Rathaus Neukölln: Obdachloser verletzt Mitarbeiter und Wachmann mit Jagdmesser

Die Menschen drängten sich gerade  auf den Fluren des Rathauses Neukölln, als  die Tat völlig unvermittelt geschah. Am Montag gegen 9.30 Uhr öffnete sich  auf dem endlosen Gang im 3. Stock der Abteilung Soziale Wohnhilfe eine der Türen. Eine Mitarbeiterin wollte gerade „Der Nächste bitte“ sagen, als ein Mann sie beiseite stieß  und in das Büro stürmte.

Er zog ein Messer und stach damit einem 55-jährigen Mitarbeiter in die Brust. Nach Zeugenaussagen verwendete der Täter ein 20 bis 25 Zentimeter langes Jagdmesser.

In der Zwischenzeit  hatte die beiseite geschubste Mitarbeiterin einen Wachschützer herbeigeholt. Diesem fügte der Täter dann eine Schnittverletzung am Arm zu und flüchtete. Der Wachmann, wie auch das andere Opfer, das im Vivantes-Klinikum Neukölln  behandelt wird, wurden nicht lebensgefährlich verletzt.

Einschließen im Büro

Weil nicht klar war, ob sich der Täter noch im Haus befand, wies der Steuerungsdienst der Behörde die Mitarbeiter an, sich in ihren Büros einzuschließen. Eine entsprechende Meldung erschien als Popup-Fenster auf ihren Computern. Evakuiert wurde das Haus nicht.

Alarmierte Polizisten durchsuchten  das Gebäude. Derweil sorgte ein anderer Vorfall für Irritationen und Aufregung: Auf der Donaustraße, die hinter dem Rathaus verläuft, sprang ein Verwirrter mit nacktem Oberkörper herum und hielt Autos an. Polizisten nahmen ihn fest.

Es handelte sich jedoch nicht um den Messerstecher. Gegen 10.30 Uhr wurde Entwarnung gegeben. Es war klar, dass der Täter das Haus verlassen hatte. „Nach ihm wird jetzt gefahndet“, sagte ein Polizeisprecher. Bis zum Abend war der Mann noch nicht gefasst.

Bei dem Täter handelt es sich  um einen 57-jährigen Obdachlosen, der im Bezirksamt  Neukölln schon bekannt war. Er war dort in sozialpsychiatrischer Betreuung. Der Mann, der in einem Obdachlosenheim in Treptow-Köpenick lebt, war nach Angaben  von Bezirksbürgermeisterin Franziska Giffey (SPD) mit seiner Unterbringung unzufrieden. Er wollte ein Einzelzimmer. Deshalb hatte er ursprünglich einen Termin im Rathaus für diesen Donnerstag bekommen. Er  tauchte aber schon am Montagvormittag unangemeldet dort auf. Das Bezirksamt Neukölln ist für ihn zuständig, weil sein letzter Wohnort vor langer Zeit in diesem Bezirk lag.

Die Abteilung Soziale Wohnhilfe vermittelt  Schlafplätze für Wohnungslose in einer der 107 Berliner Einrichtungen. In Neukölln befinden sich   acht solcher Unterkünfte.  Jeden Morgen bekommt die Abteilung mitgeteilt, ob und wo es noch freie Betten gibt. „Die Not wird größer“, sagte Sozialstadtrat Bernd Szczepanski (Grüne). Man habe zunehmend auch Familien, für die man Unterkünfte besorgen müsse. Am Donnerstag wollte man dem 57-Jährigen eigentlich sagen, ob man ein Einzelzimmer gefunden habe.

Wachpersonal wird verstärkt

Die Stimmung unter den „Kunden“, wie die Bittsteller in den Ämtern genannt werden, ist angespannt. Mehrfach schon wurden Mitarbeiter des Rathauses Neukölln bedroht. „Wir haben hier nicht umsonst vor über drei Jahren einen Wachschutz etabliert“, sagt Szczepanski. „Wir können oft nicht bieten, was die Leute verlangen. Das führt zu Aggressionen.“ Da würden Mitarbeiter beschimpft oder die Sachen vom Schreibtisch gefegt, in einem Fall sei ein Mitarbeiter mit einem Stuhl bedroht worden. Aber einen Angriff wie den vom Montag habe es noch nicht gegeben.

Auch Bezirksbürgermeisterin Giffey spricht von einem Ausnahmefall. „Aber mit dem Gefährdungspotenzial müssen wir umgehen“, sagt sie. „Wir haben mit unseren Kollegen gesprochen, was wir tun können.  „Wir werden jetzt unter anderem unseren  Wachschutz verstärken.“