Jede Stunde fährt ein Zug vom Ostkreuz nach Templin. Wir sind ein bisschen faul, wir nehmen trotzdem das Auto. Die Fahrräder bleiben aber im Keller! Man muss sie nicht unbedingt mitnehmen. Wir sind, wie gesagt, ein bisschen faul. Unser Gepäck ist leicht. Was für eine Übernachtung gebraucht wird, passt in eine sehr kleine Tasche. Nur die Fotoausrüstung ist mir jetzt schon zu schwer.

Um neun fahren wir in Berlin los. Über Land, durch verträumte Dörfer, vorbei an Pferden und Kühen. Die Wolken reichen bis auf die Felder. Durch ein Zehlendorf, das nicht in Berlin liegt, sondern Teil von Oranienburg ist. Über den Finowkanal. Weites Feld zur rechten, Koppeln zur linken Seite. Die Wolkendecke reißt auf. Das Getreide steht blassgrün auf dünnem Halm. Schorfheide. Die Sonne kommt durch. Eine Apfelbaumallee später ist der Sendemast von Templin zu sehen.

Mit dem Rad von Templin nach Alt Placht

Wir parken die Familienkutsche und steigen um aufs Rad. Wer die Bahnvariante wählt: Das Radcenter Templin in der Altstadtpassage ist vom Bahnhof aus in fünf Minuten zu Fuß zu erreichen. Der freundliche Fahrradhändler hat zwei 28er Räder samt Schloss für uns – und ein Körbchen für meinen Fotokram.

Alles mieten wir für kleines Geld. Es sei überhaupt kein Problem, das Rad am Sonntag zurückzubringen, meint der Verleiher. Er stellt die Sättel auf die richtige Höhe und wünscht uns gute Fahrt. Ein Stück auf dem Uckermärkischen Radrundweg haben wir uns ausgesucht, von Templin nach Lychen. Vom Markt fahren wir über die Brücke, an einer Kleingartenkolonie entlang, und schon ist rundherum nur noch Landschaft. Wir radeln unter Kirschbäumen, der Raps leuchtet gelb, und spätestens jetzt haben wir die Stadt vergessen. Es geht durch Nadelwälder und Laubwälder, die jungen Blätter der Waldheidelbeeren glänzen.

Das erste Wegstück ist so gut ausgebaut, dass wir übermütig glauben, schon fast angekommen zu sein. Deshalb riskieren wir einen Abstecher runter vom bequemen Radweg und rein in den Wald nach Alt Placht. Sauber zugeschnittene Baumstämme liegen ordentlich gestapelt am Wegesrand. Die Stille des Waldes ist uns Stadtmenschen fremd, aber noch fremder sind seine Geräusche. Knistern, knarzen, pochen und rascheln. Wir mühen uns durch den Zuckersand.

Auf einer Lichtung zwischen Waldanfang und Waldende ragt ein blauer Turm empor. Der gehört zum Kirchlein im Grünen, so heißt die Alt Plachter Kirche. Es ist ein Fachwerkbau mit einem Reetdach, von einem Steinwall umgeben. Heiraten möchte man hier, oder doch wenigstens picknicken, damit man einen Grund hat, noch ein bisschen zu bleiben. Die Linden neben der Kirche wurden zur selben Zeit gepflanzt, als Columbus Amerika entdeckte, lese ich in einem Flyer, als ich das schlicht gehaltene Kircheninnere betrete. Es ist eine andere Art der Stille als im Wald hier drinnen. Sie hat mit Zeit zu tun, mit Alter und mit Holzgeruch.

Am Ufer des Platkowsees entlang

Wir kehren zurück auf den Radweg. Die Endmoräne führt uns mal steil bergauf, mal mit Schwung bergab und schließlich eng am Ufer des Platkowsees entlang bis zur Helenenkapelle und zu den Heilanstalten Hohenlychen. Die sind ein lost place, ein vergessener Ort. So sagt man in Berlin zu interessanten Ruinen. Diese hier werden gerade instand gesetzt, noch können sie aber mit einer geführten Tour erkundet werden. Heute bestaune ich die zerfallenen Villen und das laubgefüllte Schwimmbecken nur von draußen.

In Lychen hat offenbar jeder Mensch ein Haus am See, und in dem von Familie Mädel werden wir übernachten. Unser Gepäck und die Fahrräder bringen wir dorthin. Dann sind wir bereit, aufs Wasser zu gehen. Treibholz heißt der Bootsverleih am Oberpfuhlsee. Er liegt hinter dem Flößereimuseum und ist auf Floßfahrten spezialisiert.

Mit dem Boot über den Oberpfuhlsee in den Zenssee

Enttäuscht sieht mich der beste Ehemann von allen an: Ich habe einen Kanadier reserviert. Dazu gibt es Stechpaddel, eine Wasserwanderkarte, eine wasserdichte Verpackung für die Kamera und die Anmerkung, dass der Zickzackkurs beim Kanadierfahren völlig normal ist. Um halb drei paddeln wir los, ganz ohne Ziel: Mal sehen, wie weit unsere Kräfte reichen. Vom Oberpfuhlsee in den Zenssee, und noch einmal an den Heilstätten und der Kapelle vorbei, nur eben von der Wasserseite.

Auf dem See sind die einzigen Geräusche unsere eigenen. Springende Fische sehen wir, und vier Jungs, die zum Angeln rausgefahren sind. Schwanenpaare, Blesshühner, Stockenten und jede Menge furchtloser Haubentaucher. Es frischt auf und der Himmel zieht zu. Unser Kanadier schaukelt bedenklich. Auf dem Platkowsee finden wir, dass wir weit genug gekommen sind. Am Ufer entlang paddeln wir zurück. Um fünf sind wir wieder an der Anlegestelle.

Hungrig und durstig, wie nur Bewegung an frischer Luft hungrig und durstig macht, beschließen wir den Tag in der Mühlenwirtschaft. Da gibt es hellen und dunklen Storch, ein lokales Bier. Der Braumeister bringt es gerade vorbei. Der Bullerjan macht uns die Füße wieder warm. Nach dem Schnitzel müssen wir auch noch den Kuchen probieren. Einfach, weil wir gerade so gemütlich sitzen. Wir sind froh, dass wir erst am nächsten Tag zurück müssen.