Sarah Shiferaw ist Koordinatorin für Migration beim Bundesverband der Volkssolidarität.
Foto: camcop media/Andreas Klug

BerlinEine Frau telefoniert auf Hebräisch, ein vorbeilaufender Mann zeigt den Hitlergruß. Die Berliner Staatssekretärin Sawsan Chebli (SPD) wird in einem Youtube-Video als „Quotenmigrantin der SPD“ und „islamische Sprechpuppe“ bezeichnet. Beide Fälle zeigen, dass der Alltagsrassismus auch in Berlin zu finden ist. Und nicht nur  in Minneapolis, wo der Afroamerikaner George Floyd bei einem Polizeieinsatz getötet worden war. 

„Du denkst, dass es harmlos ist, aber du bist nicht das Ziel“ – steht  auf einer Postkarte am Schrank in Sarah Shiferaws Berliner Büro. Die Mehrheit der Berliner würde sich selber wahrscheinlich nicht als rassistisch bezeichnen, sagt sie. „In meinen Antidiskriminierungs-Workshops sind viele erst einmal überrascht, wenn sie merken, dass es zunächst um sie selber geht.“

Sarah Shiferaw ist Koordinatorin für Migration beim Bundesverband der Volkssolidarität und bietet Workshops gegen Stammtischparolen und Rassismus im Alltag an. „Viele Menschen merken nicht, dass sie rassistische Stereotype reproduzieren.“ Der erste Schritt sei daher, sich dessen bewusst zu werden.

Rassismus zeigt sich schon dort, wo Menschen mit fremd klingenden Namen bei der Wohnungssuche benachteiligt werden, erklärt Sarah Shiferaw. Wenn sich der Fragende mit der Antwort „Leipzig“ oder „Osnabrück“ zufrieden gäbe - „doch das tun die wenigsten. In 90 Prozent aller Fälle schließt sich die Frage an, woher man denn wirklich komme.“ Shiferaw, der manchmal ein Berliner „Ick“ herausrutscht, präzisiert dann für gewöhnlich mit dem Bezirk, in dem sie geboren wurde. Andere reagieren weniger cool. Denn die Frage nach der Herkunft ist immer problematisch.  „Weil sie auf Ausgeschlossenheit zielt.“ Du kannst nicht aus Osnabrück kommen, du bist Schwarz – das schwinge immer mit. Gespräche, die so beginnen, enden nie gut. Auch diejenigen nicht, in denen gefragt wird, wann man denn wieder zurückgehe. „Immer steht im Raum, dass man nicht dazu gehört.“, betont Sarah Shiferaw.  

Sich selber ehrliche Antworten geben 

Alltagsrassismus hat jedoch auch noch andere Gesichter. In falschem Deutsch angesprochen zu werden, ist ebenso entwürdigend wie ein Nachbohren auf dem Amt, ob Deutsch denn wirklich die Muttersprache zu Hause sei, sagt Sarah Shiferaw. Rassismus ist, wenn Männer mit anderer Hautfarbe häufiger und ohne konkreten Anlass von der Polizei angehalten und kontrolliert werden. Oder wenn ein Reisender den nicht weißen Taxifahrer ungefragt duzt – und dies ziemlich sicher bei einem Weißen nicht tun würde.

Fälle wie diese dürfte es täglich in Berlin geben. Sie werden jedoch nie in irgendwelchen Statistiken auftauchen. Ganz anders sieht es bei rassistisch motivierten Übergriffen aus. Und dort sprechen die Zahlen eine klare Sprache: In der Polizeistatistik werden für das Jahr 2019 insgesamt 993 ausländerfeindlich motivierte Straftaten aufgelistet. 32 Fälle mehr als im Jahr zuvor. 

Wo  Alltagsrassismus beginnt, kann jeder bei sich selber überprüfen, sagt Shiferaw. Mit ein paar einfachen Fragen: Neben wen setze ich mich im Bus lieber? Neben die Frau mit dem Kopftuch, den Schwarzen oder den weißen Handwerker? Die arabische Familie oder die deutsche Oma? „Jeder von uns hat rassistische Stereotype, das ist total normal. Wir sind mit Pippi Langstrumpf und den zehn kleinen N…. aufgewachsen“, sagt Sarah Shiferaw. „Diese Sozialisierung macht etwas mit uns.“

Egal mit wem sie spricht: In erster Linie geht es Betroffenen darum, dass man ihnen zuhört. „Rassismus ignorieren zu können, ist ein Privileg, das Millionen Nichtweiße in dieser Gesellschaft nicht haben. Sie werden täglich damit konfrontiert. Ihnen zuzuhören und sie ernst zu nehmen, ist der erste Schritt zu echter Gleichberechtigung. In Talkshows sind selten Betroffene zu sehen. Ladet sie ein wenn es um Rassismus geht“, fordert Sarah Shiferaw.

Es gibt viele Menschen, die Angst haben. Denn Rassismus zieht sich durch alle Lebensbereiche unserer Gesellschaft. Der strukturelle Rassismus bei der Wohnungssuche oder bei der Jobsuche. Es gibt Rassismus in Institutionen, wenn das Jugendamt einer Roma-Familie jegliche Erziehungskompetenz abspricht. Wenn Schulleiter Willkommensklassen ablehnen. Und es gibt positiven Rassismus, der für die Betroffenen alles andere als positiv ist. Eine Mutter mit asiatischen Wurzeln möchte in der Kita ihrer Kinder vielleicht nicht sofort gefragt werden, ob sie Frühlingsrollen kochen wolle. Othering – das Andersmachen, ist der englische Begriff, den Wissenschaftler verwenden, wenn sie Mauern im Kopf beschreiben.

Rassismus beginnt mit Sprache.
Foto: Berliner Zeitung/Andreas Klug

Gegen solche Mauern hilft, miteinander zu sprechen und gleichzeitig verbal abrüsten. „Scharfe Sprache schafft scharfe Realität“, erklärt Sarah Shiferaw. Messermigranten, Kopftuchmädchen, Asyltourismus, Umvolkung – Begriffe wie Flüchtlingsstrom und Flüchtlingswelle schüren Ängste vor einer bedrohlichen Masse. „Es hilft, weniger emotional zu formulieren.“ Um Stammtischparolen etwas entgegenzusetzen, sei es gut, mit Nachfragen zu reagieren. Wo hast du das denn her? Ist das eine seriöse Quelle? Eine weiche Wand  sein und signalisieren: bis hierher und nicht weiter.

In einer perfekten Welt wird niemand wegen seines Äußeren ausgeschlossenen. Man könne sich viel von Kindern abgucken, so Sarah Shiferaw. „Sie sind bis zu einem gewissen Alter empathisch und  unvoreingenommen. Bei ihnen kommt keine reflexhafte Abwehr. Sie erheben sich nicht über andere und sie sind in der Lage, sich einfach zu entschuldigen.“ Rassismus, den lernt man erst. Oder man lernt, ihm etwas entgegen zu setzen. Wie genau, das lehrt Sarah Shiferaw in ihren Kursen und Workshops.