Sie gelten als die Tante-Emma-Läden des Musikgeschäfts. Kleine Geschäfte, die sich seit Jahren tapfer gegen die Megastores, Online-Shops und Streaming-Dienste dieser Welt behaupten und zugleich der mit zahllosen Nachrufen bedachten Schallplatte ein Schutzreservat zum Überleben bieten. Eine Schicksalsgemeinschaft, aus der ein analoges Ökosystem entstand, das einmal im Jahr auf sich aufmerksam macht und zu Zwölf-Zoll-Scheiben gepresstes Polyvinylchlorid als Tonträger feiert.  An diesem Sonnabend ist Record Store Day.

Mit Ausnahme einiger pandemiebedingter Unregelmäßigkeiten findet das Festival des Vinyls zuverlässig am jeweils dritten April-Samstag des Jahres statt. 2007 wurde in den USA der erste Record Store Day veranstaltet. Mittlerweile nehmen weltweit 3000 Plattenläden daran teil. Wer dabei sein will, muss sich bewerben. Große Handelsketten und Onlineshops sind ausgeschlossen. In Berlin sind Läden wie „Bis aufs Messer“ in Friedrichshain, „Dodo Beach East“ in der Danziger Straße oder „Rock Steady Records“ in Charlottenburg feste Größen der RSD-Szene. Insgesamt werden in diesem Jahr 14 Berliner Läden dabei sein, was bemerkenswert ist. In San Francisco gibt es jedenfalls nur zwölf teilnehmende Stores, in Detroit sogar nur drei.

Von America bis ZZ Top

Der Vinyl-Liebhaber verbindet den Tag der Tage vor allem mit der Aussicht auf Raritäten. Etwa 500 Singles, LPs und Doppelalben von America bis ZZ Top werden alljährlich exklusiv für diesen Tag aufgelegt und nur über die teilnehmenden Händler vertrieben. Zudem darf pro Kunde nur eine Platte verkauft werden. In diesem Jahr gehören eine Sonderauflage der LP „Waterloo Sunset“ von The Kinks zum besonderen Angebot. Von Blondie sind zwei Sieben-Zoll-EPs zu bekommen, und auch Jethro Tulls „Living With The Past“ gibt es als Spezialpaket.

Für die Läden ist es in jedem Fall ein gutes Geschäft. Nicht selten gehen am Record Store Day sogar doppelt so viele Platten über die Ladentheken wie im Weihnachtsgeschäft, weshalb das Festival der kleinen Plattenläden für Kritiker seine Unschuld längst verloren hat. Der Record Store Day sei vom Kommerz gekapert worden, sagen sie. Platten-Label nutzten den Tag, um mit geringerem Aufwand aufgelegte Editionen besonders teuer verkaufen zu können.

Und tatsächlich geben die Umsätze der Branche keinen Grund zur Klage. Vom liebenswerten Analog-Zombie Schallplatte, der sich in volldigitalisierten Music-To-Go-Zeiten als Entschleuniger des Alltags empfiehlt, wurden 2021 in Deutschland 4,5 Millionen Exemplare verkauft. Über eine Million Platten mehr als zwei Jahre zuvor. Der Umsatz mit Vinylscheiben hat sich gegenüber 2010 auf 118 Millionen Euro verzehnfacht.