Berlin - Shahin, 43 Jahre alt, Maschinenschlosser aus Schöneberg, hat sich viele Gedanken um den Krieg in Syrien gemacht. Er hat gelesen, dass immer mehr deutsche Jugendliche als Kämpfer dorthin ziehen, weil sie glauben, dass sie ins Paradies kommen, wenn sie gegen Ungläubige kämpfen. Shahin hat selbst einen 24 Jahre alten Sohn, er hat Angst, dass dieser anfällig werden könnte und redet deshalb viel mit ihm. „Ich kläre ihn auf, dass die radikalen Prediger, die im Internet zum Heiligen Krieg aufrufen, Lügen verbreiten“, sagt er. Alle Religionen seien gleichberechtigt. Doch er weiß, dass sich nicht alle so um ihren Nachwuchs kümmern.

Shahin gehört zu den türkischstämmigen Männern, die sich regelmäßig in der Vätergruppe des Vereins Aufbruch Neukölln austauschen. Vier Wochen lang haben sie in ihren Treffen über die Radikalisierung von Jugendlichen und ihre Ursachen diskutiert. Sie haben Geschichten gehört, von Jungen, die sich brüsten, Ungläubige getötet zu haben, von Berliner Moscheen, die angeblich mit „Pässen ins Paradies“ um Kämpfer werben. Das Thema hat die Väter so sehr bewegt, dass sie sich entschlossen haben, Alarm zu schlagen, um die Öffentlichkeit aufmerksam zu machen.

„Wir wollen Eltern, Lehrer, Jugendämter und Moscheen sensibilisieren, damit die Prävention besser wird“, sagte der Leiter der Vätergruppe, Kazim Erdogan, am Donnerstag. Tausende Jugendliche seien gefährdet. Er selbst habe erlebt, wie ein Junge innerhalb von zwei Wochen so radikalisiert wurde, dass er bereit war, für die Hizbollah in den Krieg zu ziehen. Erdogan macht die mangelnde Kommunikation in Familien mitverantwortlich. In vielen Elternhäusern herrsche die Auffassung, die Erziehung der Kinder erledige Kita und Schule.

Aus religiösen Gründen und Abenteuerlust

Der Neuköllner SPD-Abgeordnete Erol Özkaraca lobte die Initiative, die ein bisher wenig beachtetes Phänomen aufgreife. Besonders wichtig sei, dass die Initiative nicht von Sozialarbeitern oder Lehrern ausgelöst sei, sondern direkt aus der Migrantenszene käme.

Wie hoch die Zahl der deutschen Dschihadisten in Syrien ist, weiß niemand genau. Laut Verfassungsschutz sollen deutschlandweit 240 junge Muslime nach Syrien ausgereist sein, davon etwa 30 aus Berlin. Dem SPD-Abgeordnete Özkaraca ist nur ein Fall bekannt, der vor dem Kammergericht liegt. Der bekannteste der Berliner Glaubenskrieger ist der ehemalige Gangster-Rapper Deso Dogg, der aus Syrien Propaganda-Videos auf Deutsch sendet.

Die jungen Radikalen sind häufig Konvertiten aus nicht-muslimischen Familien – und sie werden immer jünger. Das hat Claudia Dantschke vom Zentrum für demokratische Kultur beobachtet, die Eltern berät, deren Kinder in die Islamisten-Szene abdriften. Waren es vor einigen Jahren noch 17-, 18-Jährige, die sich für den Glaubenskrieg interessierten, radikalisieren sich inzwischen sogar schon Zwölfjährige. Die Eltern, die sich an sie wenden, seien hilflos und reagieren oft autoritär, wenn die Kinder sich verändern.

Die Jugendlichen werden meist von Gleichaltrigen angesprochen oder lassen sich von Youtube-Videobotschaften aufhetzen. In Berlin sei auch ein Verein aktiv, der sich als Hilfsorganisation für Syrien tarne, aber zur Rekrutierung diene, berichtet Dantschke.

Viele Jugendliche sehen im Syrien-Konflikt das Versagen der westlichen Welt und identifizieren sich mit dem Leid von Glaubensbrüdern. Andere reisen aus Abenteuerlust. Manche wollen sich mal mit einer AK-47 fotografieren lassen, um damit zu Hause anzugeben. Anfällig sind Männer ohne Schulabschluss und ohne feste Familienstruktur. Expertin Dantschke warnt aber davor, die Jugendlichen vorschnell als „Gotteskrieger“ zu verurteilen. Die wenigsten seien religiös gefestigt, es handelt sich eher um junge Menschen auf Sinnsuche. „Es geht um emotionale Anerkennung“, sagt sie. Sie kritisierte, dass erfolgreiche Präventions-Projekte gestrichen wurden.