So könnte die Karl-Marx-Allee nach der Umgestaltung aussheen - Wiese statt Parkplätze auf dem Mittelstreifen. 
Simmulation: Senat für Umwelt Verkehr Klimaschutz

BerlinIn den Häusern an der westlichen Karl-Marx-Allee hängen seit einigen Tagen Flugblätter der Hermann-Henselmann-Gesellschaft. Die Bewohner werden darüber informiert, dass der in vielen Jahren intensiver Verhandlungen erreichte Kompromiss über die künftige Gestaltung des Straßenprofils von Bausenatorin Günter in Frage gestellt ist: Sie möchte nun anstelle des fest gepflasterten Mittelstreifens, der auch dem Parken der Anwohner dienen sollte, eine „Wiese“ anlegen lassen. Der neue Entwurf vom 11. Oktober des Jahres liegt der Berliner Zeitung vor, und er macht deutlich: Die Proteste werden vernehmlich sein, aus vielen Gründen.

Dass die Karl-Marx-Straße umgestaltet werden soll, ist seit Jahren unumstritten. Vor allem sollen Fahrradfahrer endlich locker nebeneinander und ohne Gefahr durch aufklappende Autotüren radeln zu können, sollen auch Fußgänger, die etwa zum Kino International, zum Bezirksamt Mitte, zu den Geschäften an der Schillingallee oder den Cafes gehen, ausreichend Platz erhalten.

Gleichzeitig besteht aber die Verkehrsverwaltung weiter darauf, den Autoverkehr in jeder Richtung dreispurig laufen zu lassen. Um den Platz für all diese Ansprüche gut zu verteilen, wurde im Rahmen einer aufwändig organisierten Bürgerbeteiligung erreicht, dass die Parkplätze an den Seitenstreifen weg fallen, dafür der Mittelstreifen für die stehenden Autos vor allem der Anwohner genutzt werden kann. Dafür aber muss der Mittelstreifen fest gepflastert sein.

Zur Karl-Marx-Allee gehört die Dominanz des Autos  

Das kam durchaus den Anliegen der Denkmalpfleger und der Henselmann-Gesellschaft entgegen. Sie wollen auch die westliche Karl-Marx-Allee zusammen mit den monumentalen Bauten der einstigen Stalinallee zwischen Strausberger Platz und Frankfurter Tor sowie dem am Westrand des Tiergartens gelegenen, modernistischen Vorzeigequartier Hansa-Viertel für die Liste des Welterbes vorschlagen. Diese seien einzigartige Denkmäler der unterschiedlichen Vorstellungen in den sozialistischen und den kapitalistischen Staaten, wie die Wohnungsfrage nach dem Krieg gelöst werden solle. Dazu gehöre auch die Dominanz des Autoverkehrs, gehöre auch das Gefühl des weiten, nicht herstellten und platzartig hart gepflasterten Raums.

Die neue Konzeption Günthers entspricht zwar in den Grundlinien der abgesprochenen Konzeption, doch wird das Fehlen der Parkplätze auf dem Mittelstreifen mit Sicherheit zu Problemen für die Anwohner führen. Andererseits ist es Senatspolitik, so viel Land wie irgend möglich zu öffnen, für das Wachstum von Bienenwiesen, aber auch als Flächen für die natürliche Versickerung von Regenwasser.

Ende der vergangenen Woche haben sowohl die Denkmalverwaltung als auch der Bezirk Mitte – der die Grünflächen künftig pflegen müsste – der Berliner Zeitung auf Nachfrage mitgeteilt, dass sie nicht von den neuen Planungen der Senatorin in Kenntnis gesetzt seien. Ihr Pressesprecher vertröstet auf eine spätere Bekanntgabe der Pläne.

Senatorin Regine Günther verspricht in Kürze ein Informationsschreiben

Baustadtrat Ephraim Gothe (SPD) ist empört über das Vorgehen der Senatorin. "Ich kann das klimapolitische Ziel ja verstehen, aber die Weisung konterkariert den jahrelangen Partizipationsprozess. Wir als Bezirk haben jetzt das Problem, die neue Lage zu kommunizieren", sagte er.  Und: "Der Bezirk Mitte distanziert sich deutlich von diesem Vorgehen der Senatorin und stellt die Übergehung der Bürgerinteressen in diesem Stadium des Bauens ausdrücklich in Frage." So große Umplanungen widersprächen den Leitlinien zur Bürgerbeteiligung. 

Die Reaktion der Senatsverwaltung: "In Kürze" werde ein Anwohner-Informationsschreiben zur "transparenten Kommunikation" der Umplanungen verschickt werden, das "in Vorbereitung" sei. Die Umplanungen seien eine Folge der neuen Rechtslage, die 2018 durch das Mobilitätsgesetz eingetreten sei, und diene der Anpassung an die Folgen des Klimawandels. Deshalb werde der zehn Meter breite Mittelstreifen nicht nur wegen größerer Verkehrssicherheit begrünt, weil niemand mehr aus- oder einparkt, sondern auch, um als Versickerungsfläche für Regenwasser zu dienen.