Berlin - Vielleicht ist es am ehesten die Erwartbarkeit der Zahlen, die alarmiert. Es gibt einen Anstieg rassistisch motivierter Vorfälle überall dort, wo Flüchtlingsunterkünfte eingerichtet wurden. Zum Beispiel in Köpenick: Insgesamt wurden 231 Beleidigungen, Beschimpfungen und Bedrohungen gezählt, vor allem in Adlershof und im Allende-Viertel. Dazu gab es einen Anstieg antisemitischer Vorfälle überall dort in der Innenstadt, wo im Sommer oft gegen den Krieg in Gaza demonstriert wurde. Und umgekehrt: Wo ein Neonazitreffpunkt geschlossen hat wie in der Lichtenberger Lückstraße, finden sich weniger rechte Schmierereien als in Buch oder Rudow, wo sie noch immer ein Zuhause haben.

Mehr als die bloßen Zahlen, die seit Jahren hoch sind, schockiert diese Vorhersehbarkeit in einer Stadt, die sich als tolerant und weltoffen versteht. Und ein Großteil der Angriffe geschieht vor aller Augen, in Bahnen und Bussen, an Bahnhöfen und Haltestellen. Wenn man Sabine Seyb von der Opferberatungsstelle Reach Out fragt, die diese Zahlen für das Jahr 2014 am Dienstag zusammen mit dem Berliner Register und der Recherche- und Informationsstelle Antisemitismus vorgestellt hat, dann sieht sie genau hier den größten Handlungsbedarf: bei diesem alltäglich präsenten Rassismus, der auf dem Vormarsch ist; der die Menschen wegschauen lässt und Beleidigungen zu Normalität im Leben von Migranten macht; der jüdische Mitbürger in Alarmbereitschaft versetzt; der Hemmschwellen senkt und Worten Taten folgen lässt.

Die Zahlen geben Anlass zu vielen Fragen

179 Angriffe hat Reach Out 2014 dokumentiert, 266 Menschen wurden dabei verletzt oder bedroht. Das ist ein leichter Rückgang gegenüber 2013 (185 Angriffe, 288 Verletzte), keiner allerdings, der aufatmen ließe, zumal Rassismus als Tatmotiv zugenommen hat (2014: 100; 2013: 87), ebenso wie Antisemitismus (2013: 8; 2014: 18), gefolgt von Homophobie und Gewalt gegen Linke.

Es gilt jetzt, die richtigen Fragen an diese Zahlen zu stellen. Reach Out dokumentiert auch, was Betroffene – etwa aus Angst oder Scham – nicht bei der Polizei zur Anzeige bringen wollen. Das Berliner Register wiederum nimmt auch kleine Vorfälle auf wie NPD-Infotische und Schmierereien in den einzelnen Kiezen. Wie also kann das mit den Zahlen der Polizei (79 Fälle von Körperverletzungen durch Neonazis und Rechtsextreme) zusammengebracht werden, um deren Arbeit zu verbessern. Und mehr über die Täter zu erfahren.

Über die sagen die Zahlen nämlich wenig. Die Täter aber gilt es in den Blick zu nehmen, um diskriminierende und rechtsextremistische Vorfälle zukünftig zu verhindern. Geht Antisemitismus und Homophobie in Berlin verstärkt von Muslimen aus? Wie gelingt es Rechten, Anwohner rund um Flüchtlingsunterkünfte zu mobilisieren? Und für das kommende Jahr wohl auch: Stiftet Pegida mit seinem Berliner Ableger zu islamophober Gewalt an? So vorhersehbar die Zahlen auch scheinen, hinnehmen muss man sie nicht.

Das Register mit Chroniken zu rechtsextremen und diskriminierenden Vorfällen in den einzelnen Bezirken findet sich im Internet unter www.berliner-register.de