Gegen 3 Uhr in der Nacht geht das Auto von Heinz Ostermann in Flammen auf. Unbekannte haben den Peugeot angezündet, der Wagen brennt von vorne komplett aus, nur verrußtes Blech bleibt. Und im Kofferraum eine Fuhre Bücher, verkohlt, die der Buchhändler in seinen Laden bringen wollte.

Ostermann liegt 300 Meter entfernt im Bett, ein Anruf der Polizei weckt ihn. Seine Nummer haben die Beamten schon abgespeichert, denn der 61-Jährige wird nicht zum ersten Mal Ziel eines solchen Angriffs. Er neben seinem brennenden Wagen, die Lichter der Feuerwehr in der Nacht – für Heinz Ostermann ist das „ein Déjà-vu“.

13,9 Prozent der Stimmen holte die AfD 2016 in Neukölln bei der Senatswahl. Ostermann schockierte das, zusammen mit anderen in seiner Branche habe er gedacht: „Wir müssen was machen.“ Also gründeten sie die Initiative „Neuköllner Buchhändler gegen Rechtspopulismus und Rassismus“ und organisierten Lesungen zum Thema.

Ein Schritt, der für Ostermann schwere Folgen hatte. Erst flogen Steine in die Scheiben seines Kiezladens. Ostermann ließ Sicherheitsglas einbauen, gitterte Fenster ein und tauschte die Schlösser aus. Wenige Wochen darauf brannte sein Ford Focus, diesmal vor seiner Privatadresse in Neukölln-Britz. Totalschaden Nummer 1. Nachbarn und Freunde sammelten Spenden, Ostermann kaufte von dem Geld einen Peugeot und spendete den Rest. Ungefähr elf Monate konnte er ihn fahren. Dann brannte in der Nacht zum 1. Februar auch der Peugeot.

Für Ostermann steht fest, dass die Täter aus der rechten Szene kommen. Auch der Staatsschutz ermittelt in der Szene. Schon von 2008 bis 2012 hatte es eine Welle rechter Anschläge in Neukölln gegeben, bei der die Täter Vereinshäuser und linke Jugendzentren angriffen. Seit knapp zwei Jahren beobachten Experten eine neue Serie, die sich verstärkt gegen Einzelne richtet: Vor allem in Britz und Rudow werden seit Mai 2016 gezielt Autos von Menschen angezündet, die sich im weitesten Sinne gegen Rechts einsetzen. Gewerkschafter, Flüchtlingshelfer und Mitglieder in Vereinen sind gleichermaßen die Opfer.

Aus dem Asphalt gerissene Stolpersteine

13 von Rechten abgefackelte Autos zählt die Mobile Beratung gegen Rechtsextremismus Berlin (MBR) seit Mai 2016 in Neukölln. Hinzu kommen ein Brandanschlag auf ein Café und einen Wagenplatz, 15 aus dem Asphalt gerissene Stolpersteine, die an deportierte Juden erinnern, sowie zahlreiche Bedrohungen durch Graffiti an Hauswänden.

Der Staatsschutz verdächtigt bei den Brandstiftungen eine Gruppe von Personen aus der rechten Szene, die bereits polizeibekannt ist. Anzahl: im „unteren zweistelligen Bereich“. „Der potenzielle Täterkreis ist überschaubar“, sagt Simon Brost von der MBR. Aber mit extremen Aktionen wie dem Anzünden von Autos könne auch mit wenigen Personen maximale Aufmerksamkeit erzielt werden. „Die Täter wollen Engagierte verängstigen, von ihrer Arbeit abbringen oder, wie im Falle Ostermann, demokratisches Engagement möglichst schon im Keim ersticken.“

„Das ist brauner Terror“

Oft haben die Täter in Neukölln mehrere Ziele in einer Nacht attackiert. Die Feuer wurden mit nur wenigen Minuten Abstand gelegt. In der Nacht, in der Ende Januar 2017 Heinz Ostermanns erster Wagen brannte, wurde auch der Oldtimer von Detlef Fendt, Gewerkschafter im Ruhestand, in Britz angezündet. Mit seinem Mercedes fuhr er oft zu NPD-Kundgebungen, um die „Braunen zu stören“. Jetzt ist von seinem geliebten Mercedes nur ein Brandfleck geblieben, eine Querstraße weiter in den Asphalt gefressen. Seitdem wollten manche Nachbarn nicht mehr neben ihm parken, erzählt der 65-Jährige. Fendt selbst hat sich mit Feuerlöschern ausgerüstet. „Das ist brauner Terror“, sagt er. „Eigentlich sind die Nachbarn gemeint. Die sollen sehen: Wenn ihr euch so benehmt, passiert euch dasselbe.“

Als Anfang Februar 2018 Ostermanns zweiter Wagen brennt, wird circa 20 Minuten später in Rudow auch Linkspolitiker Ferat Kocak im Bett vom Feuerschein geweckt. Sein Auto steht ebenfalls in Flammen, im Carport gleich neben dem Haus. Kocak jagt seine verängstigten Eltern aus den Betten, stürzt selbst hinaus und hält mit einem Feuerlöscher den Brand vom Haus fern, bis die Feuerwehr eintrifft. Von den Einsatzkräften erfährt er: Nur einen Meter entfernt verläuft eine Gasleitung, die die gesamte Straße versorgt.

Seine Mutter traue sich seit dem Anschlag nicht mehr aus dem Haus. Den 38-Jährigen überkommt selbst manchmal Unsicherheit, sagt er, vor allem abends, wenn es dunkel wird. Dann schnappt er sich seine Hunde, dreht eine Runde im Garten, checkt das Schloss des Gartentors und rückt einen Zettel zurecht, den er abends an die Heckscheibe seines neuen Mietwagens klebt: „Familie Kocak is watching you! Fuck you!“

Kein Vertrauen in die Polizei

Buchhändler Ostermann, den es jetzt zum dritten Mal traf, spricht ruhig, sagt lieber gar nichts als zu viel. „Ich bin ein Stück weit erledigt“, sagt er jetzt. Da ist der Stress mit den Versicherungen. Die Suche nach einem neuen Auto, schon wieder. Und erneut anfangen, vorm Parken darüber nachzudenken: Wie nah am Haus soll ich mein Auto abstellen? Dabei hatte die Sorge gerade angefangen, nachzulassen. Außerdem gehört Ostermann zu den Betroffenen, die sich bei Demos zeigen, die sich der Presse stellen. Nicht alle wagen das. Und es zehrt an den Nerven.

Ostermann hat keine Freude daran, mit der Presse zu reden, das spürt man. Aber es ist der einzige Weg, Aufmerksamkeit zu generieren. Vertrauen in die Polizei hat er keines mehr. Am Anfang war das anders. Da habe er noch auf rasche Erfolge gesetzt, erzählt er. Damals wurde eine sechsköpfige Sonder-Ermittlungsgruppe namens RESIN („Rechtsextremistische Straftaten in Neukölln“) eingesetzt, nach genau einem Jahr lassen sich die Erfolge mit einer Zahl zusammenfassen: null. Für Ostermann vollkommen unverständlich: „Ich kann nicht feststellen, dass die Polizei fähig ist, da jemanden festzunehmen.“

Täter dürfen nicht vorgewarnt werden

Am 2. Februar, gleich am Tag nach den jüngsten Anschlägen, durchsuchte der Staatsschutz erstmals vier Wohnungen von Mitgliedern der rechten Szene. Laptops, Handys und Schriftstücke wurden dabei sichergestellt, berichtet der Tagesspiegel. Für Ostermann gut getimte „Spiele fürs Volk“. Hoffnung auf Festnahmen habe er dabei nicht. „Aber so lange niemand gefasst ist, wird es niemals enden.“

Das habe er auf einem Treffen von Angegriffenen mit Lokalpolitikern auch Bezirksbürgermeisterin Franziska Giffey (SPD) gesagt. Die hat die Angriffe bereits verurteilt und dem Unverständnis der Betroffenen viel Verständnis entgegengebracht. Die Berliner Polizei teilt mit, die Kritik sei bekannt. Man könne Ergebnisse nicht veröffentlichen, um die Täter nicht vorzuwarnen. Aber man ermittle mit Hochdruck. Für Ostermann ist das kein Trost. Er wird – wie Kocak, Fendt und alle anderen Angegriffenen – weitermachen. Jetzt erst recht.

Aber bevor er sich ein neues Auto anschafft, plant er den Kauf einer Garage.