Berlin, Neptunbrunnen. Am 28. Juni 2013 tötete ein Polizist den 31-jährigen, unter Schizophrenie leidenden Manuel F. mit einem Schuss in den Oberkörper. Die Polizei berief sich auf Notwehr. Die Staatsanwaltschaft stellte die Ermittlungen ebenfalls wegen Notwehr ein.

RBB-Reporter Norbert Siegmund untersuchte diesen Fall sowie zwei weitere Beispiele in Berlin, bei denen psychisch kranke Menschen durch Polizisten tödlich verletzt wurden. In einer 45-minütigen Sendung, die das RBB-Fernsehen an diesem Dienstagabend ausstrahlt, werden Videos vom Ablauf der Ereignisse, Zeugenaussagen sowie Interviews mit Experten und Angehörigen gezeigt. Sie machen aus Sicht des Reporters deutlich, dass die Polizei nicht auf den Umgang mit psychisch Kranken vorbereitet ist und ein gravierendes Ausbildungsdefizit hat.

Offizielle Statistiken, die Auskunft über den Anteil psychisch Kranker geben, die bei Polizeieinsätzen ums Leben kamen, gibt es nicht. Nach den RBB-Recherchen sind von den 38 Menschen bundesweit, die zwischen 2009 und 2013 von Polizisten getötet wurden, nur ein kleiner Teil der Opfer Schwerverbrecher. Zwei Drittel seien verwirrt, psychisch krank oder lebensmüde.

Manuel F. war nackt mit einem Brotmesser in das Wasser des Neptunbrunnens geklettert. Ein Video zeigt, wie zehn Polizisten den Brunnen umstellen, überwiegend mit gezückter Pistole. Ein Beamter sprach den 31-Jährigen an, ein anderer stieg in den Brunnen. Als Manuel F. mit dem Messer auf den Beamten zuging, erschoss der ihn.

Für den Polizeiwissenschaftler Thomas Feltes und den Psychiater Asmus Finzen, die in der Dokumentation zu Wort kommen, war das ganz klar keine Notwehr. „Es wäre gut möglich gewesen, Abstand zu halten“, sagt Finzen. Psychisch kranke Mensch würden in solchen Situationen in Panik geraten. Feltes ist der Meinung, dass von Manuel F. keine unmittelbare Gefahr ausging.

Ohne Psychologe

Ein anderer Fall: Die 53-jährige Andrea H. lebte in einer Einrichtung für betreutes Wohnen in Reinickendorf, sie galt als geistig verwirrt. Am 24. August 2011 sollte sie bei Gericht wegen einer möglichen Zwangseinweisung vorgeführt werden. Andrea H. griff zwei Polizisten mit einem Messer an, schloss sich ein, sechs Bereitschaftsbeamte rammten die Tür ein. Ein Psychologe wurde nicht gerufen. Die Frau ging auf die Polizisten los – und wurde erschossen. „Sie haben den Tod einer unschuldigen Frau verursacht“, sagt Kriminalwissenschaftler Feltes. Auch im Fall von Andrea H. wurden die Ermittlungen eingestellt.

Der 50-Jährige André C. starb nach zwei Wochen im Koma. Ein Video hielt den Einsatz am 6. Oktober 2012 fest: Der unter schweren Wahnvorstellungen leidende Mann lief mit Axt und Messer durch Wedding. Polizisten forderten ihn auf, die Waffen wegzulegen und feuerten dann auf ihn. Er wurde ins Bein getroffen, saß am Boden, die Beamten traktieren den Mann weiter, mit Pfefferspray, Schlagstock, Tritten. Laut Feltes „eine vorsätzliche Körperverletzung mit Todesfolge“. In diesem Fall wird noch ermittelt.

„Tödliche Polizeikugeln – Wenn psychisch Kranke Opfer sind“, heute, 21 Uhr, RBB.