Berlin - Die Schönhauser Allee ist am Montagabend zu einer riesigen Tanzfläche geworden. Es ist eng und riecht nach Bier an diesem Abend auf der Straße in Prenzlauer Berg – fast in wie in einem Club. Elektronische Musik wummert aus großen Boxen. Auf vier Lastwagen beschallen DJs die Menge. Auch Dr. Motte ist dabei. Etwa 5000 Menschen genießen die Rhythmen. Aber es ist kein Spaß, dies ist eine Demonstration: Protest gegen neue, viel höhere Gema-Gebühren.

In der Berliner Club- und Künstlerszene sind viele sauer. Deshalb sind so viele Menschen dem Aufruf der Musikverbände zum Protest gegen die Tarifreform 2013 der Gesellschaft für musikalische Aufführungs- und mechanische Vervielfältigungsrechte, kurz Gema, gefolgt. „Ich finde eine Veranstaltung wie diese großartig. Gegen die völlig abstrakte Tarifreform der Gema muss was getan werden“, sagt Sebastian Kleber, 29 Jahre alt.

Kleber veranstaltet Partyreihen, unter anderem im Club K17 in Friedrichshain. „Ich kann mir die neuen Tarife definitiv nicht leisten“, sagt Kleber. Er ist nicht der einzige Veranstalter mit Zukunftsängsten. Auch Maximilian Greif glaubt, dass er seine My-ugly-X-Bad-Taste-Partys, die er im SO 36 in Kreuzberg veranstaltet, im Januar einstellen muss. Wenn die Reform kommt.

Ein Preisanstieg um 560 Prozent

Eigentlich sollte die Tarifreform alles einfacher machen. Doch seit der Veröffentlichung der neuen Gebührenordnung im April, steigt die Empörung der Betroffenen, ganz besonders in der Berliner Szene. Wie die Berliner Zeitung berichtete, sehen viele Clubbesitzer in der Reform eine Existenzgefährdung. Seit etwa 50 Jahren werden die Beiträge pauschal entsprechend dem Clubbetrieb berechnet – je nachdem wie häufig geöffnet wird. Zum 1. Januar 2013 sollen die elf bestehenden gegen zwei neue Tarife ausgetauscht werden: einen für Live-Musik und einen für DJ-Veranstaltungen.

Künftig sollen die Gema-Gebühren prozentual anhand des Eintrittspreises und der Quadratmeterzahl des Clubs berechnet werden, zusätzlich kommen 50 Prozent oben drauf, falls die Veranstaltung länger als fünf Stunden dauert. Clubs öffnen allerdings fast immer länger. Dazu kommen Pauschalen für Vervielfältigung der gespielten Musik. Ein typisches Beispiel: Ein Club hat 410 Quadratmeter Fläche und nimmt einen Eintritt von 8 Euro.

Pro Woche finden zwei Veranstaltungen von 22 Uhr abends bis fünf Uhr morgens statt. Bisher bezahlt der Betreiber eine Gema-Pauschale von rund 14.500 Euro im Jahr. Ab Januar 2013 werden es nach dem neuen Tarif rund 95.300 Euro im Jahr sein. Eine Anstieg von 560 Prozent.

„Gema weg“

Stefan Büttner, stellvertretender Geschäftsführer vom Deutschen Hotel- und Gaststättenverband (Dehoga), sieht darin eine Gefahr für den ganzen Wirtschaftszweig. Der Verband hatte sich als erster gegen die Reform stark gemacht, auch eine Petition wurde gestartet. Mittlerweile haben 156.000 Menschen unterschrieben. Büttner gegrüßt die Initiative der Szene. „Ich finde es gut, dass die Veranstalter zum Protest auf der Straße aufrufen“, sagt er. Steffen Hack, Betreiber des Watergate in Kreuzberg empfiehlt Künstler sogar aus der Gema auszutreten.

Auf der Schönhauser Allee sieht man am Montagabend junge Leute mit Schildern. „Gema du kannst mich mal“ oder „Gema weg“, steht darauf. Die Stimmung ist ausgelassen. Man hofft über den Protest, mit der Gema in einen Dialog zu kommen. Auch Politiker sind da: Linke, Grüne, Piraten. Lothar Köpper von Elektrocult hat den Protest mitorganisiert. Jetzt will er mit der Gema nochmal über alles reden. „Wie wollen eine Lösung.“ Protestiert werden sollte am Montag bis 22 Uhr. Bis Redaktionsschluss wurde auf der Straße noch getanzt.