Berlin - Peter Thielmann ist Personalberater, spezialisiert auf den Bereich Outplacement. So nennt man das heute, wenn ein Unternehmen Mitarbeiter kündigt. Einzelne oder ganze Belegschaften. Dann werden oft externe Berater einbezogen, die die Betroffenen fit machen sollen für die neue Jobsuche. Dafür gibt es auch Zuschüsse von der Arbeitsagentur. Peter Thielemann hat da schon einiges erlebt. Aber so etwas wie bei Reemtsma noch nie. Der Zigarettenhersteller schließt bis Juni sein Berliner Werk. Fast vier Jahre wurde das Ende für die 400 Mitarbeiter vorbereitet. „Das hier“, sagt Thielemann, „ist noch die gute, alte Zeit“.

„Reemtsmaner“ nennen sich die Beschäftigten auf dem riesigen, 73.000 Quadratmeter großen Werksgelände an der Mecklenburgischen Straße in Wilmersdorf. Noch immer. Das Durchschnittsalter der Belegschaft liegt bei Ende 40. Ein Großteil ist schon über 20 Jahre dabei. Früher galt ein Job bei Reemtsma als Arbeitsplatz auf Lebenszeit. Kaum einer wollte wieder weg.

Andreas Rogalski hat vor 24 Jahren als Handwerker angefangen. Immer wieder hat er Weiterbildungsangebote genutzt. Schon lange arbeitet der 45-jährige Nichtraucher nicht mehr in der Produktion. Aber er kann jeden Schritt der Zigarettenherstellung ganz genau erklären. Von der Mischung der bis zu 52 Tabaksorten für die einzelnen Marken, von den zugesetzten Aromen, von der Funktionsweise der Strangmaschinen und den Packmaschinen erzählt Rogalski beim Rundgang durch das letzte von fünf Produktionsgebäuden, in dem noch gearbeitet wird. Dort rattern noch zwei Maschinen. Die anderen 38 wurden bereits demontiert und an andere Standorte gebracht. Im März wird die Zigarettenfertigung vollends eingestellt. Das hat die Konzernspitze in Hamburg schon 2008 beschlossen – zum Abbau von Überkapazitäten, obwohl das Werk profitabel gearbeitet hat. Seither ist auch der gelernte Maschinenschlosser Rogalski Mitglied im „Steuerkreis“, den die Berliner Werksleitung eingesetzt hat, um möglichst für alle 400 Mitarbeiter eine berufliche Perspektive nach der Schließung des Traditionsbetriebes vorzubereiten. 113 Kollegen haben das Angebot angenommen, nach Langenhagen bei Hannover zu wechseln. Rogalski nicht. Im Januar hat er begonnen, Bewerbungen zu schreiben. „Das ist schwer“, sagt er. „Der nächste Schritt ist dann, nicht mehr herzukommen und die Leute nicht mehr zu sehen.“

Anfang der Woche hat der Steuerkreis wieder getagt. Auf den Tischen im Konferenzraum der Werksleitung stehen Schnittchen, Kaffee und Getränke. Durch den Raum weht eine Atmosphäre der Wehmut.

„Was machen wir jetzt?“

Ein gutes Dutzend Menschen zieht Bilanz, was erreicht wurde für die Beschäftigten und was noch zu tun ist. Externe Berater verschiedener Firmen sind dabei, die sich „ProjektTeam Reemtsma“ nennen, der Betriebsratsvorsitzende Jürgen Heidtmann, Betriebsärztin Katja Fischer und auch Andreas Rogalski, der sich an der Organisation von Schulungen beteiligt hat. Entstanden ist die Runde „nach dem Schock 2008“, sagt Personalchefin Sabine Baudis. „Da haben wir uns zusammengesetzt und gefragt, was machen wir jetzt?“

In dieser Zeit kam auch Hendrikje Dickschen dazu, eine Personalberaterin, die sich auf eine psychosoziale Betreuung spezialisiert hat. „Wir haben zuerst Auffanggespräche geführt. Hier gibt es viele hoch qualifizierte Mitarbeiter, die vor Jahrzehnten als Ungelernte angefangen haben. Die hatten das Gefühl, den Boden unter den Füßen zu verlieren.“ Sie verweist auf Statistiken, nach denen bis zu 30 Prozent nach einer Kündigung an Depressionen erkranken. Um das zu vermeiden, hat sich auch die AOK bei Reemtsma engagiert und wird dafür vom Bundesgesundheitsministerium sogar als „Best Practice“ Beispiel aufgeführt.

Betriebsrat Heidtmann, der die Schließung immer als falsch kritisiert hat, will darüber heute nicht mehr reden. „Das ist Geschichte“, sagt er und erkennt an, was die Werksleitung unter Einbeziehung aller Betroffenen für die Belegschaft erreicht hat. „So, wie wir das hier gemacht haben, ist das schon die Ausnahme.“ Heidtmann ist auch Mitglied im Hauptvorstand der Gewerkschaft Nahrung-Genuss-Gaststätten und will dort einen Vortrag zu dem Modell anbieten.

Bald 400 Einzelberatungen hat das ProjektTeam Reemtsma mittlerweile durchgeführt. Den Mitarbeitern wurden Weiterbildungen, PC-Kurse, Bewerbungstrainings und Existenzgründerseminare angeboten. Die noch etwa 120 Reemtsmaner, die bisher ohne konkreten Job sind, werden weiter von Personalberatern betreut, die sich um eine Vermittlung in andere Betriebe bemühen. In 50 Fällen ist das schon gelungen. Zwei Mitarbeiter gehen in die Selbstständigkeit: Mit einem Schuh- und einem Feinkostgeschäft. Nach anfänglicher Skepsis stößt derzeit ein Life-Training auf großes Interesse. Unter Beteiligung erfahrener Personalchefs wird ein reales Bewerbungsgespräch simuliert . „Ich dachte erst, da geht keiner hin“, sagt Personalchefin Baudis. „Jetzt sind die Kurse voll.“

Auch die 53-Jährige ist schon seit 23 Jahren bei Reemtsma in Wilmersdorf dabei. Ihr ist anzumerken, dass auch ihr das nahende Ende zusetzt. Aber Sabine Baudis ist auf das Geleistete auch stolz. „Wir haben keinen einzigen Burn-out-Fall“, sagt sie. „Und der Krankenstand von derzeit acht Prozent ist für einen Betrieb in unserer Situation auch nicht die Regel.“ Vor der Schließungsankündigung lag er bei vier Prozent. Und nicht zuletzt: „Wir bekommen auch etwas zurück. Wir produzieren noch, sogar in drei Schichten. Da kommt noch Geld in die Kasse.“

Schon Anfang der 90er Jahre hatte Sabine Baudis, von Hause aus Psychologin, bei Reemtsma das Modell der Gruppenarbeit eingeführt, in dem die Mitarbeiter am Produktionsprozess beteiligt werden und mehr individuelle Verantwortung übernehmen. „Das ist ein Modell aus alten Unternehmenstraditionen“, sagt sie. „Und das ist in den Zeiten des zunehmenden Facharbeitermangels auch das Modell der Zukunft.“