Joachim H. musste zu einem Termin in Jüterbog und hatte es eilig. Als der Architekt in seinen Volvo stieg, sah er einen Zettel, der hinter dem Scheibenwischer klemmte: „Ich liebe dich, aber ich hasse dein Auto“, stand darauf. „Wir haben die Luft aus deinem Reifen gelassen.“ H. dachte an einen schlechten Scherz. „So etwas macht doch keiner“, sagt er. Als er losgefahren sei, habe es geholpert. Er stellte fest, dass die beiden rechten Reifen platt waren.

So wie ihm ging es am Montagmorgen in Westend weiteren Autofahrern. An insgesamt 25 Fahrzeugen hatten angebliche Klimaschützer die Luft aus den Reifen gelassen und entsprechende Zettel hinter die Scheibenwischer geklemmt: unter anderem am Fürstenplatz, der Linden- und der Ulmenallee, am Karolingerplatz und der Nussbaumallee. Die Anzeigen seien im Laufe des Tages eingegangen, sagte eine Polizeisprecherin am Dienstag. Am Abend habe die Internetwache der Polizei eine weitere Anzeige erhalten, aus dem Bezirk Mitte, wo an der Rungestraße die Luft aus den Reifen eines Autos gelassen wurde. Am Scheibenwischer ein Zettel mit der Aufschrift „Vorsicht, platte Reifen – Verkehrswende jetzt!“

BLZ
So einen Zettel fanden Autofahrer an ihrem Scheibenwischer

„Nicht nur, dass es sich um Sachbeschädigung handelt. Hier wird auch die Sicherheit der Autobesitzer aufs Spiel gesetzt. Nicht auszudenken, wenn zum Beispiel der Zettel weggeweht worden und man vielleicht noch im Dunkeln mit dem Auto losgefahren wäre“, sagt Joachim H.

Hunderte Autos sind bereits betroffen

Der für die Verfolgung politisch motivierter Straftaten zuständige Staatsschutz im Landeskriminalamt hat in allen Fällen die Ermittlungen übernommen. Tatverdächtige – auch aus früheren Fällen – konnten nicht ermittelt werden.

Unter anderem in Prenzlauer Berg hatten mutmaßliche Klimaaktivisten im Februar an mehr als 100 Autos die Luft rausgelassen. Dabei handelte es sich vornehmlich um SUV. Sie hinterließen Zettel mit Botschaften wie: „Fuck SUV“ und „Verkehrswende jetzt“. Inzwischen sind der Polizei rund 200 Fälle bekannt, in denen Luft aus Reifen gelassen wurde – neben Prenzlauer Berg und Mitte auch Charlottenburg-Wilmersdorf und Steglitz-Zehlendorf.

Joachim H. aus Westend schaffte es schließlich doch noch nach Jüterbog. Er sagt, dass er sehr langsam auf den Felgen zu einer nahe gelegenen Tankstelle gefahren sei, um die Reifen wieder aufzupumpen. „Es ist sicherlich kein Weg, die Klimakrise anzugehen, indem man mit der Gesundheit und dem Leben anderer spielt“, sagt er. Von „Liebe“ könne ja hier wohl keine Rede sein.