Razzia bei der Morgenpost: Ein Polizist als Leibwächter

Berlin - Über die Razzia bei der Berliner Morgenpost sind neue Details bekannt geworden. Wie berichtet, wirft die Staatsanwaltschaft dem Chefreporter der Zeitung vor, einen Polizisten des Landeskriminalamtes (LKA) bestochen zu haben, um an vertrauliche Informationen zu kommen. Auf den Redakteur Michael Behrendt waren die Ermittler gekommen, weil er ein enger Freund des Beamten ist. Gegen diesen wiederum wird intern ermittelt wegen des Verdachts, eine bevorstehende Razzia gegen Rocker an Medien verraten zu haben.

Derweil erscheint es fraglich, ob sich der Bestechungsvorwurf gegen den Redakteur der Morgenpost, die im Axel-Springer-Verlag erscheint, erhärten lässt. „Wir haben den Verdacht, dass eine Rechnung fingiert wurde und das buchhalterische Pendant beim Verlag gesucht, der uns dieses aushändigte“, sagte der Sprecher der Berliner Staatsanwaltschaft, Martin Steltner, am Sonntag.

Vergangenen Mittwoch, kurz vor 7 Uhr morgens, hatten ein Staatsanwalt und fünf Polizisten am Wohnhaus des Leiters der Polizeiredaktion geklingelt. Sie zeigten Behrendt den Durchsuchungsbeschluss, den die Staatsanwaltschaft erwirkt hatte.

Wenig später standen im Axel-Springer-Verlag in Kreuzberg vier Polizisten und ein Oberstaatsanwalt mit einem Durchsuchungsbeschluss. Er bezog sich nicht nur auf den Arbeitsplatz des Redakteurs, sondern auf die gesamte Redaktion. Justizsprecher Steltner, der selbst fünf Jahre lang Korruptions-Ermittlungen leitete, räumt ein: „Solche Ermittlungen sind immer schwierig.“

Der beschuldigte Reporter und sein Morgenpost-Kollege Dirk Banse recherchieren seit den 90er-Jahren über das kriminelle Kinderhändler-Milieu. Unter anderem interessieren sie sich für das Schicksal des 1992 verschwundenen zwölfjährigen Manuel Schadwald aus Tempelhof.

Dessen Spur verliert sich im Milieu um den Kinderhändlerring des Belgiers Marc Dutroux. Behrendt und Banse stellten außerdem Recherchen an zu Fällen von Berliner Kindern, die möglicherweise durch Pädophile ermordet wurden. Im Frühjahr 2011 reisten sie deshalb nach Amsterdam, um vor Ort zu recherchieren.

Recherchen der Polizei übergeben

Mehrere Zeugen in der Dutroux-Affäre kamen bereits um, weshalb solche Recherchen als gefährlich gelten. Der Springer-Verlag bestand nach eigener Darstellung darauf, den beiden Reportern Personenschutz an die Seite zu geben. Er engagierte zwei professionelle Personenschützer und zusätzlich den LKA-Beamten, der in seiner Freizeit seinen Freund und dessen Kollegen begleitete.

Dafür bekam der Beamte gut 3000 Euro, in denen das Tageshonorar und Nebenkosten wie das Flugticket enthalten waren. „Bei gefährlichen Recherchen sorgen wir in Abstimmung mit unserer Konzernsicherheit für den Schutz unserer Reporter“, sagt ein Sprecher des Axel-Springer-Verlages.

Die Staatsanwaltschaft glaubt, dass die Journalisten dem LKA-Mann als Dankeschön für seine vertraulichen Informationen, die er stets lieferte, ein schönes Wochenende bereiteten. Dagegen spricht, dass die Reporter ihre Rechercheergebnisse nach ihrer Heimkehr aus Amsterdam dem LKA übergaben. Vermittelt durch die Pressestelle, trafen sie sich nach der Reise mit dem damaligen Leiter des Dezernats für Sexualdelikte.

Bislang dürfen die Ermittler die bei Behrendt beschlagnahmten Beweismittel wie Telefon und Computer nicht verwenden, weil der Axel-Springer-Verlag Widerspruch dagegen einlegte. Darüber muss jetzt das Berliner Landgericht befinden. Mit einer Entscheidung wird für diese Woche gerechnet.

Die Durchsuchung der Privaträume des Redakteurs sowie der Redaktion stößt auf heftige Kritik bei Journalistenverbänden und Politikern. Es handele sich um einen rechtswidrigen Eingriff in die im Grundgesetz geschützte Pressefreiheit und das Redaktionsgeheimnis, hieß es bei der Deutschen Journalistenunion.

Auch für den Deutschen Journalistenverband ist die Maßnahme unverhältnismäßig. „Pressefreiheit und Quellenschutz stehen höher als solche Verdächtigungen“, sagte Landeschef Alexander Fritsch. Der Grünen-Innenexperte Benedikt Lux sagte am Sonntag: „Die Staatsanwaltschaft durchsucht hier aus einem nichtigen Anlass Wohnung und Büro eines Journalisten. Eine Bestechungstat scheint fernliegend, da die Gegenleistung klar in dem Auftrag als Bodyguard liegt. Es entsteht der Eindruck als würde die Staatsanwaltschaft Journalisten, die brisante Informationen haben, damit gezielt abschrecken wollen. Alles in allem scheinen die Nerven wegen der verratenen Rocker-Razzia blank zu liegen.“

Keine Genehmigung

Wissend um die Brisanz der Ermittlungen schaltete sich auch Justizsenator Thomas Heilmann (CDU) ein. Zeitgleich zur Razzia in der Morgenpost rief er beim Chefredakteur an, um für Verständnis zu werben. Eine Sprecherin des Senators bestätigte dies. Der ermittelnde Staatsanwalt habe darum gebeten, um zur Deeskalation beizutragen. Denn der Schutz des Redaktionsgeheimnisses sei ein hohes Gut.

Sollte sich der Bestechungsverdacht gegen den Journalisten und der der Bestechlichkeit gegen den Polizisten als haltlos erweisen, dann sieht es für Letzteren trotzdem nicht gut aus. Er hatte nach Informationen der Berliner Zeitung keine Genehmigung seiner Behörde für eine Nebentätigkeit. Laut Landesbeamtengesetz kann Beamten eine Nebentätigkeit versagt werden, wenn dadurch seine Unbefangenheit beeinflusst oder das Ansehen der Polizei beeinträchtigt wäre.