Potsdam - Der Leiche fehlte der Kopf. Ein Spaziergänger fand den stark verwesten Toten am Dienstag in einem Wald in Treuenbrietzen. Vermutlich hatte die Leiche mehrere Monate in dem Wald gelegen. Aus Berlin angeforderte Leichenspürhunde sollen in den kommenden Tagen nach dem Kopf der Leiche suchen. Unklar ist, ob es sich um ein Verbrechen handelt. Das müssen nun die Spezialisten am Institut für Rechtsmedizin klären. Doch die Einrichtung ist in seiner Eigenständigkeit bedroht.

Brandenburgs Rechtsmediziner müssen Jahr für Jahr etwa 600 Tote obduzieren. Sie ermitteln den Zeitpunkt eines gewaltsamen Todes, die Todesumstände und sichern Spuren. Sie schreiben rund 350 Gutachten für Geschädigte von Straftaten, sie untersuchen ärztliche Kunstfehler und erstellen Tausende Alkohol- und Drogenexpertisen, die auch in Gerichtsverhandlungen von ausschlaggebender Bedeutung sein können. „Die Frauen und Männer am Institut sind für die effektive Strafverfolgung unverzichtbar“, sagt Generalstaatsanwalt Erardo Rautenberg.

Desto unverständlicher sei, warum diese Ansammlung von Sachverstand nun wegrationalisiert und die Aufgabe von einer Klinik übernommen werden soll. „Das wäre fatal“, sagt Rautenberg. Er befürchtet, dass dann noch mehr Morde unentdeckt bleiben. Weil Spuren der Taten oft nur von Spezialisten erkannt werden können.

Der Generalstaatsanwalt bezieht sich auf eine entsprechende Empfehlung der Enquetekommission des Landtags, das Institut aufzulösen. Wegen der „Effizienzsteigerung“, sagt der Vorsitzende der Enquetekommission zur Strukturreform in der Verwaltung, Stefan Ludwig (Linke). Ludwig erklärt, dass nach Meinung der Kommission die Infrastruktur des Instituts und von Kliniken mit Pathologie zusammengeführt werden könnten. Sechs Kliniken im Land haben eine Pathologie. „Es ist kein Argument, nur weil etwas 23 Jahre funktioniert hat, es auch weiterhin so handhaben zu wollen“, sagt Ludwig.

Die Enquetekommission erarbeitet Vorschläge für Verwaltungsstrukturen bis 2020. Sie müsse, so Ludwig, aufgrund des Demografiewandels „Dinge denken, die sonst keiner denkt“. Brandenburg ist laut Ludwig das einzige Bundesland, das ein eigenes Institut für Rechtsmedizin unterhält, das nicht an einer Uniklinik angebunden ist. Brandenburg hat aber keine solche Klinik.

„Der Vorschlag hat bei uns für Befremden gesorgt“, sagt Jürgen Becker, der stellvertretende Institutsleiter. Zumal sich niemand aus der Kommission über die Arbeit der Rechtsmediziner vor Ort informiert habe. 23 Mitarbeiter hat die Einrichtung, davon sind neun Rechtsmediziner. Seit 1991 besteht das Institut, dass seinen Sitz in Potsdam und eine Außenstelle in Frankfurt (Oder) hat und das dem Gesundheitsministerium untersteht.

Vorschlag hat für Befremden gesorgt

„Wir unterscheiden uns ganz gravierend von Pathologen, die in Krankenhäusern arbeiten“, sagt Becker. Dort würden in der Hauptsache Organ- und Gewebeproben untersucht, um Krankheiten wie etwa Krebs zu diagnostizieren. Becker erklärt, dass an einem Landesinstitut die Unabhängigkeit der Rechtsmediziner gewahrt werde, und nur so Gutachten objektiv erstellt werden könnten. „Wer soll denn bei Kunstfehlern in Krankenhäusern die Untersuchungen leiten, wenn wir zu der Klinik gehören?“, fragt er.

Auch beim zuständigen Ministerium ist man entsetzt von dem Ansinnen, das Landesinstitut aufzulösen. Es sei nicht erkennbar, auf welcher Grundlage die Enquetekommission zu diesem Vorschlag gekommen sei, heißt es. Die Arbeit der Rechtsmediziner, die zur Verfolgung von schwerer und schwerster Straftaten notwendig sei, sei eine hoheitliche Aufgabe. „Hoheitliche Aufgaben werden nicht dadurch preiswerter, indem man die Rechtsform ändert.“ Etwa zwei Millionen Euro stellt das Land derzeit dem Institut jährlich zur Verfügung.

Enquetekommissionschef Ludwig erklärt, die Offerte sei Bestandteil der Abschlussempfehlung, die die Arbeitsgruppe im Oktober dem Parlament vorlegen wird. „Dann muss der Landtag entscheiden, was mit dem Institut geschehen soll“, sagt er.
Generalstaatsanwalt Rautenberg hofft, dass sich die Abgeordneten dann mit der Sache vernünftig auseinandersetzen und sich über die Arbeit der Rechtsmediziner auch mal genau informieren.