Rauswurf: Berliner Bildhauer Peter Unsicker soll nach 30 Jahren sein Atelier verlassen

Berlin - Peter Unsicker sitzt im Schaufenster seiner Galerie in der Zimmerstraße unweit des Checkpoints Charlie. Unsicker ist 70, wenn er lacht, sieht er aus wie 60, doch im Moment fällt ihm das Lachen selten leicht. Die Galerie, der Ort seiner Kunst, ist bedroht: Peter Unsicker wurde der Mietvertrag gekündigt, er soll ausziehen samt seinen Skulpturen und Bildern. Der Besitzer hat Eigenbedarf angemeldet auf die rund 100 Quadratmeter im Erdgeschoss mit Blick auf ein Hotel.

Früher verschattete die Mauer Unsickers Galerie – das Haus in der Zimmerstraße stand direkt an der Grenze, es gibt Fotos, die die Stasi von Unsickers Galerie geschossen hat, der Künstler zeigt sie in einem Buch über sein Werk und den Ort, an dem er lebt und arbeitet seit Mitte der 80er.

Sein Mietvertrag ist noch älter, unglaubliche 52 Jahre. Unsicker hat ihn von einer Freundin übernommen, rund 600 Euro bezahlt er heute. „Das Café im Nebenhaus gehört demselben Besitzer, ich habe gehört, dass die Betreiber 32 Euro für den Quadratmeter bezahlen müssen“, sagt Unsicker und nimmt einen Schluck Kaffee. Es ist kühl in der Wohnung, Unsicker trägt eine Weste und eine dicke Strickjacke. Er ist ein freundlicher, warmherziger Mann, der hier gemeinsam mit seiner Frau, einer Sängerin, lebt.

Austauschbar und abwaschbar

Dass ihm gekündigt wurde, dass er seinen Lebensraum aufgeben soll, ist mittlerweile in dieser Stadt ein fast alltägliches Schicksal. Viele Menschen sind betroffen von Spekulantentum und Gentrifizierung. Was Unsickers Geschichte interessant macht, ist nicht der bittere Fakt der Wohnungskündigung, sondern die Tatsache, dass die Wall Street Gallery und mit ihr ihr Betreiber so etwas sind, wie eine Insel. Rundherum ist Berlin eine andere Stadt geworden, seit der gebürtige Heidelberger vor 30 Jahren seine Galerie eröffnet hat, so nah an der Mauer, dass sie sich in den Fensterscheiben der Wohnung mit Atelier spiegelte.

Die Zimmerstraße ist eine Touristenmeile geworden, das Angebot so austauschbar wie in vielen europäischen Großstädten, es gibt ein Trabi-Museum und einen Laden, der Thierry Noirs berühmte Mauerbilder verkauft, auf T-Shirts, Kissen, Tassen, Karten und Handyhüllen.

Anachronistischer Charme

Coffeeshops und Hotels wechseln sich ab und das meiste sieht modern und praktisch aus. Irgendwie abwaschbar und austauschbar. Ein protziges Neubauprojekt namens „Charlie Living“ soll unweit der Galerie entstehen – gläserne Türme mit Wohnungen und Apartments, sowie ein Hard-Rock-Hotel an der Ecke zur Friedrichstraße mit mehreren Hundert Zimmern.

Dabei sind es Orte, wie Unsickers Galerie und ihr Betreiber, die Berlins Ruf und seine Anziehungskraft zu einem nicht geringen Teil ausmachen und ausgemacht haben. Der Künstler in seiner Galerie, einem charmant-chaotischen Ort, mag ein wenig wirken wie ein Anachronismus, doch die Touristen, die vom Checkpoint Charlie an der Galerie vorbeilaufen, bleiben stehen, auch wenn es regnet, schauen herein und man sieht ihnen an, dass der Blick in Unsickers Galerie, auf die etwas märchenhaft wirkende Fensterfront, eine Überraschung ist.

Doch selten kauft ein Tourist etwas von Unsickers Kunst, die man am ehesten als fantastischen Realismus bezeichnen könnte. Doch der Galerist braucht nicht viel, sagt er. „Mir reichen 1000 Euro im Monat, mehr verdiene ich selten. Ich kann mir dieses Leben, diesen Ort hier nur leisten, weil die Miete so günstig ist.“ Ein Opfer will Unsicker trotzdem nicht sein. „Nein, so fühle ich mich nicht, obwohl meine Mittel limitiert sind. Aber es ist natürlich so, dass mir das Leben hier an diesem Ort schwer gemacht wird. Dieses ständige Gefühl, hier nicht mehr erwünscht zu sein finde ich schwer zu ertragen.“

Kündigung wegen Eigenbedarfs

Einen Anwalt hat sich der Künstler genommen, denn er empfindet die Kündigung als unrechtmäßig und könnte damit vielleicht sogar recht haben. Denn der Vermieter hat Unsicker wegen Eigenbedarfs zum 31. 7. 2017 gekündigt, der kranke Vater des Eigentümers soll in die Wohnung ziehen, da der Mann keine Treppen mehr steigen kann und zurzeit in einer Wohnung im vierten Stock lebt.

Soweit so verständlich, doch laut Peter Unsicker wurde eine Tatsache übersehen: „Ich wohne seit Jahren in der Wohnung und habe mehrere Besitzer erlebt.“ Der neue Eigentümer hat die Wohnung im Jahr 2015 gekauft. „Laut meinem Anwalt muss aber ab dem Kauf eine Frist von zehn Jahren verstreichen, bis man auf Eigenbedarf klagen kann. Wenn das stimmt, dann kann ich also noch neun Jahre hier leben. Ich hoffe, dass das so ist“.

Einen Plan B hat der Künstler, der dann 80 Jahre alt wäre, nicht. „Ich muss arbeiten, um zu leben. Doch eine höhere Miete kann ich nicht stemmen. Und ich bezweifle, dass das in zehn Jahren der Fall sein wird.“