Berlin - Sein Video ging viral: Ende April wurde der Neuköllner Prince Ofori (32) bei Aldi Nord in Berlin rassistisch beleidigt und teilweise auch körperlich angegangen. Auslöser war laut Ofori ein Kunde, der mehrmals das N-Wort im Zusammenhang mit Schokoküssen verwendete. In die anschließende Diskussion mischte sich ein Mitarbeiter, der Ofori schließlich mit Hilfe der Security versuchte, aus dem Laden zu drängen. Ofori filmte die Szene und veröffentlichte das Video bei Instagram. Dort ist zu sehen, wie ihn mehrere Personen umringen, der Mitarbeiter einen Pappkarton wirft und die Verwendung der rassistischen Fremdbezeichnung rechtfertigt. Das Video hat über sieben Millionen Klicks, Aldi Nord hat sich entschuldigt und mitgeteilt, den Mitarbeiter aufgrund seines Fehlverhaltens zu entlassen.

Herr Ofori, was ist seit der Veröffentlichung des Videos passiert?

Ich habe sehr viel Solidarität gespürt. Sowohl von Menschen, die Ähnliches erlebt haben, als auch von Weißen, die das in Deutschland nicht für möglich gehalten hätten. Auch Politiker und Künstler haben Anteilnahme gezeigt und Hilfe angeboten. Genauso habe ich aber die rechte Flanke zu spüren bekommen. Auch von Politikern, ich will allerdings keine Namen nennen. Sie haben versucht, den Fehler bei mir zu finden und mich beispielsweise als Maskenverweigerer bezeichnet. Drohbriefe, Drohmails und Drohkommentare sind eingegangen. In einem Brief war ein bearbeitetes Bild von mir mit einer Axt im Kopf und eine weiße pulvrige Substanz. Ich habe ihn sofort ans LKA weitergeleitet. Und das ist nur eines von vielen Schreiben, die empörend waren. Ich weiß nicht, ob meine Familie noch sicher ist. Ich kann nicht beurteilen, was davon ernst gemeint war. Die Leute fühlen sich bedroht, weil sie das N-Wort nicht mehr in den Mund nehmen sollen. Deshalb wollen sie mich umbringen oder mich so sehr einschüchtern, dass ich nicht mehr reden kann. Aber das schaffen sie nicht.

Wie hat sich der Discounter verhalten? 

Ich bin mit Aldi im Gespräch, zunächst hatte sich nur das Social Media Team gemeldet, inzwischen auch ein Mitarbeiter mit höherem Rang. Der Mitarbeiter, der auf dem Video zu sehen ist, hat mich außerdem anwaltlich abmahnen lassen, dass ich das Video rausnehmen soll.

Werden Sie das tun?

Nein, das habe ich nicht vor. Wenn ein Gericht so entscheidet, werde ich es wohl tun müssen. Meiner Meinung nach hat dieser Mensch es nicht verdient, versteckt zu werden. Ich habe ihm die Möglichkeit gegeben, sich zu entschuldigen. Aber er hat das N-Wort weiterhin genannt und auch das Z-Wort. Anstatt zurückzurudern, hat er Benzin ins Feuer gegossen. Das hätte nicht sein müssen. Dass er mir im Nachhinein mit dem Anwalt droht, zeigt mir, dass er nichts daraus gelernt hat. Er ist privilegiert und das System schützt ihn, das weiß er und das nutzt er. In einer normalen Welt sollte ich geschützt werden und nicht er. Die hinzugerufene Polizei hat mich übrigens nicht automatisch als Täter gesehen. Das habe ich auch schon ganz anders erlebt. Der Vorschlag war, dass wir miteinander reden, um von einer Anzeige abzusehen. Das finde ich grundsätzlich gut, aber es hat nicht funktioniert.

Sie haben ein paar Tage gebraucht, um über den rassistischen Vorfall bei Aldi zu sprechen. Warum tun Sie es jetzt?

Ich muss es tun. Es ist nicht das erste Mal, dass ich sowas erlebt habe. Und mit Sicherheit wird es nicht das letzte Mal sein, wenn ich es nicht tue. Ich musste das erst mal verdauen, es war ein traumatisches Erlebnis. Aber ich habe zwei Schwarze* Kinder. Wir müssen diesen Kampf führen, darüber reden und Aufklärungsarbeit leisten, damit es den Nachkommenden eventuell besser geht. Für die Mehrheit ist das kein Thema, weil sie es nicht nachempfinden können. Deshalb müssen wir darüber reden, ich mache es nicht gern, aber ich muss.

Wenn Sie also reden, versteht das die weiße Mehrheit und ändert etwas?

Das bezweifle ich stark. Die meisten verwechseln das mit der Opferrolle, sagen, ich müsse da drüberstehen. Deshalb erzähle ich nicht nur von meinen Erfahrungen, sondern sage auch, was das Problem ist. Erkläre, in welcher Form sie sich weiterbilden müssen, damit sie es begreifen und wie sie sich verhalten sollten. Denn Rassismus ist über mehrere hundert Jahre in die Köpfe gepflanzt worden. In unserer Gesellschaft empfinden wir diese Sichtweisen mittlerweile als normal, wir sind rassistisch sozialisiert. Das kann auch Schwarze Menschen betreffen, die hier groß geworden sind. Denn sie haben nur Bilder von Schwarzen gesehen, die Hilfe brauchen. In Europa gelten Schwarze Menschen als arme Schmarotzer. Aber eigentlich ist Afrika der Kontinent, der von allen am meisten gibt. Wenn wir eine Million Entwicklungshilfe geben, ziehen wir das Vielfache an Geld in Form von Rohstoffen aus dem Land raus, das ist Fakt und sollte eigentlich jeder wissen. 

Glauben Sie, wir könnten die rassistische Sozialisierung mindern, wenn wir sie erkennen würden?

Ja. Erstmal muss ich erkennen, dass ich privilegiert bin und mich mit gewissen Sachen nicht auseinandersetzen muss, im Vergleich zu People of Color (Anm. der Redaktion: gängige Selbstbezeichnung von nichtweißen Menschen, Abkürzung PoC). Wenn das viele Menschen verstehen, auch Leute in Führungspositionen, dann, bin ich der Meinung, kann man etwas ändern. Es geht um systemgebundene Aufklärung. In den Schulen muss gelehrt werden, was genau Rassismus ist, wie er entstanden ist und wie er in unserer Kultur verankert ist. Dass er erfunden wurde, damit wir gewissenlos Geld auf dem Rücken von anderen machen können. Und dass systematisch gewisse Bilder gezeigt werden, damit wir glauben, diese Leute verdienen es nicht besser. Als Schwarzer Mensch ist es egal, wo du lebst, wo du herkommst, dein Schicksal ist mit Afrika verbunden. So wie Afrika gesehen wird, so wirst du gesehen.

Es ist also besonders wichtig, an den Schulen etwas zu ändern. Wie kann das gelingen, wenn die Lehrenden selbst rassistisch sozialisiert sind?

Genau das ist das Problem. Viele Lehrende sehen nicht, dass sie rassistisch sozialisiert sind. Es bedarf Druck, damit diese Menschen gezwungen werden, sich damit auseinanderzusetzen. Dann werden sie merken, dass irgendwas verdammt falsch ist. Die meisten Jugendlichen erleben Rassismus das erste Mal von Lehrern oder jemandem, der über ihnen steht. Jemandem, der dieses Kind eigentlich empowern und ihm das Gefühl geben sollte, dass es etwas wert ist.

Sie arbeiten selbst mit Jugendlichen. Wie kann Kunst oder speziell auch Tanz zum Empowerment (Selbstermächtigung) beitragen?

Kunst und Kultur sind das A und O. Ich bringe den Jugendlichen nicht nur bei zu tanzen, sondern ich teile mit vielen von ihnen die Erfahrung, im System abgehängt zu sein. Das, was auf mich projiziert wurde, wäre fast wahr geworden. Ich werde so oft als Gefahr gesehen, dass ich teilweise dazu überging, mich auch so zu verhalten. Weil ich wusste, dass mich die Leute sowieso so sehen. Durch Kunst, Musik oder Tanz kann man solchen Teufelskreisen entkommen. Ich habe Anerkennung durchs Tanzen kennengelernt und dadurch eine Stimme bekommen. Ich habe Disziplin durchs Tanzen gelernt. Ich wurde durch Kunst sozialisiert. Die Mehrheit der Jugendlichen, die ich unterrichtet habe, sind in unserer Gesellschaft angekommen und haben beruflich viel erreicht. Sie haben durchs Tanzen gelernt: Das was ich reingebe, ist das, was ich zurückbekomme. Wenn ich ein Jahr lang fünf Stunden täglich trainiert habe und gegen jemanden antrete, der eine Stunde täglich trainiert hat, dann sieht man das. Das ist ein ganz klares Ding, da ist nicht viel mit Privilegien.

Warum haben die Kunden bei Aldi Sie als Bedrohung wahrgenommen?

Ich bin nicht weggelaufen. Ich bin stehengeblieben und habe sie verbal bearbeitet. Ich habe sie darüber aufgeklärt, dass wir im Jahr 2021 leben und man auch mit 60, 70 oder 80 Jahren nicht an alten Gebräuchen festhalten muss. Wir Menschen entwickeln uns tagtäglich und lassen Sachen sein, von denen wir wissen, dass sie nicht gut für uns sind. Ich habe ihnen gesagt, dass es nicht in Ordnung ist, das N-Wort zu benutzen, auch wenn sie das 70 Jahre lang getan haben. Ich arbeite seit fünfzehn Jahren als Tanzpädagoge, wenn sich jemand komplett daneben benimmt, dann muss ich ihm das sagen.

Welche Strategien haben Sie entwickelt, um mit solchen Situationen zurechtzukommen?

Ich muss sagen, ich habe als Jugendlicher aggressiv darauf reagiert, mit Beschimpfungen. Irgendwann habe ich dann beschlossen, es zu ignorieren. Der entscheidende Punkt für mich war aber, dass ich Kinder bekommen habe. Ich muss versuchen, eine bessere Welt für sie zu kreieren. Ich habe mich erstmal selbst weitergebildet, mich gefragt, wie sich die Menschen fühlen, die es als richtig empfinden, so zu handeln. Dann habe ich mir Worte zurechtgelegt, mit denen ich die Leute dann konfrontiere. Ich versuche sie aufzuklären, anstatt mich zurückzuziehen. Ich gehe nicht weg, das habe ich zu oft gemacht, und das machen auch die meisten Schwarzen Menschen, vor allem ältere. Oft sagen sie: „Hör auf, du bringst dich noch in Schwierigkeiten!“ Das ist so traurig. Aber ich als Mensch, der teilweise privilegiert ist und das Glück hatte, in Deutschland groß zu werden und sich hier zu engagieren, sehe mich als jemanden, der aufklären muss.

Sie können inzwischen über das Video lachen. Hilft auch Humor, mit so etwas umzugehen?

Ich weiß nicht, ob Humor hilft. Aber wenn ich mir das Video angucke, dann muss ich über diese Absurdität lachen. Die Frau, die gesagt hat, ich sei eine Bedrohung, ist erst kurz bevor ich angefangen habe zu filmen dazugekommen. Sie hat vielleicht zwei Sätze gehört. Trotzdem bin ich offenbar ihr Feindbild. Humor hilft nicht, aber ich hatte keine andere Wahl. Das war an Absurdität nicht mehr zu überbieten.


*Schwarz wird in diesem Artikel großgeschrieben, da es sich um eine politische Selbstbezeichnung handelt. Diese beschreibt keine biologischen Eigenschaften, sondern gesellschaftspolitische Zugehörigkeiten, wie Der braune Mob.eV auf seiner Website erklärt.