Berlin - Es ist still im Saal 700 des Kriminalgerichts, als sich Susanne Hahn kurz nach Beginn des Verhandlungstages an den Angeklagten Milinko P. wendet. „Der Alptraum ist nicht vorbei“, sagt die Mutter der getöteten Studentin Johanna Hahn mit zitternder Stimme. Mit Hannis Tod habe sich das Leben der Familie komplett gewandelt. „Wir haben lebenslänglich – bis an unser Lebensende“, erklärt die 51-Jährige, die im Prozess Nebenklägerin ist.

Verteidiger halten Mordvorwurf gegen Milinko P. für nicht bewiesen

Milinko P. hatte am 6. Juni vorigen Jahres zusammen mit zwei Mittätern einen Transporter aufgebrochen und daraus Werkzeug gestohlen. Der Audi mit den drei Dieben war daraufhin von Zivilfahrzeugen der Polizei verfolgt worden. Milinko P. fuhr den Fluchtwagen. In der Charlottenburger Windscheidstraße erfasste das Auto die 22-jährige Johanna, die bei grüner Ampel die Windscheidstraße überqueren wollte. Sie war sofort tot. Auch der Beifahrer des Audi starb.

Der Staatsanwalt war schon in der vorigen Woche im Plädoyer vom Mordvorwurf gegen Milinko P. abgerückt. Er hatte wegen fahrlässiger Tötung und gefährlichen Eingriffs in den Straßenverkehr eine Freiheitsstrafe von acht Jahren und vier Monaten gefordert. Rechtsanwalt Gregor Gysi, der Anwalt der Familie Hahn, plädierte auf Mord und damit auf eine lebenslange Freiheitsstrafe.

Für die beiden Verteidiger, die an diesem Tag ihr Schlusswort halten, ist der Vorwurf des Mordes aus der Luft gegriffen. Milinko P. habe nicht erkennen können, dass die Verfolger Polizisten gewesen seien. Die Zivilbeamten hatten bei einem Zugriffsversuch eine Scheibe des Audis eingeschlagen und die Fahrertür aufrissen. Milinko P. sei aus Angst davongefahren, verfolgt von sechs Zivilfahrzeuge, die jedoch ohne Blaulicht oder Martinshorn fuhren. Für die Verteidiger kommt daher nur eine Verurteilung wegen fahrlässiger Tötung infrage. Strafmaß: nicht mehr als fünf Jahre.

Bruder von Johanna Hahn richtet persönliche Worte an Milinko P.

Milinko P. ist nicht vorbestraft. Er kam im Juni 2018 nicht nach Deutschland, um Straftaten zu begehen. Er wollte zur Hochzeit seiner Schwester nach Köln. In Berlin machte er einen Zischenstopp bei seiner Cousine. Alexander Hahn, der Bruder der getöteten Johanna, richtet nach den Plädoyers unter Tränen sehr persönlich Worte an den Angeklagten: „Milinko, ich werde nie zur Hochzeit meiner Schwester gehen könne.“ Der Angeklagte müsse nun die Verantwortung für sein Tun übernehmen. „Du hast keine Schulbildung, nutze die Zeit in Haft, lerne lesen und schreiben, mache den Schulabschluss, lerne einen Beruf“, sagt der 27-Jährige. Johanna, die sich immer für benachteiligte Menschen engagiert habe, hätte dies auch so gewollt.

Beim letzten Wort des Angeklagten, das ein Anwalt verliest, fängt Milinko P. hemmungslos zu schluchzen an. Er könne den Tod der jungen Frau bis heute nicht akzeptieren. Das Schicksal Johannas tue ihm sehr, sehr leid. Die Familie werde sie nun nicht mehr in die Arme schließen können.

Das Urteil, eigentlich für Mittwoch geplant, soll nun am 27. Juni gesprochen werden.