauchen können, in die Arme. Die Versammelten ließen 400 Luftballons aufsteigen. Da hatte der Vater das Gefühl, dass Ronja direkt hinter ihm stand. Sie ist auch neben ihm, wenn er Auto fährt. Im Landcruiser, in dem er zusammen auf Island mit ihr über schmale gefährliche Straßen am Abhang fuhr, während sie blind auf seine Fahrfertigkeiten vertraute. Ronja vertraute ihm immer.

Wie auch dem Mann, der ihr unter der Straßenbahn zusprach. Und ihrer Freundin, die ihr sagte, dass sie einfach die Augen schließen solle. Ihre Eltern hoffen, dass Ronja unter Schock stand. Schock betäubt. Sie hoffen, dass sie keine Schmerzen spürte. Aber sie wissen es eben nicht! Weil ihnen niemand etwas sagt.

An mehreren Fronten

Die Kräfte von Ronjas Eltern sind aufgebraucht. Jeanette K. muss trotzdem weiter Kraft für ihre größeren Kinder Lisa und Franz aufbringen, die unter dem Tod ihrer Schwester leiden. Nach dem Unfall brach bei Uwe L. Krebs aus. Seine Abwehrkräfte sind am Ende. Seit dieser Woche muss er sich einer Chemotherapie unterziehen. Er muss nun an mehreren Fronten kämpfen.

„Informationen sind wichtig. Die Trauerprozesse sind unglaublich schwer, wenn offene Fragen mit dran hängen“, sagt Justus Münster, Beauftragter für Notfallseelsorge der evangelischen Kirche. Er schränkt aber ein: „Es kann sein, dass es für die Eltern ein Stück leichter wird, wenn die offenen Fragen beantwortet werden, muss es aber nicht.“ Denn eine beantwortete Frage ziehe weitere offene Fragen nach sich. Zum Beispiel, wer welches Gerät gewartet hat. „Das Einzige, was den Eltern etwas Frieden bringen wird, ist die Zeit. Doch das bevorstehende Weihnachtsfest, und der nächste Geburtstag des Kindes sind Punkte, die die Eltern erstmal zurückschicken in die Trauer.“

An der Unfallstelle am Blockdammweg steht ein weißes Fahrrad, das mit Blumen geschmückt ist. Am vergangenen Dienstag, genau ein halbes Jahr nach Ronjas Tod, stellten die Eltern dort ein Holzkreuz auf. Ronja ist auf dem Evangelischen Friedhof an der Robert-Siewert-Straße beerdigt. Immer wieder besuchen die Eltern das Grab. Uwe L. sagt: „Ronja und wir haben immer zusammengehalten. Das wird immer so bleiben.“

Nachdem sich die Berliner Zeitung Ende vergangener Woche bei der Berliner Staatsanwaltschaft nach dem Stand der Ermittlungen in diesem Fall erkundigte, darf der Anwalt der Familie nun  Akteneinsicht nehmen.