Berlin - So also sieht die vielgepriesene Berliner Mischung aus: Ein paar Altbauten mit vereinzelt eingestreuten Nachkriegsbauten, gleich neben dem gelb gestrichenen Haus in der Rathenower Straßen 50 befindet sich die mehr als hundert Jahre alte Eckkneipe namens „Kaputter Heinrich“, gegenüber ist ein arabischer Obst- und Gemüsehandel, ein Friseur und auf der anderen Straßenseite im Souterrain befindet sich eine „Baklava-Manufaktur“, in der süßes türkisches Gebäck hergestellt wird.

Das Haus Rathenower Straße 50, in dem 15 Mietpartien wohnen, hat der Bezirk Mitte nun über die Wohnungsbaugesellschaft Mitte erworben. Erstmals hat der Bezirk damit von seinem Vorkaufsrecht in den Milieuschutzgebieten Gebrauch gemacht. Verhindern wollte Baustadtrat Ephraim Gothe (SPD) damit, dass der neue Investor den Altbau luxussaniert oder die Räume in teure Eigentumswohnungen umwandelt und verkauft. „Diese Berliner Mischung soll erhalten bleiben“, sagt Gothe.

Studenten-WG betroffen

Am Sonntagmorgen läuft eine Mutter mit ihrer kleinen Tochter aus dem Haus. „Wir sind sehr froh, dass der Bezirk das gemacht hat“, sagt sie. „Denn wir wohnen gerne hier.“ Das Haus sei in einem ganz guten Zustand, aber grundlegend saniert sei es nicht. Gerade im Hinterhaus gebe es hin und wieder Reparaturbedarf. Sie selbst sei innerhalb des Hauses schon einmal umgezogen.

Im Haus wohnen einige studentische Wohngemeinschaften, aber auch Menschen, die schon seit Jahrzehnten hier im Moabiter Kiez unweit des Kriminalgerichtes leben. Auf der anderen Seite hin zum Hauptbahnhof sind in den vergangenen Jahren hochwertige Neubauten entstanden. In der Rathenower Straße 50 zahlen einige der Mieter eine Nettokaltmiete von etwa 6,70 pro Quadratmeter. Das ist bereits über dem üblichen Niveau hier.

Eine vierköpfige Studenten-WG habe ihm zuvor geschrieben und dargelegt, dass sie schon jetzt alle etwa ein Drittel ihres Einkommens als Miete aufbringen, berichtet Gothe. Sie hätten Nebenverdienste, teilweise bezögen sie Bafög. Einen neuen Vermieter, der die Miete erhöht, würden sie als Bedrohung ihrer Wohngemeinschaft wahrnehmen. Die Studenten würden hier im Kiez einkaufen, sich die Haare für zehn Euro schneiden lassen und hätten die Kinder der Mitbewohner im Haus groß werden sehen.

Auch eine andere Bewohnerin des Hauses habe ihm geschrieben, berichtet Gothe. Sie sei selbst in diesem Haus bei ihren Eltern aufgewachsen und habe dort vor ein paar Jahren eine eigene Wohnung bezogen. Die Frau arbeitet voll und will nun dazu noch ein berufsbegleitendes Studium an einer nahen Hochschule aufnehmen. Wenn sie ausziehen und weitere Fahrtwege auf sich nehmen müsste, würde sie das nicht schaffen, hat sie Gothe geschrieben. Verwurzelt sei sie hier im Kiez.

Weitere Milieuschutzgebiete sind geplant

Der neue Eigentümer der Rathenower Straße 50 hatte sich zuvor geweigert, die übliche Abwendungsvereinbarung zu unterzeichnen, in der er auf eine Umwandlung in Eigentumswohnungen und kostspielige Modernisierungen verzichtet hätte. Zuletzt konnten im Weddinger Milieuschutzgebiet zwei solche solche Abwendungsvereinbarungen unterschrieben werden.

Damit verpflichtet sich ein neuer Erwerber, die Mieten sozialverträglich zu erhöhen und Luxussanierungen zu unterlassen. Im Bezirksamt vermutet man, dass der neue Eigentümer der Rathenower Straße 50 wohl nicht damit gerechnet habe, dass Mitte tatsächlich von seinem Vorkaufsrecht Gebrauch macht.

Wer in einem erworbenen Altbau Miet- in Eigentumswohnungen umwandeln will, kann bisher eine Lücke im Baugesetzbuch nutzen. Der Eigentümer muss die Wohnungen sieben Jahre lang den dort lebenden Mietern zum Kauf anbieten. Greifen sie nicht zu, kann er sie auch an andere Interessenten verkaufen. Immerhin stehe jetzt im gerade verhandelten Entwurf des Koalitionsvertrages auf Bundesebene, dass „preiswerter Wohnraum geschützt“ werden müsse, sagt Gothe. Das sei eine gute Formulierung für ein strikteres Vorgehen.

In Mitte gibt es bereits fünf Milieuschutzgebiete in Wedding (Sparrplatz, Leopoldplatz und Seestraße) und in Moabit (Wald- und Birkenstraße). Sechs weitere sind geplant. Gothe registriert schon jetzt drastische Mieterhöhungen im Bestand. „Mich ärgert, dass ein Eigentümer inzwischen binnen weniger Jahre die Miete verdoppeln kann, ohne dafür einen konkreten Gegenwert zu schaffen.“ Denn die Immobilie bleibe ja oft dieselbe.