In der Nacht zu Montag hat Ferat Kocak wieder bei seinen Eltern in Rudow übernachtet. Mit einem  mulmigen Gefühl. Er habe kein Auge zugemacht, sagt er. Immer in Angst, dass wieder so etwas geschehen würde wie in der Nacht zum 1. Februar vorigen Jahres.

Damals wurde Kocak in seinem Elternhaus durch einen hellen Schein wach. Er glaubte zunächst, verschlafen zu haben. Doch es war drei Uhr morgens, das Licht stammte von den Flammen vor dem Fenster. Sein Auto brannte. Es stand nahe der Gasleitung. Kocak weckte seine Eltern, er rannte hinaus, versuchte den Brand  zu löschen.

„Die Feuerwehr sagte mir damals, fünf Minuten später hätte das ganze Haus gebrannt“, erinnert sich der Linke-Politiker aus Neukölln, der sich gegen Rechts engagiert. Seine Mutter habe in jener Nacht einen Herzinfarkt erlitten. Verfassungsschutz und Landeskriminalamt wussten offenbar, dass Kocak seit langem von zwei Rechtsextremisten ausgespäht wurde – ohne ihn zu warnen.

Der 40-Jährige übergab an diesem Montag zusammen mit weiteren Opfern rechtsextremistischer Anschläge im Süden Neuköllns  die Petition „Rechter Terror in Berlin – Untersuchungsausschuss jetzt!“ an Vertreter von SPD, Linke und Grüne im Abgeordnetenhaus. Vertreter von CDU und FDP waren nicht erschienen. Mit einem Untersuchungsausschuss sollen die Ermittlungen und eventuelle rechte Strukturen innerhalb der Polizei  beleuchtet werden.

25 679 Menschen haben die Petition bisher unterschrieben. Sie   wurde auf den Tag genau acht Jahre nach der „Selbstenttarnung des NSU“ überreicht, wie Kocak sagte. Sie   sei notwendig, weil seit Jahren eine Welle rechten Terrors Neukölln überziehe. Und man nicht warten wolle, bis aus Brandanschlägen Morde würden. Seit 2016 gab es in Neukölln 55 Anschläge, hinter denen Rechtsextremisten vermutet werden. Betroffen waren Menschen, die sich gegen Rechts engagieren.

Lasse Jahn von der sozialistischen Jugendorganisation „Die Falken“ aus Neukölln bestätigt Kocaks Angaben. Zuerst hätten man einfache Drohungen erhalten. Dann seien Schmierereien dazugekommen, später telefonische Morddrohungen oder Morddrohungen, die mit der Post kamen:  „die besagen sollten: Wir wissen, wo du wohnst“.

Höhepunkt sei der Brandanschlag auf das Falkenhaus gewesen, in dem in der Nacht zuvor noch Kinder geschlafen hätten. Seitdem gebe es einen Sicherheitszaun mit Überkletterschutz und Kameras. „Wir dachten, nun ist Ruhe, bis die nächste Brandserie gegen Mitarbeiter der Falken und ehrenamtlich aktive Eltern begann“, sagt Jahn.

Die Politikwissenschaftlerin Claudia von Gélieu spricht hinsichtlich der rechtsextremistischen Übergriffe in Neukölln von Versagen und Pannen bei den Sicherheitsbehörden. Im Februar 2017 brannte ihr Auto. Ihr Anwalt habe davon gesprochen, „selten so schlampig geführte  Ermittlungen gesehen“ zu haben. Ergebnis sei, dass die Täter nichts befürchten müssten, dass sie einfach weiteragieren könnten.

Die Betroffenen habe sich bereits an den Generalbundesanwalt in Karlsruhe gewandt mit der Bitte, die Serie von Anschlägen als Terrorismus einzustufen. Vor wenigen Wochen hat das auch Innensenator Andreas Geisel (SPD) getan. Ohne Erfolg. Karlsruhe erklärte sich für nicht zuständig. Eine im Mai gegründete Sonderkommission Fokus soll nun die Ermittlungen noch einmal prüfen.

Fraktionschef Raed Saleh, der die Petition an diesem Montag im Abgeordnetenhaus für die SPD entgegennimmt, plädiert für einen  Sonderermittler. Er sagt, der rechte Terror sei derzeit die größte Gefahr in Deutschland. Auch Susanne Kahlefeld  von den Grünen spricht sich für einen solchen Ermittler aus.

Die Linken-Abgeordneten Anne Helm unterstützt hingegen einen Untersuchungsausschuss. Ein Sonderermittler sei zu allgemein. Die Politiker wollen sich nun mit den Überbringern  des Antrags noch einmal treffen.

Für Ferat Kocak ist das ein erster Erfolg im Kampf gegen den rechten Terror in Neukölln. Er ist nach dem  Brandanschlag  weggezogen aus  Rudow – um seine Eltern nicht weiter zu gefährden.