Es ist mittags um kurz nach eins, als die erwarteten Reisebusse tatsächlich vorfahren. „Es geht los“, ruft jemand. Aber niemand rührt sich. Im Eingangsbereich eines ehemaligen Hostels an der Rennbahnstraße in Weißensee stehen Menschen aus Bürgerkriegsgebieten und anderen Ländern zusammen, die sie fluchtartig verlassen haben. Bisher wohnten sie in diesem Haus, einer Unterkunft, die die Firma Gierso betreibt. Aber nun sollen 53 von ihnen plötzlich ausziehen.

Die meisten der Anwesenden haben zu diesem Zeitpunkt noch nicht entschieden, ob sie in die Busse einsteigen werden. Es ging alles so schnell. Donnerstagmorgen hatte ihnen die Heimleitung ein Schreiben des Gierso-Geschäftsführers Tobias Dohmen in die Hand gedrückt. „Ihr Wohnplatz steht Ihnen leider zum 29.12.2017 nicht mehr zur Verfügung“, war darin zu lesen. Für die Menschen bedeutet das, dass sie am nächsten Tag ausziehen müssen: 24 Stunden Zeit, um zu verstehen, was mit ihnen passiert, um Behörden um Hilfe zu bitten und zum Kofferpacken.

Es geht um mehr als eine Million Euro

Am Freitag haben sich in Berlin gleich an drei verschiedenen Orten solche Szenen abgespielt. Die Gierso setzte alle Bewohner aus ihren Unterkünften vor die Tür, die über das Landesamt für Flüchtlinge (LAF) dort untergebracht worden waren. Betroffen waren 120 Menschen, die in der Rennbahnstraße, der Soorstraße in Charlottenburg und der Staakener Straße in Spandau wohnten. Hintergrund ist ein komplizierter Rechtsstreit zwischen der Firma Gierso und dem Landesamt.

Es geht um viel Geld, mehr als eine Million Euro, auf die die Firma Ansprüche anmeldet, während die Behörde die Forderungen für unangemessen hält. Es gab schon in früheren Jahren Schwierigkeiten. Das Land warf der Gierso vor, überhöhte Rechnungen zu stellen und nicht erbrachte Leistungen in Rechnung zu stellen. Im Oktober wurden deshalb Akten von der Staatsanwaltschaft beschlagnahmt.

"Ausgetragen wird es auf dem Rücken der Bewohner"

Das Unternehmen stand außerdem im Mittelpunkt eines fehlerhaften Vergabeverfahrens, in dessen Folge dem damaligen Amtspräsidenten Franz Allert die Zuständigkeit für die Flüchtlingsunterbringung entzogen worden war. Allert ist der Patenonkel des Gierso-Geschäftsführers Tobias Dohmen. Die Behörde hat im Juni die Betreiberverträge mit der Firma Gierso für fünf Unterkünfte fristlos gekündigt. Zwei Unterkünfte wurden sofort geräumt. Seitdem gibt es hinter den Kulissen Gerangel um die Abwicklung aller übrigen ungelösten Fragen. Die Aktion am Freitag ist ein Teil davon.

„Ausgetragen wird es auf dem Rücken der Bewohner“, sagt Sven-Erik Kratz, ein Unternehmer, der sich als freiwilliger Helfer um eine Familie aus dem Irak in der Rennbahnstraße kümmert. Seine Schützlinge wohnen am Freitagvormittag noch in der zweiten Etage. Auch sie sollen ausziehen.

Das Zimmer der Familie ist knapp 20 Quadratmeter groß. Es steht voll mit zahlreichen Wäschekörben, Koffern, Taschen, Tüten, alten Möbeln, einem Kühlschrank. Es gibt nur ein Bett, dafür hat die Familie ein eigenes kleines Bad. Maan und Fatima wohnen hier mit ihren Kindern, dem zweijährigen Mohammed und dem neunjährigen Saad. Den Nachnamen der Familie wollen wir nicht nennen, denn Maan ist in seiner Heimat schwer misshandelt worden. 

Das Traumazentrum der Charité hält es nicht für gut, wenn er in einer Gemeinschaftsunterkunft wohnt. Fatima hat Diabetes. „Und Kopfschmerzen“, sagt sie und lächelt matt. Sie hat in der vergangenen Nacht nicht geschlafen. Sie wollen lieber bleiben, als in eine andere Unterkunft wechseln, wo es vielleicht schlechter ist. Außerdem gehen die Kinder in Weißensee zur Schule und in einen Kindergarten.

Die Busse fahren zum Tempelhofer Containerdorf

Aber sie haben keine Wahl. Um elf Uhr klopft Gierso Geschäftsführer Tobias Dohmen an die Tür und macht das persönlich klar. „Ich schmeiße die Leute nicht raus. Das macht das LAF. Es macht mich richtig aggressiv, dass ich jetzt wieder als Arschloch dastehe“, sagt Dohmen. Nach seiner Sicht der Dinge zahlt das Landesamt nicht nur Rechnungen nicht, sondern verhindert auch noch durch Anweisungen und bürokratische Tricks, dass die Jobcenter für anerkannte Geflüchtete zahlen. „Die erpressen uns, die wollen uns in die Insolvenz treiben. Aber nicht mit mir“, sagt Dohmen.

Im Foyer treffen gegen zwölf Uhr Mitarbeiter des Flüchtlingsamts ein. Eine Mitarbeiterin versucht, sich einen Überblick zu verschaffen, wer überhaupt betroffen ist, wie viele Kinder, Familien, Härtefälle. Erst am Vortag habe das Amt von dem bevorstehenden Umzug erfahren, und erst jetzt habe sie eine Namensliste erhalten, sagt sie. Vorher habe die Heimleitung nichts rausgegeben. Das LAF hat auch Stephanie Reisinger, eine Mitarbeiterin der Pressestelle, geschickt. „Dies ist eine Folge der Abwicklung der gekündigten Verträge“, sagt sie, und dass sie sich auch eine Lösung im Sinne der Bewohner gewünscht hätte.

Dann fahren die Busse vor. Es geht nach Tempelhof in das neue Containerdorf auf dem Vorfeld des ehemaligen Flughafens. Vielleicht werden Maan und Fatima mit ihren Kindern später wieder zurück kommen nach Weißensee. Das LAF will ihnen bei der Suche nach einer Bleibe beistehen.