Ramadan-Knigge in Neukölln: Viele Imame lehnen Verhaltensregeln für Schüler ab

Gerade hat der islamische Fastenmonat Ramadan begonnen. Und die Berliner schwitzen bei Temperaturen von über 30 Grad. Für viele Schulen eine echte Herausforderung, besonders wenn schon jüngere Schüler vom Morgen bis zum Sonnenuntergang nichts essen und trinken. Darüber wollte die Neuköllner Bezirksbürgermeisterin Franziska Giffey (SPD) mit den Moscheevereinen in ihrem Bezirk reden. Doch die hatten daran kaum Interesse.

„Wenn das Fasten im Ramadan dazu führt, dass es Kindern in der Schule nicht gut geht, sie nicht am Sportunterricht teilnehmen und in Prüfungen schlecht abschneiden, ist das ein Problem“, sagt Giffey. Gemeinsam mit der Schulaufsicht hatte sie sich deshalb an gut 20 Moscheevereine gewandt. Bestimmte Verhaltensregeln sollten für die Schulen im Ramadan gelten. Herausgekommen ist eine 12-Punkte-Empfehlung, um die allerdings hart mit den vier Vertretern von Moscheevereinen gerungen wurde, die der Einladung überhaupt folgten.

„Wir kriegen leider nicht alle an einen Tisch“, kritisiert Giffey. Der Ramadan darf nicht als Entschuldigung herhalten, um nicht am Sportunterricht teilzunehmen, heißt es nun in der Neuköllner Empfehlung. Außerdem dürfe niemand, der nicht fastet, deshalb herabgewürdigt werden. Grundschüler, die bereits fasten, sollen trotzdem Trinken und Essen in die Schule mitnehmen und bei gesundheitlichen Problemen das Fasten unterbrechen können.

Nicht einig

Nur zwei Imame von insgesamt vier anwesenden Vertretern unterstützten am Ende die Neuköllner Empfehlung. Viele anderen waren gar nicht erst gekommen. „Ein Minimalkonsens“, sagt Giffey. „Ich hätte mir mehr Unterstützer in den Moscheen gewünscht.“ Teilnehmer der Runde berichten, dass vor allem die Frage, ob Grundschüler überhaupt schon fasten sollen, umstritten war. „Einigen Vertretern ging es darum, das Fasten im Ramadan zu stärken“ erinnert sich Giffey. Dass die schulische Arbeit vorrangig sei, habe bei einigen keine Priorität gehabt.

Robert Himberg, Leiter der Schule am Teltowkanal, hatte zum Beispiel angeregt, dass Grundschüler etwa einen Monat lang auf Süßigkeiten oder andere liebgewordene Dinge verzichten sollen – statt komplett zu fasten. Doch das wurde von einigen Vertretern der Moscheevereine entschieden abgelehnt. Der Schulleiter verstehe den Islam offenbar nicht, so deren Replik.

An der Schule am Teltowkanal fasten tatsächlich bereits einige Drittklässler, berichtet Himberg. Das sei gesundheitlich sehr bedenklich, vor allem wenn die Kinder nichts trinken. „Es gibt einige Eltern, die ihren Kinder nur an Wochenenden oder an weniger anstrengenden Tagen das Fasten erlauben“, sagt er. Aber andere Eltern wiederum würden das Fastengebot sehr strikt auslegen. „Bei uns sind in der Vergangenheit schon Kinder kollabiert, weil sie völlig dehydriert waren,“ sagt Rita Schlegel, Leiterin der Hermann-Sanders-Grundschule in Nord-Neukölln.

Noch viel mehr Schüler fasten im Ramadan an den weiterführenden Schulen. André Koglin, Leiter der Otto-Hahn-Sekundarschule schätzt, dass grob die Hälfte seiner Schüler fastet. „Einige sagen auch nur, sie würden fasten, um irgendwie cool zu wirken“, fügt er dann hinzu. Der Ramadan greift dabei in den Schulalltag ein: Die mündlichen Abiturprüfungen finden an der Otto-Hahn-Schule sehr früh statt, damit sie nicht in die Zeit des Fastenmonats fallen. Denn dann sind einige Schüler zu geschwächt. „Und vergangenes Jahr wollten Schüler schon am ersten Fastentag nicht mehr am Sportunterricht teilnehmen“, sagt Koglin, der an der Erarbeitung der Neuköllner Empfehlung beteiligt war. Der Termin des Ramadan variiert von Jahr zu Jahr, er findet stets im neunten Monat des islamischen Mondkalenders statt.

Anders als die Bildungsverwaltung

In der Neuköllner Empfehlung wird ausdrücklich darauf hingewiesen, dass der Ramadan zu den fünf Säulen des Islam gehört – wie das Gebet, die Pilgerfahrt nach Mekka oder die Unterstützung von Bedürftigen.
Die Senatsbildungsverwaltung ihrerseits hat bereits in ihrer vor Jahren veröffentlichten Handreichung „Islam und Schule“ erste Hinweise für Lehrer zum Ramadan gegeben. Dort heißt es im Gegensatz zur Neuköllner Empfehlung, dass Minderjährige vom Fasten abgehalten werden sollen, da sie sich in der körperlichen Wachstumsphase befinden. Eine regelmäßige Ernährung sei da wichtig. Die Bildungsverwaltung empfiehlt deshalb eine abgeschwächte Form des Fastens, beispielsweise nur am Mittag oder an einem Tag am Wochenende.