Über lange, videoüberwachte Flure führt Rainer Ehrhardt seine Besucher in die Notrufserviceleitstelle der Gegenbauer-Sicherheitsdienste. Das ist ein mit Panzerglas und schussfesten Wänden gesicherter Großraum, voll mit Computerbildschirmen. An diesem Vormittag haben sechs Mitarbeiter Dienst und nehmen Notrufe der Alarmkunden entgegen, bundesweit. Die Leitstelle befindet sich im GSW-Hochhaus in der Rudi-Dutschke-Straße in Kreuzberg.

Herr Ehrhardt, wenn Sie den Auftrag erhielten, für geordnete Verhältnisse im und um den Görlitzer Park zu sorgen, was würden Sie tun?

Es ist eigentlich schade, dass wir den Auftrag nicht haben. Wir hätten die Kompetenz, ihn zu erfüllen. Mit komplexen Arealen – wie Kottbusser Tor oder Schöneberger Norden – haben wir Erfahrung. Da gab es Drogenkriminalität, Prostitution und Banden, die den Anwohnern die Lebensqualität genommen haben. Da wollte im Gegensatz zu heute damals keiner mehr wohnen.

Wer hat Sie damals beauftragt?

Das waren die kommunalen Wohnungsbaugesellschaften. Wir hatten ein klares Konzept. Als Erstes: Präsenz zeigen, Ansprechpartner für die Anwohner sein. Später haben wir Kontakt mit denen aufgenommen, die meinten, den Kiez zu beherrschen, ihnen erklärt, dass es jetzt auch uns gibt und wir die Interessen der Anwohner vertreten. Aber wir haben uns auch in Kooperation mit den Auftraggebern sozial engagiert, etwa einen Boxclub für die Jugendlichen unterstützt.

Den in der Potsdamer Straße?

Ja. Dort haben wir auch ein Büro eröffnet, Ausbildungsplätze angeboten und die Leute später in ihrem eigenen Kiez eingesetzt. Das funktioniert heute noch. Ich habe kein Verständnis, wenn man duldet, dass Straftaten begangen werden und Bürger und Bürgerinnen in unserer Stadt eingeschüchtert werden. Wir leben in einem demokratischen Rechtsstaat.

Gibt es in Berlin rechtsfreie Räume?

Für mich ist Berlin, was die Polizeiarbeit angeht, eine der vorbildlichsten, am weitesten entwickelten Städte in Deutschland. Nirgendwo sonst ist man in der Lage, beispielsweise Großveranstaltungen so professionell zu bewältigen. Da stimmen sich alle Beteiligten selbstverständlich ab. Aber was wir hier jeden Tag haben, das haben andere Städte gerade wenige Male im Jahr.

Sie attestieren der Polizei höchste Professionalität, kritisieren aber, dass es Gegenden gibt, in denen ungehindert Straftaten begangen werden. Kein Widerspruch?

Auch die Polizei hat nur begrenzte Ressourcen. Sie kann nicht viel mehr tun, als Präsenz zeigen, präventiv wirken oder auf Straftaten reagieren.

Sie leben seit 1994 in Berlin. Hat sich Ihr Sicherheitsgefühl verändert? Gibt es Orte, die Sie privat meiden?

Ich habe mich in dieser Stadt immer sicher gefühlt. Ich kenne keinen Platz, wo ich nicht rund um die Uhr hingehen könnte.

Sind Sie auch mit dem öffentlichen Nahverkehr unterwegs?

Ja, häufig. Ich habe auch eine hohe Toleranzschwelle. Die endet aber, wenn ich sehe, dass jemand in Mitleidenschaft gezogen wird. Aber da habe ich durch meinen Werdegang auch ein paar Vorteile.

Das heißt?

Schon als Jugendlicher habe ich mit Kampfkunst angefangen. Ich habe keine Ängste. Obwohl ich schon mal überfallen wurde.

In Berlin?

Ja, am helllichten Tage. Ich war auf dem Weg zwischen zwei Terminen, an einem U-Bahneingang am Alexanderplatz. Da standen plötzlich zwei junge Erwachsene vor mir, einer hat mich mit dem Messer bedroht. Ich habe dann bewusst entschieden: Das ist es nicht wert, mich in Gefahr zu bringen. Die wollten die Geldbörse. Da war nicht viel drin. Die Karten habe ich sofort sperren lassen. Ich hatte aber auch schon Auseinandersetzungen, die anders ausgegangen sind …

Ihnen passiert so etwas öfter?

In meiner Funktion als Geschäftsführer habe ich keine Konfrontationen mehr. Aber ich habe schon parallel zu meinem Studium bei Sicherheitsdiensten gearbeitet.

Da hatten Sie sozusagen dienstliche Auseinandersetzungen?

Das bleibt leider nicht aus. Ich habe die Branche ja von der Basis kennengelernt, habe Objekte bewacht, nahezu jede Tätigkeit in der Sicherheit selbst durchgeführt und war auch in der Areal-Streife am Bahnhof Zoo im Einsatz. Damals hatten wir da jede Nacht sehr viele Vorfälle. Das fand ich sehr spektakulär. Bei dieser Arbeit habe ich die Stadt sehr gut kennengelernt und unglaublich interessante Menschen getroffen. Die Hälfte kam aus den neuen Bundesländern, die anderen waren alte West-Berliner, auch viele mit Migrationshintergrund. Dieses Umfeld hat mich in der Branche gehalten.

Ist der Bedarf an Sicherheitsdienstleistungen in Berlin gewachsen?

Sicher, das ist ein Wachstumsmarkt. Etwa 15.000 Mitarbeiter allein in der Hauptstadt.

Hat sich das Berufsbild verändert?

Die Anforderungen sind immer höher geworden. Dass einer von uns irgendwo sitzt und darauf wartet, dass etwas passiert, das gibt es kaum noch. Meist müssen viele zusätzliche Aufgaben erledigt werden wie die Bedienung technischer Anlagen, Zutritts- und Personenkontrollen, Gewährleistung der Arbeitssicherheit, Brandschutz und vieles mehr. Computerkenntnisse, Fremdsprachenkenntnisse, auch eine gute Allgemeinbildung sind heute wesentliche Voraussetzungen für unsere Mitarbeiter.

Dennoch haftet der Sicherheitsbranche eine Art Halbwelt-Image an. Man denkt eher an Männer mit dicken Muskeln und wenig im Kopf.

Ich weiß. Wir arbeiten permanent daran, dieses Image zu verbessern. Die meisten Unternehmen wollen einen seriösen Job machen. Wir versuchen, uns von den schwarzen Schafen abzugrenzen. Der Bundesverband der Sicherheitswirtschaft (BDSW) setzt darauf, dass unsere Tätigkeit auf einem Ausbildungsberuf aufbaut und spezielle Qualifikationen nötig sind. Wir müssen unsere Mitarbeiter in technische und organisatorische Prozesse zuverlässig einbinden. Die Tätigkeit ist dadurch hochkomplex. Was wir am wenigsten brauchen, sind Muskeln. Wir brauchen Köpfchen. Leider ist es in Deutschland total einfach, ein Sicherheitsunternehmen zu gründen. Das dauert nicht länger als sechs Wochen. Man braucht nur ein einwandfreies Führungszeugnis und muss ein paar gewerberechtliche Voraussetzungen erfüllen.

Warum tritt ein Arbeitgebervertreter wie Sie für die bessere Bezahlung der Mitarbeiter ein?

Es wird immer schwieriger, gute Leute zu finden. Die Mitarbeiter müssen von ihrer Arbeit leben können. In Berlin haben sich von 1995 bis ins Jahr 2000 die Löhne rückwärts entwickelt, und es hat Wildwest geherrscht. Da lagen die Bruttostundenlöhne bei 4,50 Euro, in den Nachbarländern sogar noch darunter. Seit ich in 2003 zum Vorsitzenden der Landesgruppe Berlin gewählt wurde, ist es mir gelungen, die Zahl der Mitgliedsunternehmen in Berlin von 23 auf 75 zu erhöhen. Damit sind wir, was die Mitgliedergewinnung anbelangt, die erfolgreichste Landesgruppe in Deutschland. Die Mitgliedsunternehmen beschäftigen über 70 Prozent der Berliner Sicherheitsmitarbeiter. Mit Verdi haben wir allgemeinverbindliche Tarifverträge in der Branche durchgesetzt, auch in Brandenburg und sogar in Sachsen-Anhalt und Mecklenburg-Vorpommern mit einem gleichlautenden Entgelttarifvertrag. Nur so gibt es Gerechtigkeit am Markt, Gleichheit für alle Anbieter. In Berlin sind die Einstiegslöhne für Sicherheitsmitarbeiter auf 8,60?Euro zuzüglich der steuerfreien Zeitzuschläge ab dem 1. Januar 2015 gesetzlich festgeschrieben.

Ist das auch eine Folge der Mindestlohndebatte?

Nein. Der Berliner Weg war immer ein Alleingang. Anfangs meinten viele Unternehmen, mit höheren Löhnen würden wir die Branche ruinieren. Aber das Gegenteil ist der Fall. Wir haben einen Qualitätsmarkt kreiert. Früher haben sich alle gegenseitig unterboten. Das lag mitunter auch an der Vergabepraxis der öffentlichen Hand und von Unternehmen, die als einziges Kriterium den Preis bewertet haben.

Private Unternehmen sind eher bereit, mehr zu zahlen?

Die Preise sind ja nicht ad hoc gestiegen. Das ging natürlich nur mit Lohnerhöhungen Schritt für Schritt. Und ich habe als Verbandsvorsitzender immer wieder die Sicherheitsverantwortlichen gefragt: wollen Sie im Ernst, dass Ihre Millionenwerte nachts von einem Hilfsarbeiter bewacht werden, der nur einen Bruttostundenlohn von 4,50?Euro bekommt? Ich habe ihnen auch ein Experiment vorschlagen: Sie sollten doch mal ausprobieren, wie viel Geld sie einsetzen müssen, um von einem so schlecht bezahlten Mitarbeiter den Generalschlüssel zu erhalten. Solche Fragen haben nachdenklich gemacht. Zum Teil konnten wir die gestiegenen Personalkosten auch durch gute Sicherheitskonzepte und technische Optimierungen kompensieren. Weil die Branche wächst, brauchen wir dennoch mehr gutes Personal.

Das Gespräch führten Andrea Beyerlein und Elmar Schütze.