Berlin - „Für Juden ist das absolut identitätsstiftend“, sagt er. Es stehe außer Frage, dass die Brit Mila, so das jüdische Wort für das feierliche Beschneidungsritual, dazugehört. „Sie ist ein Muss.“

Die Brit Mila ist der Initiatonsritus zum Eintritt in die jüdische Gemeinschaft, sie ist das in der Thora ausdrücklich vorgeschriebene Zeichen für den Bund des Volkes Israel mit Gott. Und sie ist streng geregelt: Denn die Beschneidung muss am achten Tag nach der Geburt stattfinden. Es sei denn, sagt Marcus, es sprechen medizinische Gründe, etwa eine Entzündung oder auch eine Blutkrankheit, dagegen.

Nur eine Sache von zwei bis drei Minuten

Mario Marcus, der an den Berliner DRK-Kliniken arbeitet, sagt, auch aus seiner ärztlichen Perspektive könne er keine Gefahr von Traumatisierungen der Neugeborenen erkennen. Die Schmerzempfindung sei in diesem frühen Alter, direkt nach der Geburt, gering ausgeprägt. Das Urteil der Kölner Richter, die bei einer Beschneidung das Kindeswohl gefährdet sehen, könne er insofern nicht nachvollziehen. Eher im Gegenteil. Wer in jüdischer Tradition aufwachse, werde eher Probleme bekommen, wenn er nicht – wie alle anderen – beschnitten sei.

Mario Marcus findet auch die oft praktizierte jüdische Tradition, einen ausgebildeten Mohel – einen professionellen Beschneider, der aber üblicherweise kein Arzt ist – die Brit Mila vornehmen zu lassen, in Ordnung. Es ist nur eine Sache von zwei bis drei Minuten, Windel runter, festhalten, ein Schnitt, geweint hat der Junge meist schon vorher, weil es ohne Windel eben kalt ist. „Und wenn sie dann gleich an die Brust können, ist alles wieder gut.“ Ein Arzt müsse nicht dabei sein, sagt der Arzt. Wie es jetzt weitergehen soll nach Köln? „Ich weiß es nicht“, sagt Marcus. Ohne Beschneidung oder mit späterer Beschneidung geht es jedenfalls nicht.

Ratlosigkeit und Empörung

Auch bei Berliner Muslimen stößt das Kölner Urteil auf Ratlosigkeit – und immer mehr auch auf Empörung. In der Boppstraße in Kreuzberg ist der Imren Grill ein beliebter Treffpunkt, gerade auch für Besucher der Vakif Moschee nebenan. Mitarbeiter Ernes Mukovic (48) ist Muslim und findet die Debatte über das Urteil unverständlich. „Wir leben in einer Demokratie, wir haben Freiheit für unsere Religion. Und die Beschneidung gehört dazu.“ Komplikationen, die im Kölner Fall zu einer Strafanzeige führten, seien bedauerlich, aber die Ausnahme. „Jetzt wirkt es so, als ob wir Muslime unseren Söhnen etwas antun, aber das ist nicht richtig.“, sagt er. Sein Kollege aus dem Grill, der seinen Namen nicht ändern will, sieht das ähnlich. „Die Beschneidung ist Teil unseres Glaubens, ein fester Bestandteil seit Ewigkeiten. Das kann kein Gericht dieser Welt einfach mal so eben verbieten“, sagt er. Wenn die religiöse Beschneidung auf einmal als Straftat gewertet werde, stoße man Millionen Muslimen vor den Kopf.

Senel Sahin, 38, betreibt ein paar Schritte weiter den kleinen Laden „Presse & Ta-Back“. Er ist Atheist, sagt er, seine Eltern sind Aleviten, aufgewachsen ist er in Deutschland. „Bei uns stand immer die Kultur, nicht der Glaube im Vordergrund. Wir sind sehr offen erzogen worden.“ Dennoch verwirrte ihn das Urteil. „ Ich habe erst an einen bösen Gag geglaubt. Das ist ein Eingriff in die Kultur des Islams.“ Auch Sahin hat seinen Sohn beschneiden lassen, als der noch sehr jung war. „Hätte es da Probleme gegeben, hätte ich das nie machen lassen. Die Beschneidung ist tief in unserer Kultur verwurzelt, danach fragt niemand mehr.“ Sahin befürchtet, dass Beschneidungen künftig heimlich und illegal vorgenommen werden. Dieses Thema, findet er, verdecke die eigentliche Problematik: die Gleichberechtigung der Religionen. Und daraus werde nichts, „solange Debatten über Beschneidungen und Kopftücher Gräben ziehen“.