Um sechs Uhr morgens splitterten am Mittwoch in verschiedenen Berliner Stadtteilen Wohnungstüren. Polizisten stürmten in Neukölln, Köpenick, Mariendorf und Zehlendorf Wohnungen und ein Flüchtlingsheim. Sie vollstreckten vier Haftbefehle und sieben Durchsuchungsbeschlüsse wegen des Verdachts auf bewaffneten bandenmäßigen Rauschgifthandel.

Es war keine der üblichen Razzien, wie sie in Berlin immer wieder stattfinden. Dieses Mal waren neben einem Spezialeinsatzkommando und einer Einsatzhundertschaft auch Ermittler vom Staatsschutz dabei, die militante Islamisten verfolgen.

Für die Ermittler wird das Bild offenbar immer klarer, dass der islamistische Terror auch in Berlin durch Kriminalität finanziert wird. Denn unter den neun Männern, die festgenommen wurden, sind vier mutmaßliche Islamisten. „Sie werden dem gewaltbereiten islamistischen Spektrum zugerechnet“, so ein Polizeisprecher. Gegen drei von ihnen lagen Haftbefehle wegen Drogenhandels vor. Ein Vierter wurde einem Richter zum Erlass eines Haftbefehls vorgeführt.

Die Männer im Alter zwischen 16 oder 17 und 41 Jahren stammen aus dem Irak und Syrien und kamen 2015 als Flüchtlinge nach Deutschland. Unklar ist, wie alt der Jüngste ist, der erst behauptete 16 – und dann 17 Jahre alt zu sein. Bei ihm wurde eine medizinische Altersbestimmung angeordnet.

Kokain, Haschisch und Ecstasy 

Durchsucht wurde auch ein Restaurant am Mariendorfer Damm, wo die Beamten jedoch nichts Verdächtiges fanden. In zwei Wohnungen beschlagnahmten die Polizisten Computer und Handys sowie Drogen und Waffen.

Die Verdächtigen sollen mit Kokain, Haschisch und Ecstasy gehandelt haben. In welchem Umfang sie damit den Terror finanzierten, werden laut Polizei die weiteren Ermittlungen ergeben.

„Die islamistische Ausrichtung der Männer ist nicht Gegenstand des Verfahrens“, sagte Martin Steltner, Sprecher der Staatsanwaltschaft, der Berliner Zeitung. „Es ging um bandenmäßigen Drogenhandel. Das zeigt aber, dass die Grenzen fließend sind.“

Informationen effektiver teilen

Viele militante Dschihadisten haben eine kriminelle Karriere hinter sich, wie etwa der einstige Kreuzberger Rapper Dennis Cuspert, der sich dem „Islamischen Staat“ angeschlossen hat und nun einer der Chefpropagandisten des IS ist. Cuspert hatte sich übers Internet sowie in „Islamseminaren“ an der Al-Nur-Moschee radikalisiert.

Die Hinweise, dass Dschihadisten ihren Krieg in Syrien und Anschläge in Europa nicht mehr nur durch Spenden in Moscheen sondern auch durch Kriminalität finanzieren, verdichten sich schon seit einiger Zeit. Im Dezember 2016 wies der Terrorismusexperte Peter Neumann vom Londoner King’s College bei einer Veranstaltung des Behörden-Spiegel auf die neuen Geldquellen für den Terrorismus hin.

Dazu gehören zum Beispiel die Erlöse aus dem illegalen Handel mit gefälschten Produkten wie Zigaretten, Sportschuhen oder Arzneimitteln, der Gewinn aus dem Drogenhandel sowie aus der rechtswidrigen Kreditaufnahme mit Hilfe gefälschter Identitätsdokumente. Neumann plädierte dafür, alle Quellen der Terrorismusfinanzierung zu betrachten und Informationen zwischen verschiedenen Sicherheitsbehörden effektiver miteinander zu teilen.

Auch Anis Amri war ein Dealer

Auch der Attentäter vom Breitscheidplatz, Anis Amri, hatte sein Leben unter anderem durch Drogengeschäfte finanziert. Die Sicherheitsbehörden hielten ihn jedoch nur für einen Drogendealer und schlossen aus, das so einer der salafistischen Ideologie anhängen und einen Terroranschlag verüben könnte.

In einem anderen Verfahren, das die Staatsanwaltschaft führte, wurde allerdings deutlich, dass Amri einen Einbruch bei einem Geschäftsmann plante, um sich Schnellfeuergewehre des Typs AK 47 zu beschaffen, mit denen er in Deutschland offenbar einen Terroranschlag begehen wollte. Die Telefonüberwachung wurde jedoch im September 2016 eingestellt, weil sich keine weiteren Hinweise ergaben.

Schon vor etwa zwei Jahren waren LKA-Ermittler Hinweisen nachgegangen, wonach Dschihadisten ihren Terror in Syrien mit der Aufsprengung von Geldautomaten in Berlin finanzieren würden. Damals erschütterte eine Serie dieser Taten die Stadt. Die Hinweise konnte das LKA bis heute nicht erhärten.

Für Innensenator Andreas Geisel (SPD) ist die Razzia vom Mittwoch ein willkommener Erfolg. Denn Geisel stand in den vergangenen Tagen in der Kritik, nachdem er dem LKA Ermittlungspannen im Fall Amri vorgehalten hatte. Es sei ihm „wichtig zu sagen, dass das LKA Berlin hervorragende Arbeit macht. Das erfreuliche Ergebnis haben wir heute gesehen.“