Der in Berlin erschossene Islamist war möglicherweise psychisch gestört oder stark verwirrt. Sein früherer Verteidiger Reinhard Kirpes sprach am Freitag von einem gewissen Realitätsverlust und einer psychologischen Grauzone. Auch in Berliner Sicherheitsbehörden gab es Hinweise auf eine geistige Beeinträchtigung von Rafik Y., der am Donnerstag eine Polizistin mit einem Messer verletzte und dann von einem anderen Polizisten getötet worden war.

Der 41-jährige Iraker sollte erneut vor Gericht. Er war wegen Bedrohung einer Richterin Ende Juni angeklagt worden, sagte der Sprecher der Staatsanwaltschaft, Martin Steltner. Außerdem soll er eine Mitarbeiterin der Ausländerbehörde mit den Worten „Wir werden Euch köpfen“ bedroht haben und die Terroranschläge im Januar in Paris gerechtfertigt haben.

Laut Staatsanwaltschaft wurde die Wohnung des Mannes durchsucht, Unterlagen seien mitgenommen worden. Diese würden jetzt ausgewertet.
Rafik Y. war 2008 zu acht Jahren Gefängnis verurteilt worden - wegen Mitgliedschaft in der radikal-islamischen Terrorvereinigung Ansar al-Islam (Helfer des Islam) und der Beteiligung an Plänen für ein Attentat auf den damaligen irakischen Ministerpräsidenten Ijad Allawi 2004 in Berlin.

Rechtsanwalt Kirpes, der Rafik Y. vor dem Oberlandesgericht Stuttgart verteidigt hatte, zeigte sich von dessen gewaltsamen Tod wenig überrascht. „Das wundert mich nicht. Er war ein sehr schwieriger Mensch.“ Schon während des Gerichtsverfahrens sei sein Mandant, der seine Haft voll verbüßte, auffällig gewesen. „Ich hatte damals den Eindruck, dass er sich in einer psychologischen Grauzone bewegt.“ In den letzten Jahren hatte der Anwalt keinen Kontakt mehr zu ihm.

Im März 2013 wurde Rafik Y. aus dem Gefängnis entlassen. Er musste eine elektronische Fußfessel tragen, die er vor der Tat abnahm. Mit der Fußfessel durfte er sich in ganz Berlin bewegen, verboten waren nur drei Vereine und Moscheen, in denen sich Islamisten treffen.

Unzureichendes Schießtraining

Als die Überwachungsstelle am Donnerstagmorgen bemerkte, dass die Fußfessel entfernt worden war, wurde Alarm ausgelöst. Die Polizei wurde informiert und schickte einen Streifenwagen zu seiner Wohnung. Dort war aber niemand mehr. Eine Stunde nach dem Abnehmen der Fußfessel, um 9.48 Uhr, ging bei der Polizei ein Notruf ein. Passanten hatten beobachtet, wie der Mann mit einem Messer auf dem Gehweg Menschen bedrohte.

Der verletzten Polizistin ging es am Freitag den Umständen entsprechend gut, wie ein Sprecher sagte. Sie sei stabil. Die Frau war noch am Donnerstag operiert worden. Der Täter hatte sie mit seiner Waffe, einem Klappmesser mit einer neun Zentimeter langen Klinge, am Hals und an der Schulter verletzt. Außerdem war die Polizistin versehentlich von einem Schuss ihres Kollegen getroffen worden.

Der Bund Deutscher Kriminalbeamter wies auf eine steigende Bedrohung durch Gewalttaten bewaffneter Täter hin. Polizisten würden „immer öfter in lebensbedrohliche Situationen gelangen“, die sie in Sekunden an psychische und physische Belastungsgrenzen bringen könnten, erklärte der Berliner BDK-Landesvorsitzende Michael Böhl. Das Einsatz- und Schießtraining für die Polizisten sei unzureichend, so Böhl. „Hier zu sparen kostet Leben.“

In Berlin leben nach aktuellen Angaben des Verfassungsschutzes etwa 670 Menschen, die den Salafisten, also den ultrakonservativen Islamisten, zuzurechnen sind. 350 von ihnen sind gewaltorientiert. Die tatsächliche Zahl ist wegen einer beträchtlichen Dunkelziffer aber höher.

Zahl der Salafisten steigt

Die Zahlenangaben wurden in den vergangenen Jahren immer wieder deutlich nach oben gesetzt. 2011 kannte der Verfassungsschutz 350 Salafisten, davon 100 gewaltbereite. Ende 2014 waren es dann 570 bekannte Radikal-Muslime, 290 davon gewaltbereit.

Rund 100 Vertreter der islamischen Extremisten reisten nach Erkenntnissen der Sicherheitsbehörden in den vergangenen Jahren Richtung Syrien oder Irak, um dort im Bürgerkrieg mitzukämpfen oder Terrororganisationen logistisch, finanziell oder propagandistisch zu unterstützen.

Auch hier liegt die wirkliche Zahl der ausgereisten Männer wohl deutlich darüber. Etwa ein Dutzend Islamisten aus Berlin sind nach Stand vom September 2015 im Krieg getötet worden.
Den größten Zulauf hat die terroristische Organisation „Islamischer Staat“ (IS). Aber auch andere dschihadistische Gruppierungen im Kriegsgebiet werden angesteuert.

Die Zahl der Rückkehrer nach Berlin liegt bei etwa einem Drittel der Ausgereisten. Unter diesen Islamisten gibt es desillusionierte und erschöpfte Kämpfer. Andere kamen zurück, um Nachwuchs anzuwerben. Am meisten Sorgen bereiten dem deutschen Staat diejenigen, die weiterhin gewaltorientiert sind und möglicherweise Anschläge in Deutschland planen. (dpa)