Berlin - Seit Beginn der Corona-Pandemie vor gut einem Jahr häufen sich auch in Berlin Attacken auf asiatisch aussehende Menschen. Diese Bilanz zog am Dienstag ReachOut, die Berliner Beratungsstelle für Opfer rechter, rassistischer und antisemitischer Gewalt. „Die uns bekannt gewordenen Fälle zeigen deutlich, wie sehr das Ineinandergreifen von politischen Debatten und medialer Berichterstattung über die Pandemie, die häufig mit Fotos von asiatisch gelesenen Menschen illustriert wird, zu Beleidigungen und Angriffen führt“, sagte Sabine Seyb bei der Vorlage der Jahreschronik von ReachOut über rassistische und antisemitische Angriffe im Jahr 2020.

So wurden Ende Februar vergangenen Jahres asiatisch aussehende Besucher eines Cafés in der Kopenhagener Straße in Prenzlauer Berg von mehreren Angreifern unter Verweis auf die Corona-Pandemie rassistisch beleidigt und bedroht. Kein Einzelfall, wie Toan Quoc Nguyen von der Bildungswerkstatt Migration und Gesellschaft auf der Pressekonferenz von ReachOut bestätigte. „Asiatische und asiatisch-deutsche Menschen werden seit Corona anders wahrgenommen als bisher und erleben massive Einschnitte in ihrem Alltag“, sagte er. „Es gibt unglaublich viele Beispiele dafür, dass solche Menschen in der Öffentlichkeit zunehmend gemieden werden. Sie machen in Bussen und Bahnen oder in Geschäften, aber auch in ihrer Wohnnachbarschaft und an ihren Arbeitsorten erschreckende Rassismuserfahrungen.“ Ihnen werde „Corona“ nachgerufen oder „Da läuft das Coronavirus“. Es komme aber auch zu körperlichen Attacken. So würden Betroffene mit Desinfektionsmitteln besprüht oder sie werden verfolgt und bedrängt. „Auch zu rassistischen Schmierereien an ihren Geschäften und Imbissläden ist es bereits gekommen“, sagt Toan Quoc Nguyen.

Insgesamt verzeichnete ReachOut für das vergangene Jahr 357 rassistisch und antisemitisch motivierte Angriffe in Berlin. Das ist nur ein geringer Rückgang gegenüber dem Vorjahr, als mit 390 Attacken ein trauriger Spitzenwert erreicht wurde.

Mindestens 493 Menschen wurden 2020 verletzt, gejagt und massiv bedroht. Darunter sind 37 Kinder und 28 Jugendliche. „Aufgrund der Pandemie und der Tatsache, dass sich weniger Menschen im öffentlichen Raum bewegen und aufhalten, sind wir überrascht von einer so hohen Zahl an Angriffen“, sagte Sabine Seyb.

Mehr als die Hälfte der registrierten Angriffe – 196 – war rassistisch motiviert. Weitere 93 Taten (2019: 105) richteten sich gegen die sexuelle Orientierung der Opfer, die Zahl der antisemitischen Gewalttaten lag bei 28 (2019: 31). Die meisten Angriffe registrierte ReachOut in den innerstädtischen Bezirken Mitte, Neukölln, Charlottenburg und Friedrichshain.