Große Kriminalfälle sind nie bloß die Taten fremder Menschen. Sie werden groß, weil sie tausend unsichtbare Fäden ziehen. Zu unseren Ängsten, zu unseren Fantasien und manchmal auch zu unseren Abgründen. Es sind sehr feine Verbindungen, deshalb gehen sie unter die Haut. Subkutan wie nach einer Injektion wirkt etwas in uns drinnen, wir spüren ihm nach, wir versuchen, es zu benennen und wissen doch im gleichen Augenblick, dass wir es nicht richtig verstehen. Einer hat etwas Schlimmes getan, jemand ist Opfer geworden, etwas Verhängnisvolles legte sich über eine Stunde – und seltsamerweise sind wir mittendrin, irgendwie.

Rebecca: Hübsch geschminkt, träumerisch, puppenhaft

Es spricht vieles dafür, dass es ein Foto war, das im Fall Rebecca die ersten Fäden zu uns zog. Das Foto eines Mädchens, wie man viele sieht in den Profilen bei Facebook oder WhatsApp. Hübsch geschminkt, träumerisch, beinahe puppenhaft. Warum die Polizei gerade dieses Foto für die öffentliche Fahndung ausgewählt hat, obwohl es so wenig die wahre Rebecca zeigt, wissen wir nicht. Man sieht ein Mädchen, das sich inszeniert. Kein Porträt, nur eine Spielerei mit Wimperntusche und Lippenstift.

Durch die Veröffentlichung der Polizei geriet es zur Projektionsfläche. Für die Fantasie, für Geschichten, die dieses Foto wahrscheinlich niemals erzählen wollte. Mag sein, dass es am Ende das Unterbewusstsein eines Beamten war, das die Entscheidung fällte. Mag sein, dass man auf maximale Aufmerksamkeit aus war. Aber aus einem banalen Schnappschuss der Eitelkeit wurde so etwas Ikonografisches, der kollektiven Deutung und Missdeutung Anheimgestelltes. Es führt in die Irre, es ist neben der Spur. Das Indiz einer Fehlentscheidung. Seit sechs Monaten schauen wir auf dieses Foto und Hunderttausende Menschen in der ganzen Republik sind noch immer fasziniert davon. Dieses Foto spricht zu uns, aber es spricht auch von und über uns.

Die Welt, in der dieses Foto entstand, ist uns vertraut, es ist eine Nachbarn-Welt. Ein Häuschen am Stadtrand, eine Familie, die zusammenhält, in der einer für den anderen einsteht. Nichts Großes, nichts Spektakuläres, das normale Leben eben, das sich aber so richtig anfühlt wie ein Grillabend mit Freunden oder das Sparbuch für den Notfall. So stellt es sich bei Rebeccas Familie zumindest nach außen dar. Ob es stimmt, wissen wir natürlich nicht.

Alles, was wir über diese Familie wissen, sind Puzzlestücke der Wahrheit. Die Verzweiflung, die selbstorgansierte Suche von Schwester und Freunden Rebeccas, die Kritik an der Polizei und deren Einschätzung, dass Rebecca tot sei. Wir wissen auch, dass die Familie weiter unbedingt zu Rebeccas Schwager steht, obwohl er von den Ermittlern als tatverdächtig geführt wird und schon zweimal festgenommen wurde. Dies ist überhaupt bei allem Rätselhaften an diesem Fall besonders irritierend. Weiß die Familie mehr, warum sagt sie es dann nicht? Nicht auszudenken, wenn sie sich in Rebeccas Schwager täuschen sollte und er doch schuldig ist.

Schutzmechanismus gegen die grausame Gewissheit

Es wirkt an diesem Punkt, als stünde da eine Familie gegen den Rest der Welt. Sie glaubt den Ermittlern nicht. Man kann das psychologisch deuten – als Schutzmechanismus gegen die grausame Gewissheit, Rebecca endgültig verloren zu haben. Die Tatsache, dass die Polizei nicht mal eine internationale Vermisstenfahndung veranlasste, spricht dafür, dass die Behörden tatsächlich fest von Tod des Mädchens ausgehen. Nicht alle Indizien sind der Öffentlichkeit bekannt.

Dies alles macht den Fall so ungeheuer schmerzhaft. Hier durchleben Menschen eine Situation, die unerträglich scheint. Wir leiden mit ihnen, sie sind uns nahe. Auch in ihrem Verhalten – das Gefühl, im Angesicht einer Bedrohung die Reihen schließen zu müssen, gehört zur emotionalen Grundausstattung von uns allen. Jeder weiß, dass unsere private kleine Welt brüchig werden kann. Dass das, wir uns schaffen mit unserem Fleiß, unseren Idealen, unserer Liebe nicht gefeit ist gegen das Unheil. Krankheit, Unfall - ein Schicksalsschlag kann schnell alles ändern. Das sind Sorgen, die es immer schon gab. Vielleicht sind sie heute präsenter, weil unsere Welt insgesamt nervöser geworden ist, ängstlicher. Mehr Zusammenhalt wünscht sich wohl jeder.

Rebeccas Familie besitzt starke Bindungen, das glaubt man zumindest zu spüren. Und doch wurde Rebecca davon losgerissen. Jetzt klammert sich nicht nur die Familie an das, was bleibt: die Hoffnung.