„Radio hören wie vor 100 Jahren“: Historische Sendestation rekonstruiert

1920 wurde in Königs Wusterhausen die erste öffentliche Radiosendung in Deutschland ausgestrahlt – das wir nun vor Ort ein ganzes Jahr lang gefeiert.

Ein Ort mit Tradition: Rainer Suckow, Chef des Funkerberg-Vereins im Maschinensaal des Museums. Der 53-Jährige hat auch ein Buch zum Thema geschrieben.
Ein Ort mit Tradition: Rainer Suckow, Chef des Funkerberg-Vereins im Maschinensaal des Museums. Der 53-Jährige hat auch ein Buch zum Thema geschrieben.Foto: Gerd Engelsmann

Königs Wusterhausen - Der „Hertz-Raum“ des Sender- und Funktechnikmuseums Königs Wusterhausen steht sprichwörtlich unter Hochspannung. Zahlreiche Mitglieder des Fördervereins Sender Königs Wusterhausen und seiner Jugendwerkstatt stehen in dem Experimentierlabor, das nach dem Physiker und einem der Wegbereiter des Radios Heinrich Hertz benannt ist. Sie schauen gebannt auf eine Apparatur aus runden und eckigen Behältern und Blechen, Spulen und Drähten, Stöpseln und Steckern, Reglern und Widerständen.

Ihre Kompagnons Maik Schilling und Markus Endler prüfen mit ein paar Griffen alle Verbindungen des für den Laien so rätselhaften Konstrukts. „Na dann schauen wir mal, ob wir eine ordentliche Welle hinbekommen“, sagt Markus Endler und greift nach einem Fläschchen reinem Ethanol, während sein Kumpel ein Handy bereitlegt.

Lichtbogensender wie zur Geburtsstunde des Radios

Die Maschine ist ein von den Vereinsmitgliedern konstruierter und gebauter Lichtbogensender mit Brennkammer, Schwingkreis und Modulationsdrossel – so wie er zur Geburtsstunde des deutschen Radios vor genau 100 Jahren an diesem Ort im Senderhaus 1 des sogenannten Funkerberges von Königs Wusterhausen (Dahme-Spreewald) zum Einsatz kam.

Postbeamte der damals dort ansässigen Hauptfunkstelle gingen am 22. Dezember 1920 um Punkt 14 Uhr dank dieser Technik – die erstmals die Übertragung von Sprache und Musik ermöglichte – mit einem Weihnachtskonzert live auf Sendung. Es erklangen Gesang, Klarinetten- und Cellospiel.

Es war der entscheidende Meilenstein in der Entwicklung des knapp 70 Meter hohen Hügels südöstlich von Berlin. Dort hatte das Militär zuvor schon zahlreiche Funkversuche unternommen. Mit Funkerkaserne und -schule, mit mehreren Sendergebäuden und einem Antennenwald von bis zu 20 Türmen und Masten galt der Funkerberg als einer der größten Sendestandorte in ganz Deutschland. Bis Mitte der 1990er Jahre wurden von dort die Programme von Berliner Rundfunk oder Deutschlandfunk abgestrahlt. Noch heute kündet der sogenannte Mast 17 – ein weithin sichtbarer 210 Meter hoher Funkturm – von der bewegten Ära des 130 Hektar großen Areals.

Und der Funkerberg-Verein hält sie lebendig im Senderhaus 1, dem ältesten Rundfunkgebäude Deutschlands. Zum 100. Geburtstag des deutschen Radios will der Verein nun sein Meisterstück liefern und den historischen Moment der ersten Hörfunk-Liveschaltung noch einmal herauf beschwören. Vier Jahre lang wurde getüftelt, um einen originalgetreuen Sender zu konstruieren und aufzubauen. Wir sind dabei, wenn er erstmals intern vorgeführt wird. Es ist sozusagen eine Generalprobe, um ihn alsbald im Zuge der diesjährigen Jubiläumsfeiern öffentlich präsentieren zu können.

Alkohol verdampft in stählerner Brennkammer

Es ist ganz still im Raum. Mit feierlichen Habitus schaltet der 32-jährige Maik Schilling das Handy an. Es spielt leise Swingmusik der Goldenen Zwanziger des vergangenen Jahrhunderts. Er stöpselt es an das Höllengerät von Maschine. Der zweite Zeremonienmeister, der 31-jährige Markus Endler, füllt ein paar Schlückchen vom Alkohol in die kleine stählerne Brennkammer. Er drückt einen metallenen Knopf, in der Kammer zündet ein Funke und der bewegliche Deckel hüpft kurz zischend in die Höhe. Unter seiner gläsernen Scheibe können die Beobachter ein kreisendes Licht sehen, und gleichzeitig dudelt in einem alten Radioempfänger auf der anderen Seite des Raumes die Musik vom Handy. „Voila“, sagt Maik Schilling und bringt die komplexe Materie auf einen einfachen Nenner: „Der Alkohol ist verdampft, und der Sender sendet.“

Es folgen Schulterklopfen, Umarmungen, Bravo-Rufe. „Jungs, das ist einfach nur geil“, lässt der Vereinsvorsitzende Rainer Suckow seinen Gefühlen freien Lauf. „In euch steckt der gleiche Pioniergeist wie bei den Leuten von damals.“

Der gelernte Sendetechniker hat von Anfang an die bunte Truppe ehemaliger Funkerberg-Beschäftigter, heimathistorisch Interessierter und junger Technikfreaks mit aufgebaut. Er denkt in diesem Moment auch an seinen bereits verstorbenen Mitstreiter Lutz Dunker, der einer der maßgeblichen Initiatoren des Versuchs war. „Seit fast drei Jahrzehnten hüten bei uns Alt und Jung das Erbe des Ortes“, sagt der 53-Jährige. „Uns alle verbindet die Liebe zum Radio. Es verkörpert für uns Fortschritt, Kreativität und vor allem die Freiheit des Geistes.“

Heute Begegnungsort und Museum

Die derzeit etwa 80 Enthusiasten haben es mit Unterstützung der Stadt Königs Wusterhausen geschafft, aus einem rein technischen Denkmal nach und nach ein lebendiges Museum zu machen. Der altehrwürdige, 1916 errichtete Bau ist zu einem für jedermann offenen Begegnungsort mit zahlreichen Ausstellungen zur Funk- und Fernsehgeschichte, mit Experimentierwerkstatt, Versuchslabor und Veranstaltungssälen geworden. „Wir legen Wert darauf, die Geschichten zu erzählen und über die Menschen zu berichten, die mit dem revolutionären Entwicklungen hier auf dem Berg einher gehen“, sagt Rainer Suckow. „Und wir wollen Lust auf eigene Entdeckungen machen.“

Markus Endler und Maik Schilling fanden zum Beispiel schon als zehnjährige Steppkes über die Jugendwerkstatt zum Verein. Beide sind heute hoch spezialisierte Konstruktionsmechaniker. In ihrer Freizeit ruft aber noch immer der Berg.

Um dessen Botschaften hinaus ins Land zu tragen, nutzt der Verein selbstredend auch das Medium, für das er so leidenschaftlich brennt. Seit einigen Jahren gehen die Radioliebhaber einmal im Monat mit einem selbst produzierten Programm auf Sendung. Demnächst werden sie der Welt natürlich davon berichten, warum und wie sie eine Welle wie ihre Vorgänger 1920 zum Schwingen gebracht haben – auf der die Musik durch den Äther surft.

Radio wie vor 100 Jahren
Verein: Der Förderverein Sender KW hat mit vielen Partnern ein ganzjähriges Programm zur Feier des 100-jährigen Jubiläums des deutschen Radios vorbereitet. Am Sonntag, 9. Februar, lädt er ab 14 Uhr zur Show „Radio hören wie vor 100 Jahren“ ins Sender- und Funktechnikmuseum von Königs Wusterhausen ein.

Show: Dabei wird der Lichtbogensender vorgeführt. Die Sprachmodulation erfolgt stilecht mit der Sprechkapsel eines Telefons, die Musik kommt von der Schallplatte.

Technik: Dazu präsentieren die „Berliner Radiofreunde“ seltene und skurrile Radios aus 100 Jahren Empfängerentwicklung. Wer wissen will, ob sein altes Radio noch zu retten ist, kann sich beraten lassen.

Auszeichnung: Der Verein hat erreicht, dass die Übertragung des legendären ersten Konzerts von 1920 als „Internationaler Meilenstein der Technikgeschichte“ geadelt und damit in die Fame of Hall der weltweiten bahnbrechenden Erfindungen aufgenommen wurde.

Museum: Ist zu finden unter der Adresse Funkerberg 20 und ist regulär Dienstag, Donnerstag, Sonnabend und Sonntag von 13 bis 17 Uhr geöffnet. Der Eintritt kostet 5 Euro, ermäßigt 3 Euro. Nächste Veranstaltung ist am 7. März die Buchpremiere „Eine Prise Funkgeschichte“.

Anmeldungen zu Führungen unter Tel. 03375-293601 oder per Email: verein@funkerberg.de Weitere Infos unter: www.100JahreRundfunk.de  www.museum.funkerberg.de