Im Stoff- und Gerätelager, wo einst die Uniformen für Reichsbahner geschneidert wurden, sind laute Gitarren-Klänge zu hören. Junge Musiker einer Band proben gerade. Auf dem Flur flitzen aufgeregte Grundschüler zum Training in ihren Kinderzirkus Zack. Vor dem Haus an der Revaler Straße in Friedrichshain, dessen rote Klinkerfassade mit Graffiti übersät ist, steht Kristine Schütt und raucht. Die 54-Jährige mit dem halblangen blonden Haar sieht müde aus. Die vergangenen Wochen waren anstrengend – für sie und ihre Mitstreiter vom Verein RAW Tempel, der in dem alten Gebäude sein Büro hat.

Seit 15 Jahren sorgt der Verein mit seinen Sozial- und Kulturprojekten dafür, dass das Gelände des früheren Reichsbahnausbesserungswerks, kurz RAW, nicht noch weiter verfällt. Doch ob seine gut 30 Projekte, darunter Theater und Musik, Töpfern und Grafikdesign, dort überleben, ist ungewiss. Investoren wollen auf dem Areal Hunderte Wohnungen bauen. Der Bezirk Friedrichshain-Kreuzberg hat dies lange Zeit befürwortet, ist jetzt aber umgeschwenkt: Auf Druck von Anwohnern beschloss Bezirksparlament, auf dem RAW-Areal ein wohnungsfreies Freizeit- und Naherholungsgelände zu entwickeln.

Die 70.000 Quadratmeter große Fläche an der Revaler Straße ist die letzte große Industriebrache in Friedrichshain. Wo bis 1994 Loks und Eisenbahnwaggons repariert wurden, hat sich eine Spielwiese der Subkultur entwickelt, die einzigartig ist in der Stadt. Clubs wie das Astra Kulturhaus, Cassiopeia oder Suicid Circus locken allabendlich ihr Publikum an. Die Szenebar Zum Schmutzigen Hobby ist von Prenzlauer Berg dorthin gezogen, im ehemaligen Badehaus der RAW-Arbeiter wird jetzt Salsa-Punk und Jazz gespielt. Und der neue Kunstraum Spree Urban an der Warschauer Brücke bietet Ausstellungen zur Street Art, Comictreffen und Sommerfeste an.

Zwischen all der Ruinenromantik aus zerfallenen Werkhallen und sanierten Zweckbauten steht ein Spitzbunker aus dem Krieg, der zum Kletterkegel umfunktioniert wurde. In der Skaterhalle gleich nebenan wetteifern Anfang Juli Profis aus aller Welt um Ruhm und Geld. Und gegenüber bietet Joni Purmonen, ein Hüne aus Finnland, Kraftsport-Training an. Im alten Gasdepot hat ein vegetarischer Imbiss eröffnet und neben einem Getränkegroßhandel entsteht gerade ein Biergarten mit Pool.

Ballermann und Soziokultur

Es ist ein Sammelsurium zwischen Ballermann und Soziokultur, das dort nahezu unkoordiniert entstand. Kristine Schütt kennt alle Projekte. Die Musiklehrerin, die auch Mitglied der Berliner Rockband „Prunx“ ist, zählte 1999 zu den ersten, die mit dem Verein RAW Tempel das verlassene Gelände für sich entdeckten. „Damals suchte ich Räume für meinen Trommel- und Tanzworkshop“, sagt sie. Im Stoff- und Gerätelager des RAW wurde sie fündig. Die Nachfrage nach Musikunterricht ist inzwischen so groß, dass sie die Musikschule „Traumstation“ gründete. Dort unterrichtet sie Kinder am Keyboard und im Gesang.

Kristine Schütt hofft, dass der Verein, dessen Vorstand sie seit einigen Jahren ist, mit seinen 30 Projekten, die vor allem Kinder und Jugendliche ansprechen, bleiben kann. Der Verein bespielt derzeit drei denkmalgeschützte Häuser entlang der Revaler Straße. Mit den wechselnden Eigentümern lag man stets im Clinch. So wie alle anderen Nutzer auf dem Gelände, die sich akut bedroht fühlen, wenn auf dem Gelände Wohnungen entstünden.

Wer die Eigentümer und Investoren sind, ist verworren. Im Jahr 2007 hatte das deutsch-isländische Konsortium RED das Areal von der Bahn gekauft. Jahre später spaltete sich die RED in zwei Gesellschaften auf, die derzeit vor Gericht über die Gültigkeit interner Kaufverträge streiten. Etliche Mieter, auch der RAW Tempel, überweisen ihre Miete seit Monaten schon auf ein Gerichtskonto, weil sie nicht wissen, wer ihr Vermieter ist. „Das nervt, zumal wegen des Rechtsstreits auch die Verhandlungen über neue Mietverträge blockiert sind“, sagt Schütt.

Zur Entwicklung auf dem Areal hatte der ehemalige Bezirksbürgermeister Franz Schulz (Grüne) mit der RED vereinbart, dass Wohnen und Subkultur gemeinsam Platz finden könnten. Wohnungen für Familien waren im östlichen Teil vorgesehen, Studenten-Appartements sollten nahe der Skaterhalle gebaut werden, quasi als „Puffer“ zum Kulturteil. Doch dies sehen die Grünen im Bezirksparlament inzwischen anders, wie Fraktionssprecherin Paula Riester sagt: „Auf dem RAW-Gelände haben die Clubs Priorität. Die Integration von Wohnen und Clubleben ist schwierig, wenn nicht unmöglich.“

Zumal in der Nachbarschaft, östlich der Modersohnbrücke in Richtung Ostkreuz, bereits Hunderte Wohnungen entstanden. Dort mussten Clubs schließen, weitere wie das R 19 oder das Lovelite, sind bedroht. Für Wohnungsbau gebe es im Bezirk ausreichend andere Orte, sagen die Grünen. SPD und CDU halten – bislang – an den alten Plänen fest.

Tapfer weitermachen wie bisher

Auch Baustadtrat Hans Panhoff von den Grünen warnt vor Wohnungsbau auf dem RAW-Gelände. „Kommt es zur Lärmkonflikten, ziehen fast immer die Clubs den Kürzeren“, sagt er. Jetzt soll für das ehemalige Bahngelände ein Bebauungsplan aufgestellt werden, in dem die Eigenart des Areals als „Sondernutzungsgebiet“ für Freizeit und Kultur festgeschrieben werden könnte. Damit das Areal aber nicht weiter in Richtung Ballermann kippt, wünschen sich Anwohner auch mehr Grünflächen für Familien.

Doch weil sich der juristische Streit zwischen den Eigentümern noch über Jahre hinziehen kann, weiß man im Bezirk derzeit nicht, wer der Ansprechpartner für diese gewünschte Planungsänderungen ist. Kristine Schütt vom RAW Tempel sagt: „Wir alle hier werden zähneknirschend und tapfer weitermachen wie bisher, auch wenn wir nicht wissen, was wird.“