Berlin - „Berlin ist viele Städte!“ Darauf sind die meisten Berliner stolz, nicht nur die Spandauer und Köpenicker. Die legendäre Vielfalt Berlins ist Ausdruck einer besonderen Geschichte. In den 1860er-Jahren begann eine stürmische Entwicklung, die Berlin aus einer bescheidenen preußischen Hauptstadt zu einer der größten Städte der Welt, zu einer „Weltstadt“ machte. In kurzer Zeit, zwischen den 1880er-Jahren und dem Ersten Weltkrieg, wurde die soziale und städtebauliche Geografie von Berlin geschaffen, wie wir sie heute noch kennen. Das war eine Zeit ungezügelten Wachstums voller Härten, ohne Schutz der Mieter, mit vornehmen Villenvierteln im Westen und Südwesten sowie hoffnungslos überbelegten Wohnungen in den Arbeitervierteln im Norden, Osten und Südosten Berlins.

Doch in kommunaler Hinsicht war das alles schon nicht mehr Berlin. Denn Berlin war damals noch klein, es hatte nur wenig mehr als die Größe der heutigen Bezirke Mitte und Friedrichshain-Kreuzberg. Das Wachstum fand vor allem um „Klein-Berlin“ herum statt, wo alte und neue Städte und Gemeinden, etwa Rixdorf, Steglitz, Weißensee, hinsichtlich ihrer Einwohnerzahl explodierten.

1920: Groß-Berlin wird gegründet

Bereits in der Kaiserzeit gab es mehrere Initiativen, ein Groß-Berlin zu schaffen. In den 1870er-Jahren scheiterte der Versuch der preußischen Staatsregierung, eine Provinz zu begründen, in den 1890er-Jahren  ein Eingemeindungsplan der Staatsregierung an der Engstirnigkeit der Stadt Berlin. Um 1906 startete die Vereinigung Berliner Architekten zusammen mit dem Architektenverein zu Berlin einen neuen Versuch, der durch einen Wettbewerb Groß-Berlin (1908-10) begleitet wurde. Dieser hatte ein – wenngleich mageres – Ergebnis: die Bildung des Zweckverbandes Groß-Berlin, der 1912 in Kraft trat. Immerhin sicherte der Zweckverband große zusammenhängende Waldgebiete vor der Bebauung, darunter auch Teile des Grunewalds.

Der Erste Weltkrieg brachte den Wachstumsrausch der Kaiserzeit endgültig und abrupt zum Stillstand. In der schweren Nachkriegskrise war es zunächst völlig unklar, was aus Berlin werden sollte. Am 27. April 1920 war es dann soweit: Nach einer Zeit erbitterter politischer und gesellschaftlicher Auseinandersetzungen wurde von der Preußischen Landesversammlung die Einheitsgemeinde (Groß-)Berlin geschaffen – eines der wichtigsten Ereignisse in der über 800-jährigen Geschichte Berlins. Der Beschluss war denkbar knapp: Von 315 Abgeordneten stimmten 164 für das Gesetz, und zwar nur die Vertreter der SPD und der USPD (Unabhängige Sozialdemokratische Partei Deutschlands) sowie Teile der DDP (Deutsche Demokratische Partei).

Zum 1. Oktober 1920 wurde die „neue Stadtgemeinde“ gebildet. Damals wurde Berlin mit den Städten Charlottenburg, Cöpenick, Lichtenberg, Neukölln, Schöneberg, Spandau und Wilmersdorf, 59 Landgemeinden und 27 Gutsbezirken vereinigt. Außerdem wurden 20 Bezirke mit eigener Bürgervertretung und weitgehender Selbstverwaltung eingerichtet. Die Stadtfläche wuchs von 66 auf 878 Quadratkilometer, die Bevölkerung von 1,9 auf knapp 3,9 Millionen. Erst jetzt war – vor dem Hintergrund eines neuen, demokratischen Wahlrechts – eine einheitliche kommunale Städtebaupolitik möglich geworden. Wie aber sollte eine chaotisch gewachsene Großstadtregion städtebaulich geordnet und entwickelt werden?

1933-1989: Groß-Berlin auf Eis

In der politisch zerrissenen, wirtschaftlich dümpelnden und kulturell glänzenden Weimarer Republik konnte sich das neue Groß-Berlin nur wenig stabilisieren. Noch über Jahre gab es eine Bewegung „Los von Berlin“, und in vielen Bezirken trauerte man um den Verlust kommunaler Eigenständigkeit. Dennoch konnte Beachtliches bewegt werden: Der soziale Wohnungsbau wurde begründet, Grün- und Sportanlagen wurden geschaffen, der öffentliche Verkehr und die stadttechnische Infrastruktur rationalisiert und ausgebaut, der Schiffsverkehr wurde gründlich verbessert, der Luftverkehr gewaltig ausgebaut und das Messewesen etabliert. Auch die extensive Bodenvorratspolitik darf nicht vergessen werden. Doch 1933 war alles schon wieder vorbei, die Stadt verlor Schritt für Schritt ihre Unabhängigkeit und wurde zum Gegenstand radikal ausgreifender zentralstaatlicher Planungen.

Das Ergebnis der nationalsozialistischen Diktatur war die Teilzerstörung, die Besetzung und schließlich die Spaltung von Groß-Berlin. Dies bremste das Wachstum entscheidend, ersparte Berlin aber auch eine ausufernde Zersiedelung des Umlands, das seit den 1960er-Jahren die Großstädte des westlichen Europas erfasste.