Am Wochenende soll es wieder sehr warm werden. Dann sind die Bäder voll, dann drohen Konflikte. Dann ist auch Hartmuth Kurzhals wieder unterwegs.

Der 63-jährige Sozialarbeiter mit Rauschebart und langen grauen Haaren geht gerne ins Freibad – aber nicht nur, um im Schwimmerbecken seine Bahnen zu ziehen oder auf der Liegewiese zu entspannen. Wenn Kurzhals ins Bad geht, trägt er oft eine blaue Weste mit der Aufschrift „Bleib Cool am Pool“. Damit man gleich weiß, dass es ihm vor allem darum geht, für Ruhe zu sorgen, die oftmals schnell erhitzten Jugendlichen zu ein bisschen Coolness anzuhalten.

Cool im „Culle“

„Bleib Cool am Pool“ ist der Name eines Projekts der Gesellschaft für Sport und Jugendsozialarbeit. Kurzhals leitet das Projekt gemeinsam mit einem Kollegen. Seit 2011 bildet er sogenannte Konfliktlotsen aus. Sie sollen brenzlige Situationen deeskalieren, die häufig aufgeheizte Stimmung, die in manchen Bädern herrscht, runterkochen.

Nach den jüngsten Ereignissen ist klar, dass die Lotsten dringend gebraucht werden: Im Neuköllner Columbiabad, dem „Culle“, wie Kurzhals es in seinem Berliner Dialekt nennt, kam es vorigen Sonntag zu einer Auseinandersetzung mit bis zu 60 Beteiligten. Jemand rief die Polizei. Kurze Zeit später war der Badetag für etwa 6000 Besucher beendet. Das Bad wurde geräumt. Da konnten auch die Konfliktlotsen nichts ausrichten. „Wenn es handgreiflich wird, sind wir raus“, sagt Kurzhals. „Unser Medium ist die Sprache. Wir haben ja auch keine hoheitlichen Befugnisse.“

Wer sind die Konfliktlotsen? „Männer und Frauen, Deutsche und Migranten, alle volljährig. Wir haben einen arabischen Vater dabei, der über 60 ist“, sagt Kurzhals. Sie kommen aus den selben Kiezen, wie die Jugendlichen, die Streit suchen. Kurzhals erläutert: „Die kennen ihre Pappenheimer. Wenn einer Stress macht, können sie sagen: Ich weiß, wo du wohnst. Ich sage deinem Vater Bescheid.“ Diesen Sommer sind die Lotsen nicht nur im Columbiabad, sondern auch in den Freibädern in der Gropiusstadt und in Pankow unterwegs.

Bis 2013 konnte man ihnen auch noch im Kreuzberger Prinzenbad begegnen. Bis dort umgebaut wurde, alle Sprungmöglichkeiten, selbst die Startblöcke, demontiert wurden. Die Jugendlichen gehen dort jetzt seltener hin, weil es nicht mehr so attraktiv für sie ist. Ob die ruhigere Atmosphäre dazu führte, dass sich die Klientel im Bad veränderte, weiß niemand sicher. Tatsächlich sieht man im Prinzenbad heute mehr Studenten und Akademiker. „Da gibt es jetzt eine ganz andere Mischung“, sagt Kurzhals.

Auch im Freibad Pankow habe die Besucherstruktur sich in den vergangenen Jahren verändert. „Da fahren jetzt Jugendliche hin, die im Culle oder im Kombibad Seestraße Hausverbot haben.“ Dadurch gäbe es in Pankow inzwischen öfter mal Ärger. Das Resultat: Auch hier werden die Konfliktlotsen nun gebraucht.

Security-Leute in Angst

Offenbar hat sich in manchen Bädern die Situation extrem zugespitzt. So berichtet ein Mitarbeiter der Bädertriebe: „An manchen heißen Wochenenden kriegt hier jeder Mitarbeiter drei Morddrohungen. Viele Azubis schmeißen nach einem Jahr hin, weil sie Angst haben. Von den Security-Leuten kommt nach einem solchen Wochenende oft nur die Hälfte wieder.“

Hartmuth Kurzhals ist der Meinung, dass das Sicherheitskonzept der Bäder verändert werden muss: „Wenn man Ruhe in den Bädern will, muss man ein neues System etablieren: Störer sollten aktenkundig werden. Das würde öfter Anzeigen nach sich ziehen und zu strengeren Kontrollen führen.“

Dennoch lautet sein Tipp für das Wochenende: „Gehen Sie nicht schon mit der Befürchtung, dass es Streit gibt, ins Bad. Die meisten Gäste sind friedlich. In Berlin gibt es eine tolle Freibadkultur.“ Durch Gewalt, aber auch durch übermäßige Angst davor werde diese gefährdet.