Auf Tisch Nummer drei liegt eine schon mumifizierte Leiche mit einem Schädel, dessen Gebiss weit aufgerissen ist. „Das sind alles Jacketkronen, war bestimmt nicht billig“, sagt Berlins leitender Gerichtsmediziner Prof. Michael Tsokos. Er sagt es nicht als Scherz, sondern als sachlichen Hinweis. Sofern sich der Zahnarzt finden lässt, der dieses Gebiss saniert hat, wird die tote Frau vielleicht bald identifiziert werden.

Alltag im Obduktionssaal der Berliner Gerichtsmedizin in der Moabiter Turmstraße: ein großer Raum mit sechs Fenstern aus blickdichtem Milchglas. Fünf Sektions-tische stehen im Abstand von etwa zwei Metern hintereinander. Drei weitere Leichen werden an diesem Morgen obduziert, alles ungeklärte Todesfälle. Das bedeutet, die Rechtsmediziner sollen die Todesursache herausfinden.

Bei der Mumie wird das schwierig. Ein junger Rechtsmediziner nennt seinem Chef die bisher bekannten Fakten: Frau, wahrscheinlich 58 Jahre alt, wurde erst nach mehreren Monaten gefunden, viele leere Alkoholflaschen in der Wohnung. Äußere Verletzungen sind nicht feststellbar. Möglicherweise starb sie an einem Herzinfarkt, vielleicht auch an einer Alkoholvergiftung. Eine Assistentin verschließt Proben mit Organresten in durchsichtigen Plastikgläsern. Vielleicht wird das toxikologische Labor daraus weitere Erkenntnisse gewinnen können.

Grobes Werkzeug

Jede Obduktion verläuft nach dem gleichen Schema. Zunächst wird die Leiche von außen untersucht. Dann setzt der Obduzent mit dem Skalpell zum sogenannten Y-Schnitt an. Was jetzt kommt, erledigen bei den Routinefällen die Sektionsassistenten. Zum Beispiel Cindy Lichtenstein, eine kleine Frau mit fröhlichen Augen, die hier im Saal Gummistiefel trägt. Sie muss alle drei Körperhöhlen öffnen: Brust, Bauch und Kopf. Dabei greift sie auch zu grobem Werkzeug: eine Rippenschere für den Brustkorb, eine oszillierende Knochensäge für den Schädelknochen.

Sämtliche Organe werden herausgeschnitten und auf Edelstahlschalen gelegt. „Das meiste machen wir. Die Ärzte untersuchen vor allem die Organe“, sagt die 37-Jährige. Wenn äußerlich keine Todesursache zu erkennen ist, sind die Organe oft der Schlüssel zur Analyse. Etwa bei dem 48-jährigen Mann, der in einem Park lag. Mit einem Messer schneidet Tsokos dessen Lunge in Scheiben und untersucht das Gewebe. „Ganz klar, eine Lungenentzündung“, sagt er. „Wahrscheinlich ist das die Todesursache.“

Der 49-jährige Tsokos ist Chef von mehr als 110 Mitarbeitern. Im Kühlraum seiner gerichtsmedizinischen Institute landen jedes Jahr rund 5000 Leichen. Sie werden in ein vierstöckigen Stahlregal gelegt, eingepackt in weiße Plastiksäcke, deren Reißverschlüsse unten offen stehen, damit die braune Pappkarte am großen Zeh sofort lesbar ist. Rund 2000 von ihnen werden auf Antrag der Staatsanwaltschaft obduziert.

Das sind durchschnittlich sechs Leichen pro Tag. Manchmal aber auch wesentlich mehr wie an jenem Tag im Januar, als die zehn deutschen Opfer des Sprengstoffanschlags von Istanbul in Berlin eingeflogen wurden. Tsokos sagt: „Wir haben Samstagabend angefangen, Sonntag und Montag durchgearbeitet, Dienstag war dann die Schlussbesprechung mit Vorstellung der Identifizierungsergebnisse.“

Besonders hilfreich für die Untersuchung der Opfer war der Computertomograph: ein Röntgengerät, mit dem die Leichen als erstes durchleuchtet wurden. Damit ließen sich nicht nur Splitter und Sprengstoffpartikel lokalisieren, sondern auch der komplette Zahnstatus von allen Opfern abbilden.

„Der Computertomograph ist ein Meilenstein in der Gerichtsmedizin“, sagt Luisa Backhaus, eine 30-jährige Ärztin, die sich auf das Arbeiten mit dem „CT“ spezialisiert hat. Am Beispiel eines Fahrradfahrers, der von einem abbiegenden Lkw überrollt wurde, demonstriert sie, was sie damit meint. Per Mausklick kann sie sich schichtweise in den Körper des Toten hineinzoomen, bis sie beim reinen Skelett landet. Ein perfektes 3D-Abbild, das bei Kopf und Brustkorb gravierende Verletzungen zeigt. Der Schädel ist zertrümmert, die Wirbelsäule auf Brusthöhe durchgerissen. Der Fahrradfahrer hatte keine Chance.

Haare in der Analyse

Die Gerichtsmediziner beschäftigten sich nicht nur mit Leichen. „Wir untersuchen viel mehr Lebende als Tote“, sagt Tsokos. Oft müssten Verletzungen überlebender Opfer begutachtet werden. Häufiger geht es um Analysen zum Alkohol- und Drogenkonsum. Mehr als 2 000 solcher Untersuchungen werden jedes Jahr in der forensischen Toxikologie im ersten Stock durchgeführt. Dort stehen Chromatographen. Damit lassen sich aus Blut, Urin oder Gewebe winzige Bestandteile auffälliger Substanzen herausfiltern. Zum Beispiel bei der Haaranalyse: Eine drei Zentimeter lange Strähne, dicht am Kopf abgeschnitten, verrät den Experten genau, wie viel Alkohol oder welche Drogen ein Mensch in den vergangenen drei Monaten zu sich genommen hat.

Vielleicht wird die Toxikologie in den nächsten Tagen auch herausfinden, woran die mumifizierte Frau gestorben ist. Zudem haben die Gerichtsmediziner noch eine weitere Spur entdeckt: ein künstliches Hüftgelenk mit einer eingefrästen Seriennummer. Auch das wird bei der Identifizierung helfen.