Wriezen - Sind Frühjahr und Sommer wirklich die richtigen Zeiten, um ins Oderbruch zu fahren? Lässt sich dieses karge Land mit seinen weiten Feldern und den verschlafenen Dörfern nicht am besten im Herbst erleben, wenn der Dunst über dem Boden liegt und alles in Watte packt? Aber nicht doch!

Gewiss – üppig ist die Natur hier nicht. Das Oderbruch hatte stets nur einen Zweck: fruchtbar sein, Essen produzieren. Darum wurde es im 18. Jahrhundert der Oder abgerungen und besiedelt. Bis heute ist diese von Menschen gemachte, aber doch recht menschenleere Landschaft vor allem eine Hochleistungsagrarfläche. Kein Weiher, kein Wald und kein Hügel lenken davon ab.

Oderbruch ist perfekt für Radtouren

Und genau darum ist das Oderbruch eine der vielleicht besten Radfahr-Regionen in Brandenburg. Hier sind die Wege nicht verschlungen, hier geht es geradeaus. Hier gibt es kein Auf und Ab. Hier gibt es Tempo. Dass eine der populärsten Touren, der Oderbruchbahn-Radweg, mehr als 100 Kilometer misst, muss also nicht schrecken. Die Tour ist leicht an einem Tag zu bewältigen. Wer es gemütlich mag, kann auf halber Strecke ab Golzow Zug fahren.

Start der Radtour in Wriezen

Einst zweigte in Wriezen die Oderbruchbahn von der Linie Eberswalde–Frankfurt (Oder) ab. Die Kleinbahn wurde 1911 eingeweiht und sollte die Zuckerfabriken und die Bewohner des entlegenen Landstrichs an die weite Welt anbinden. Doch Busse und Lastwagen waren schneller und billiger.

Die besten Zeiten der Kleinbahn waren bald vorüber, 1970 fuhr der letzte Zug. Geblieben sind einige alte Stationen und Teile des Bahndamms. Einst bummelten die Züge gemächlich darüber. Heute ist er für Radfahrer eine Expressstrecke und bietet stellenweise ein grandioses Panorama über die endlosen Felder.

Nach einer Stunde versperrt ein noch größerer Damm den Blick: Oben auf dem Deich eine Bank, dahinter die Oder und dahinter Polen. Nun geht’s nicht mehr geradeaus, nun folgt die Route den Windungen des Flusses, mal oben auf dem Deich, mal daneben. In Groß Neuendorf scheint die Oderbruchbahn wieder ganz lebendig.

Waggons auf rostigen Schienen

Am alten Hafen hat ein Güterbahnhof mit imposantem Verladeturm die Zeiten überdauert, Waggons stehen auf rostigen Schienen. Es ist fast fünfzig Jahre her, dass hier Getreide aus den Zügen oder den riesigen Speichern auf Oderkähne verladen wurde. Der Turm dient als Café und Ferienwohnung. Die Waggons sind zu kleinen Lofts umgebaut. Man könnte rasten, oder man macht Strecke.

Weiter den Fluss entlang. Mit Rückenwind ist auf dem Deich Tempo 30 problemlos möglich. Der Fahrtwind pfeift, dennoch dringt das Quaken der Wasservögel durch. Sonstige Geräusche: keine. Vorbei an Kienitz, wo die Rote Armee einst beim Sturm auf Berlin die ersten Brückenköpfe an der Oder errichtete. Dann geht es weg vom Fluss, rein ins Land. Südlich von Seelow erheben sich die Oderhänge, die der nun zehn Kilometer entfernte Fluss einst formte. Man kann sie über Seelow umfahren, so wie einst der Zug. Oder man kürzt ab, erklimmt schnaufend die Anhöhe.

Sanfte Täler um Falkenhagen

Hinter den Hügeln ist die Landschaft eine andere. Es gibt wieder kleine Anhöhen und sanfte Täler. Der Radweg führt wieder auf dem alten Bahndamm entlang. Wer in Golzow in den Zug gestiegen ist, verpasst eine der schönsten Etappen: Fast dramatisch schneidet sich das Platkower Mühlenfließ in die Landschaft, Schafe weiden an den Hängen der kleinen Seen.

Pause machen, Picknick gar? Nein, weiter! Durchs verschlafene Falkenhagen mit der „Straße der Republik“, vorbei an Hasenfelde mit den einsamen LPG-Plattenbauten auf weitem Feld. Dann geht es nach Fürstenwalde, dem Endbahnhof der alten Oderbruchbahn.

Viereinhalb Stunden brauchten einst die Züge. Mit Rad ist es heute in sieben Stunden zu schaffen. Es fühlt sich fast wie Fortschritt an.