Am Samstag gab es den ersten tödlichen Fahrradunfall des Jahres: Ein 80-Jähriger wurde am Kreuzberger Mehringdamm von einem rechts abbiegenden Sattelschlepper überfahren. Die Polizei reagiert mit einer zehntägigen Kontrollaktion: Seit Montag wird im gesamten Berliner Stadtgebiet "das Fehlverhalten von abbiegenden Kraftfahrzeugführern gegenüber Radfahrenden überwacht".

Tatsächlich ist dies mit Abstand die häufigste Ursache für Unfälle mit Radfahrern. Es gibt aber auch Kreuzungen in der Hauptstadt, die schon durch ihren Aufbau besonders gefährlich sind. Wir haben Fahrrad-nutzende Kollegen ihre Erfahrungen aus dem täglichen Berliner Verkehrshorror schildern lassen:

Kottbusser Damm Ecke Urbanstraße

Die Kreuzung Kottbusser Damm (eine Raserstrecke ohne Radweg, auf der man ohnehin täglich sein Leben riskiert) Ecke Urbanstraße. Dort parken bis fast zur Kreuzung Taxis, es gibt immer irre viele Fußgänger, die teilweise auf dem Radweg stehen, so dass man um sie herumfahren muss. Die Autofahrer kriegen so den Eindruck, man wolle gradeaus fahren. Hier müsste eine Radampel her, die vor der Autoampel grün wird. Susanne Lenz

Überquerung der Berliner Straße in Höhe U-Bahnhof Vinetastraße

Erst vor wenigen Tagen wurde hier ein 70-jähriger Fußgänger beim Überqueren der Berliner Straße von einer Tram erfasst, im Juni 2016 traf es an gleicher Stelle einen Radfahrer. Beide Männer wurden schwer verletzt. Das Problem: Wenn die Straßenbahnen (M1, M50) stadtauswärts die Überquerung für Fußgänger und Radfahrer erreichen, werden sie für andere Verkehrsteilnehmer erst im letzten Moment sichtbar. Jedenfalls für alle, die an dieser Stelle die Berliner Straße in Richtung Westerlandstraße überqueren. Denn die nahende Tram wird komplett von den Mauern und Geländern verdeckt, die hier die Einfahrt des U-Bahntunnels umgeben.

Angesichts der Tatsache, dass moderne Straßenbahnen zudem sehr leise sind, fallen auch die Fahrgeräusche als mögliche Warnsignale weg. Die Folge: Wer die Berliner Straße gehend oder radelnd bei Rot überquert oder in die Lage kommt, dass er die sehr breite Straße einfach nicht bei Grün schafft, dem droht eine tödliche Begegnung mit der Straßenbahn. Beinahe-Zusammenstöße passieren regelmäßig und sind wahrscheinlich vielen Pankowern schon widerfahren.  Mike Wilms

Prenzlauer Allee Ecke Torstraße 

Vor dem Soho-Haus bin ich schon zweimal von einem rechtsabbiegenden Auto aufgeladen worden, einmal sogar mit meiner Tochter im Kindersitz. Zwei Dinge führen an dieser Kreuzung immer wieder zu Kollisionen: der DDR-Rechtsabbieger-Pfeil, der die Autofahrer schon von weitem dazu einlädt, mit ungebremstem Tempo einfach weiter und um die Kurve zu fahren; wer das Tempo drosselt oder gar anhält, erntet  ein Hupkonzert von seinen Hinterleuten. 

Und der Umstand, dass man als Radfahrer steil bergab kommend einen Affenzahn draufhat und den Schwung nur zu gerne für die Fahrt über die breite Kreuzung mitnimmt – zumal, wenn man die Autofahrer-Ampel auf Rot sieht und den Rechtsabbieger-Pfeil entweder nicht kennt (wie noch immer die meisten Westdeutschen) oder erst dann bemerkt, wenn man nicht mehr bremsen kann und alles zu spät ist. Das ist eine fatale Situation.  Christian Seidl

Die Friedrichstraße  und ihre Nebenstraßen

Die Friedrichstraße ist wegen der Gastronomie und Tour-Infrastruktur ziemlich vollgeparkt und unübersichtlich. Vollkommen unvorhersehbar gehen Touristen plötzlich von den Fußwegen auf die Straße. Autofahrer aus den Seitenstraßen kommen hier immer ziemlich schnell angerauscht und wollen mit Schwung abbiegen.

Zusätzlich trägt  zur Verwirrung bei: Südlich des Checkpoint Charlie gilt die Regel rechts vor links, nördlich Richtung Spree ist die Friedrichstraße dagegen eine Vorfahrtstraße. Ganz grundlegend ist es ein Sündenfall, dass dieser vielbefahrene Boulevard bei seiner Instandsetzung keinen Radweg erhalten hat. Frauke Hinrichsen

Wilhemstraße Ecke Leipziger Straße

Die Wilhelmstraße ist an der Kreuzung zur Leipziger eingeschränkt durch eine Baustelle. Die Autofahrer heizen hier deswegen sehr knapp an einem vorbei. Insgesamt fühlt sich die Kreuzung eher nach Autobahn an. Plädiere außerdem für Gasmasken! Kai Schlieter

Schönhauser Allee Ecke Bornholmer Straße

An diesem Verkehrsknotenpunkt registriert die Polizei schon seit Jahren mit die meisten Unfälle. Das Problem: Hier treffen LKW, PKW, Busse, Fußgänger, Fahrradfahrer, Straßenbahnen (M13 und M1) aufeinander. Und oberhalb fährt die U-Bahn, deren Trasse (besonders die Pfeiler) die Sicht versperrt.

Wegen der vielen Verletzten kümmerte sich sogar die Unfallkommission des Senats: 2013 wurden neue Verkehrsinseln geschaffen, extra Ampeln installiert. 250.000 Euro kostete das Projekt. Trotzdem ist es immer noch ein Stresstest für Radfahrer, hier die Straßenseite zu wechseln. Abhilfe schaffen könnte es, die Ampelphasen für die Fußgänger zu verlängern - oder sogar komplett das Linksabbiegen für Autos zu verbieten. Maike Schultz

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Beim Online-Dialog "Radsicherheit" hatten Berliner 2013 die Möglichkeit, Kreuzungs- und Einmündungsbereiche in Berlin zu benennen, an denen sie häufiger Konfliktsituationen beim Abbiegen erleben oder sich besonders unsicher fühlen. Die damals meistgenannten Stellen zeigt unsere Karte oben.