Heinrich Strößenreuther kann sich noch gut an seine ersten Erfahrungen mit dem Verkehr erinnern. „Ich bin in Breddewarden aufgewachsen, einem Dorf mit 50 Einwohnern in Friesland. Als Kinder saßen wir auf der Straße und malten“, erzählt er. Zur Schule fuhr er mit seinem Rad. Heute sagen Eltern: Der Verkehr ist zu gefährlich – sie chauffieren ihre Kinder, was die Straßen noch unsicherer macht. „Ich will, dass Eltern ihre Kinder wieder ohne Sorge zur Schule fahren lassen können“, sagt Strößenreuther, mittlerweile selbst Vater. Dazu bereiten er und seine Mitstreiter ein Plebiszit vor – das erste Berliner Volksbegehren für einen sicheren Radverkehr.

Für alle, die etwas gegen zu viele Autos haben, ist der Berliner Unternehmensberater kein Unbekannter. Nachdem Strößenreuther Greenpeace-Kampagnen geleitet und Lokführer der Deutschen Bahn zu energiesparendem Fahren ermutigt hatte, machte er mit spektakulären Verkehrsaktionen von sich reden.

Petition für höhere Bußgelder

Er initiierte eine App, mit der man falsch geparkte Autos melden kann. Er beteiligte sich an Parkplatzbesetzungen, wirbt für Yoga auf dem Rad und setzt sich in seiner Initiative „Clevere Städte“ für umweltfreundlichen Verkehr ein. 2014 startete er eine Petition für höhere Bußgelder.

Platz, Raum: Das sind für den 47-Jährigen zentrale Begriffe. Wer hat wie viel Platz auf den Straßen? Es ist nicht so, dass er Autos grundsätzlich ablehnt. Der Charlottenburger hat einen Führerschein, und manchmal steuert er Car-Sharing-Autos. „Wir wollen keine autofreie Innenstadt“, bekräftigte auch Peter Feldkamp, einer seiner Mitstreiter. „Doch es ist leider so, dass der Platz auf den Straßen nicht gerecht verteilt ist. Dabei wächst Berlin, und die Mobilitätsbedürfnisse nehmen zu“, sagte der 34-jährige Soziologe vom Netzwerk fahrradfreundliches Neukölln.

Um eine andere Verteilung des Platzes geht es auch im Volksbegehren. „Wir wollen, dass noch mehr Menschen auf das Rad umsteigen“, sagt Strößenreuther. „Das wird aber nur dann geschehen, wenn sie sich dort sicher fühlen. Deshalb brauchen wir bessere Wege und eine bessere Verkehrsmoral.“ Das müsse der Regierende Bürgermeister endlich zur Chefsache machen. Wobei er bei Michael Müller (SPD) bislang skeptisch ist: „Sein Motto lautet: Es darf nichts gegen das Auto passieren.“

Radspuren oder -wege an allen Hauptstraßen

Ein Ausschnitt aus dem Zehn-Punkte-Plan, der Basis des Gesetzentwurfs sein soll: Gefordert werden Radspuren oder Radwege auf allen Hauptstraßen, 50 Grüne Wellen für Radler, 100 Kilometer Radschnellwege und 200.000 Stellplätze für Fahrräder. Außerdem: zusätzlich 200 Kilometer Fahrradstraßen, auf denen Tempo 30 gilt und Radfahrer Vorrang haben, je eine Fahrradstaffel für alle sechs Berliner Polizeidirektionen sowie viel mehr Personal für die Ämter, die Radwege planen.

Auch Autofahrer profitierten, erklärt Feldkamp: „Wenn weniger Autos unterwegs sind, kommt der nötige Verkehr schneller voran“ – etwa Einsatz- und Lieferfahrzeuge sowie die BVG.“ Wenn wie gefordert an 200 Kreuzungen Aufstellzonen markiert würden, wo Radler vor den Autos auf grünes Licht warten können, hätten Kraftfahrer ebenfalls etwas davon: „Die Radfahrer können solche Kreuzungen schneller räumen.“

170.000 müssen unterschreiben

Der Verkehrsclub Deutschland unterstützt das Plebiszit, auch die Jugend des Bunds für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND) sowie die Friedrichshain-Kreuzberger Gruppe des Allgemeinen Deutschen Fahrradclubs (ADFC) sind dafür. Bei den Landesverbänden des BUND und ADFC, die sich der Kärrnerarbeit in Gremien und Ämtern verschrieben haben, kommt die demonstrative Umtriebigkeit aber nicht so gut an. Sie halten den Mega-Wunschzettel für unrealistisch, das Plebiszit könne scheitern.

Strößenreuther erwartet nicht nur, dass das Bündnis die 20.000 Unterschriften für den Antrag auf ein Volksbegehren im April und Mai rasch zusammenbekommt. Er rechnet auch damit, dass sich mindestens 170.000 Unterstützer finden, damit das Volksbegehren ein Erfolg wird. „Das wird kein Problem sein“, sagt er. In der Berliner Innenstadt seien mehr Fahrräder als Autos unterwegs. Es stehe fest: Radfahren sei kein Randgruppenthema mehr.

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