KLEIN BEHNITZ - Die Straße durch das Dorf führt vorbei an hübsch verputzten Häuschen. Vom Ortseingang bis zum Schild, das das Ende von Klein Behnitz signalisiert, sind es geschätzte 700 Meter. Linkerhand steht die kleine Fachwerkkirche mit dem Friedhof. Ein paar Meter weiter hält der Bus der Linie 660 von Nauen nach Päwesin an einem Wartehäuschen. Das ordentliche Bild des 200 Einwohner zählenden Ortes im Havelland gerät nur durch ein Anwesen gleich neben der Haltestelle durcheinander.

Hinter dem eisernen Tor wuchert Gras und Unkraut hüfthoch und verdeckt verrostete Feldmaschinen. „Privatgrundstück. Betreten verboten!“ steht auf einem gelben Schild, das an der verschlossenen Einfahrt haftet. Der Hof gehört Wilfried Z., einem 72 Jahre alten Bauern, der sein ganzes Leben hier verbracht hat. Bis zu jenem Tag vor acht Monaten, als das Kreisveterinäramt seine Kühe abholen wollte und der Landwirt zur Flinte griff und einen Mitarbeiter der Behörde erschoss.

Seitdem tut sich nichts mehr hinter den Hofmauern. Niemand mäht den Rasen, niemand schaut in den zwei Häusern und im Stall nach dem Rechten. Wilfried Z. sitzt seit der Tat in Untersuchungshaft, seit August muss er sich wegen des tödlichen Schusses vor dem Landgericht Potsdam verantworten. In dem Prozess soll am Donnerstag das Urteil fallen. Alles läuft auf eine lange Haftstrafe hinaus.

Verhandlungstag für Verhandlungstag haben Wachtmeister den kranken Angeklagten, von dem der Staatsanwalt sagt, er sei ein Wrack, im Rollstuhl in den Saal geschoben. Kein Freund ist da, selten mal jemand aus dem Dorf. Mit seiner Schwester hat er sich vor Jahren zerstritten.

Wilfried Z. hatte nur noch seine 30 Kühe. Sie waren seine Familie, seine Kinder. Ihnen hatte er Namen gegeben. Dem Gericht hat der Bauer Fotos von den Rindern mitgebracht. Es war ihm wichtig, sie den Richtern zu zeigen. Dafür schleppte er sich von seinem Stuhl zum Richtertisch. „Die sind nicht krank“, sagte er mit heiserer, abgehackter aber auch trotziger Stimme.

Flinte in der Waschküche

Die Kühe hat das Amt längst abgeholt, seine beiden Schäferhunde leben bei einem Nachbarn. Ein paar Bewohner aus dem Dorf sammeln jeden Monat für das Hundefutter. Klein Behnitz erzählt ein wenig darüber, warum der Bauer eine so furchtbare Tat begangen hat. Warum er seine Flinte aus der Waschküche holte, sie auf den 60-jährigen Frank M. richtete und einfach abdrückte. Eiskalt, wie es der Staatsanwalt sagt.

Nichts im Dorf deutet mehr auf das Drama hin, das sich an jenem trüben Wintertag abgespielt hat. Am Vormittag des 20. Januar hielten vor der Hofeinfahrt an der Riewender Straße zwei Viehtransporter. Drei Mitarbeiter des Veterinäramtes stiegen aus: Frank M., die Amtstierärztin und eine Kollegin. Sie kamen unangemeldet, sie wollten die Kühe des Bauern holen. Schon im Sommer des vorigen Jahres hatte das Amt den Bauern aufgefordert, die Rinder aus Tierschutzgründen abzuschaffen. Wilfried Z. hatte dagegen Widerspruch eingelegt. Die Behörde blieb unerbittlich: Die Kühe müssten weg. Wilfried Z. beugte sich dem zunächst, er brachte die Tiere bei einem anderen Landwirt unter. Bis sich der Bauer seine Tiere zurückholte. Auch er war starrsinnig.

Seit 2007 hatte das Veterinäramt Wilfried Z. immer wieder Auflagen erteilt. Damals musste der Landwirt die Milchproduktion aufgeben, weil Keime entdeckt worden waren. Später stellten die Kontrolleure wiederholt Verstöße gegen den Tierschutz fest. Zuletzt beanstandeten sie die hygienischen Zustände auf dem Hof: Die Tiere standen in der Gülle. Oder auf einer abgegrasten Weide zwischen Stacheldraht und Schrott, wo sie sich verletzen konnten. Sie hatten verschimmeltes Heu zum Fressen und kein Wasser. Sie büchsten dem Bauern auch schon mal aus und liefen durch das Dorf. Nachbarn mussten helfen, die Tiere wieder einzufangen.

Situation auf dem Hof eskalierte

„Wilfried Z. war krank. Er konnte so viele Tiere nicht versorgen“, hat die Amtstierärztin, die einst selbst Rinderzüchterin war, in dem Prozess als Zeugin ausgesagt. Seit 2008 musste der alleinlebende Bauer zur Dialyse. Zuletzt dreimal die Woche für fünf Stunden.

Die Amtstierärztin machte auch deutlich, dass man dem Bauern nicht die Existenz ruinieren wollte. Fünf Rinder sollte er behalten dürfen, wenn der Hof in Ordnung war. „Ab fünf Tieren kann man eine Förderung bekommen“, erklärte die Frau vor Gericht. Sie kennt den Bauern seit 14 Jahren. Alle halbe Jahre habe man den Hof überprüft. Dass Wilfried Z. zur Waffe greifen würde, nein, damit habe sie nicht gerechnet, sagte sie mit tränenerstickter Stimme. Vielleicht hat sie deswegen keine Polizei mitgebracht, die Beamten und die Kollegen vom sozialpsychiatrischen Dienst nur vorsorglich informiert, dass es Probleme geben könnte. Einem Bauern die Tiere wegzunehmen, ist immer schwierig.

Die Situation auf dem Hof schaukelte sich damals hoch. Wilfried Z. schrie „Hausfriedensbruch“ und „Die Kühe bleiben hier“. Der Bauer spricht in seinem Geständnis vor Gericht von Räubern und Banditen. Frank M. sah in seinen Augen wohl so aus, wie er sich einen Dieb immer vorgestellt hatte: mit Schiebermütze und dickem Schnauzbart. Der Bauer lief ins Haus, kam wieder heraus, verschwand erneut. Und hatte schließlich die Doppellaufflinte in der Hand, die in der Nähe stationierten Sowjetsoldaten ihm einst zurückgelassen haben sollen und die er seitdem nicht benutzt haben will.

„Die hatten mich auf dem Kieker“

Aus 30 Zentimetern Entfernung schoss er auf Frank M., der keine Chance hatte. Selbst wenn er sofort von einem Arzt versorgt worden wäre, hätte er den Bauchschuss nicht überlebt. Zahlreiche Organe wurden zerfetzt. „Zu viele Baustellen“ gab es nach Ansicht des Gerichtsmediziners.

Doch Wilfried Z. beteuerte vor Gericht, der Tod des Mannes sei ein Unfall gewesen. Er sei gestolpert, als sich ein Schuss gelöst habe. Er habe nicht gewusst, dass die Waffe geladen war, und er habe auch nur in die Luft schießen wollen, als man seine Kühe stehlen wollte. Die Leute vom Amt sollten verschwinden und ihm seine Tiere, seine Familie lassen.

Wenn es ein Unfall war, warum kümmerte sich der Bauer dann nicht um den tödlich verletzten Frank M.? Warum rannte er schreiend mit der Flinte den beiden Frauen vom Amt hinterher, die in Todesangst flohen und sich hinter dem Wartehäuschen an der Haltestelle versteckten? Die Fragen hat auch der Vorsitzende Richter dem Angeklagten gestellt. Ohne darauf eine überzeugende Antwort erhalten zu haben. Stattdessen erzählte Wilfried Z., dass das Amt ihn all die Jahre bloß schikaniert habe. „Die hatten mich auf dem Kieker“, erklärte er dem Gericht wie ein bockiges Kind.

Nach Überzeugung des Staatsanwalts wollte Wilfried Z. auch die Frauen kaltblütig und völlig emotionslos töten. Der Bauer habe erneut abgedrückt, doch der zweite Schuss sei nicht mehr losgegangen. Und es gelang dem Bauern offenbar auch nicht, die dritte Patrone nachzuladen, die er in der Tasche hatte. „Drei Schüsse, drei Menschen“, resümierte der Staatsanwalt kürzlich in seinem Plädoyer.

Mit Leib und Seele Bauer

Es ist still in Klein Behnitz, die Tat verblasst langsam in den Erinnerungen der Leute. Ein alter Mann radelt auf einem Klapprad die Straße entlang. Er wohnt ein paar Häuser von der Haltestelle entfernt, er hat damals den Schuss gehört. „Jäger“, dachte er. Der Mann kennt Wilfried Z. sehr gut. „Bin mit ihm aufgewachsen, mit ihm zur Schule gegangen“, erzählt der 74-Jährige. Schon als Junge habe Wilfried Z. nach dem Unterricht auf dem Hof mithelfen müssen, weil die Russen seinen Vater nach dem Krieg abgeholt und in ein Internierungslager gesteckt hatte, aus dem er nicht mehr zurückkehrte. „Die Mutter hat auf dem Hof regiert – bis zu ihrem Tode“, weiß der Mann. Doch Wilfried Z. habe gerne gearbeitet. „Er war mit Leib und Seele Bauer.“

Der Nachbar erzählt, dass Wilfried Z. in der LPG gearbeitet habe, aber auch privat ein paar Bullen hatte. „Der saß mal, weil er aus der DDR abhauen wollte, hat danach aber wieder bei der LPG angefangen.“ Wilfried Z. sei sogar ausgezeichnet worden, weil er die schwächsten Tiere immer wieder hochgepäppelt habe. Nach der Wende seien Mutter und Sohn dann so richtig durchgestartet.

„Die haben wieder ganz groß angefangen“, sagt der Nachbar. Doch mit dem Tod der Mutter verlor Wilfried Z. wohl allmählich die Kontrolle über sein Leben. Mit dem Hof ging es bergab. Der Bauer durfte keine Milch mehr verkaufen, dann wurde er krank. „Es war für ihn absolute Zeitverschwendung, bei der Dialyse einfach nur herumzuliegen. Kaum war er wieder auf dem Hof, da saß er auch schon auf dem Trecker. So war er“, erzählt der Mann. Erholung oder Schlaf habe Wilfried Z. scheinbar nicht gebraucht. „Klar, dass so einer durchdreht, wenn sie ihm das alles nehmen wollen.“

Eine Frau, die nahe am Tatort wohnt, nennt Wilfried Z. einen sturen Eigenbrötler aber auch einen lieben Zausel, der zupacken konnte, wenn er um Hilfe gebeten worden sei. Der Landwirt habe immer alle Tiere begrüßt, wenn er zu ihnen gegangen sei. Sie habe dem Bauern ab und an Essen gekocht. „Die vom Amt sind völlig falsch rangegangen“, ist sie überzeugt. Warum nur habe nicht einfach mal jemand das Gespräch gesucht? Ein anderen Nachbar hat als Zeuge im Prozess erzählt, dass sich Wilfried Z. rührend um seine Rinder gekümmert habe. Er sei aber auch starrsinnig gewesen und habe nicht mit sich reden lassen, wenn es um seine Kühe ging. „Aber er war nicht gefährlich, er hat einfach nur in seiner Welt gelebt.“

„Mein Vertrauen in ihn ist weg“

In einer Welt, in der sich Wilfried Z. offenbar immer wieder als Opfer des Systems sah. Er hat vor Gericht davon gesprochen, dass die Kommunisten schon einmal seiner Mutter und ihm alles genommen hätten. Im Jahr 1961 war das, zur Zwangskollektivierung. Damals wurden zwei Pferde und sieben Kühe vom Hof geholt. Er kann sich sogar noch an die Namen der Pferde erinnern: Anita und Moritz. Noch heute bricht Wilfried Z. in Tränen aus, wenn er davon erzählt. Das alles sei im Januar bei ihm wieder hochgekommen.

Die Psychiaterin, die Wilfried Z. für den Prozess begutachtet hat, spricht von einer akuten Belastungssituation auf dem Hof, in der der Bauer in eine subjektiv existenziell bedrohliche Situation geraten sei. Sie beschreibt Wilfried Z. als einen misstrauischen Menschen, der eine feindliche Haltung gegenüber anderen einnimmt, der die Schuld immer bei anderen sucht, der soziale Situationen fehldeutet. Der Landwirt ist nach ihren Worten nicht in der Lage, sich adäquat mit der Tat auseinanderzusetzen. Die Gutachterin hat bei Wilfried Z. eine beginnende Demenz festgestellt und dem Bauern eine erheblich verminderte Steuerungsfähigkeit bescheinigt.

In Klein Behnitz fragen sich die Leute, wie sie mit Wilfried Z. umgehen sollen, nach der Haft. „Mein Vertrauen in ihn ist weg“, sagt die Nachbarin. Doch es wird wahrscheinlich noch lange dauern, bis der Bauer zurückkehren wird in sein Dorf. Der Staatsanwalt hat für den Angeklagten wegen Totschlags und versuchten Totschlags neun Jahre Haft beantragt. Der Verteidiger hingegen hält wegen der eingeschränkten Steuerungsfähigkeit seines Mandanten eine Freiheitsstrafe von fünf Jahren für angemessen. Wilfried Z. sei im festen Glauben, dass ihm Unrecht getan worden sei.

Wilfried Z. hat lange vor dem Prozess Briefe an das Gericht geschrieben, die zeigen, wie sehr er sich im Recht wähnt. „Ich bitte um Gnade“, steht in einem der Schreiben. Er sei damals verzweifelt gewesen. Und er verstehe bis heute nicht, warum man ihm die Kühe nehmen wollte. „Wir waren doch wie eine Familie.“