Trotz verrückt spielendem Wetter: An Tagen wie diesen nieselt es bei schrägem Wind.
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Manchmal ist das Sich-nicht-Beschweren schwer. Wenn es zum Beispiel gleich zweimal an einem Tag die Adresse, die man sucht, einfach nicht gibt. Weil Häuserreihen bei 13 enden und auf der anderen Seite der Grünfläche mit 19 weitergehen. Wenn am selben Tag dreimal die Tram ohne einen wegfährt. Und sitzt man doch in einer drin, kommt sie nur eine Station weit. Rettungseinsatz. Wer will, darf aussteigen. Ins Nasskalt. Das Wetter mag verrückt spielen, aber darauf ist Verlass: An Tagen wie diesen nieselt es bei schrägem Wind.

Quiekende Frauen ertrage ich jetzt nicht

Ich tue mir sehr leid. Zu allem Überfluss war der einzige Termin mit auffindbarer Adresse so öde, dass ich ganz viel von der überall herumstehenden Schokolade gegessen habe. Mir ist schlecht. Alle sind gegen mich. Auch die Sonne, die jetzt einen auf April macht und den Regen verjagt. Sie lacht. Über mich. Drei Frauen kommen mir entgegen, zeigen auf Dinge in Schaufenstern und auf einen Hund und finden lautstark alles „lovely“ und „sweet“. Der Hund ist echt süß. Er sitzt er vor einem Geschäft mit Hunde-müssen-draußen-bleiben-Schild und guckt traurig unter einem Mittelscheitel hervor. Endlich jemand, der mich versteht.

Ich ertappe mich bei der stummen Bitte, dass die drei Frauen nicht ausgerechnet in das Café gehen, das ich ansteuere. Eine Stunde dort soll das retten, was von diesem Tag übrig ist. Quiekende Frauen ertrage ich jetzt nicht, denke ich, und finde mich schrecklich.

Das Café empfängt mich wie eine Lieblingsjeans. Nach den ersten Schlucken Kaffee aus den Händen der vertrauten Kellnerin finde ich meine Unfähigkeit, Bahnen zu erreichen und Häuser zu finden, schon fast lustig. Fast. Denn jetzt bekommen die beiden jungen Männer am Nebentisch Zuwachs. Ein weiterer setzt sich dazu, alle tragen teuer aussehende Kleidung und glänzende Lederschuhe. Es folgt ein Monolog. Einer spricht, die anderen nicken abwechselnd oder schütteln entsetzt die Köpfe.

Nicht auch noch das Lamento der anderen

Der bedauernswerte junge Mann wurde nämlich in der Bahn schlecht behandelt. Beziehungsweise wurde eine Frau mit Kinderwagen besser behandelt als er. Die Details verstehe ich nicht, obwohl er sehr laut spricht, sich ereifert, in einer Mischung aus Deutsch und Englisch, viel „Fuck!“ kommt vor und „Jesus!“. Dann erzählt er die Geschichte nochmal und lamentiert übergangslos über die BVG. Noch während ich denke: schnell weg, bevor er zum Thema Paketboten kommt, stehen alle Vier auf und hinterlassen halbvolle Tassen und einen Berg Beschwerden.

Ich denke an die von allem verzückten Frauen und vermisse sie. An den Hund mit dem Mittelscheitel. Wünsche mir einen boshaften Moment lang Schilder mit der Aufschrift „Lautstarkes Selbstmitleid muss draußen bleiben“. Muss grinsen. Finde dann, dass es Extraräume wie für Raucher auch tun würden. Es dauert eine Weile, bis die dicke Luft hinter den Schnöseln abgezogen ist. Aber ich werde mich nicht beschweren. Und fühle mich ganz leicht.