„Refugee Phrasebook“: Berliner unterstützen Flüchtlinge mit kostenlosem Wörterbuch

„Die Grenzen meiner Sprachen bedeuten die Grenzen meiner Welt“, schrieb der Philosoph Ludwig Wittgenstein in seiner logisch-philsophischen Abhandlung, die er während des Ersten Weltkriegs verfasste. In diesen Wochen - rund 100 Jahre später - erreichen fast täglich tausende Flüchtlinge deutschen Boden. Sie kommen aus dem Nahen Osten, Afghanistan, Afrika und dem Balkan. Ihre Route führt die meisten Flüchtlinge über Österreich. Ein Treppenwitz der Geschichte. Denn Wittgenstein war Österreicher.

Die Mehrheit der Asylsuchenden spricht kein Deutsch. Sprache aber ist nun unbestreitbar der Schlüssel zur Integration. Und so erschweren die Kommunikationshürden die so notwendige rasche Einbindung der Zufluchtsuchenden Menschen in unseren Alltag.

Um das Kommunkationsproblem zwischen Flüchtlingen und den unzähligen Helfern in Berlin und anderswo in Deutschland zu erleichtern, haben sich ausgehend von Berlin mittlerweile weltweit Freiwillige für ein Projekt zusammengefunden. Sie erschaffen mit dem „Refugee Phrasebook“ ein kostenloses digitales Wörterbuch mit den wichtigsten Begriffen und Phrasen. Ihr Projekt ist nicht kommerziell und Open-Source: Das bedeutet, jeder kann daran mitarbeiten und es nutzen.

Einfache Alltagsfloskeln und komplizierte Fachbegriffe

In rund 30 Sprachen werden die gängisten Vokabeln aus dem Altag zusammengestellt, um Asylsuchenden Ankunft und erste Orientierung zu erleichtern. Hunderte internationale Helfer sitzen derzeit auf der ganzen Welt verstreut vor dem Rechner und sammeln von Arabisch bis Vietnamesisch Phrasen, Fachbegriffe, Floskeln und Redewendungen. Diese werden dann von Muttersprachlern übersetzt.

Dazu zählen ganz einfache Formulierungen der ersten Kontaktaufnahme: „Hallo“, „Auf Wiedersehen“, „bitte“, „danke“ und „Wo kommen Sie her?“.

Doch ein besonderes Augenmerk liegt auf den Bereichen Medizin und Recht. Wie ein Projektmitarbeiter der Berliner Zeitung sagt, soll das „Refugee Phrasebook“ ein nützlicher Service im Umgang mit schwierigen Behördenfragen bieten. Damit ist vor allem das komplizierte Asylrecht gemeint. Deswegen haben die Initiatoren auch Sprachen solcher EU-Länder ausgewählt, in die Flüchtlinge möglicherweise abgeschoben werden könnten - und somit zumindest ansatzweise auf dieses Szenario vorbereitet werden.

Aber auch die Kommunikation beim Arztbesuch soll vereinfacht werden. Besonders für Asylsuchende in Berlin ist das interessant und hilfreich. Zwar können sich Flüchtlinge hierzulande bereits jetzt behandeln lassen, müssen sich die Notwendigkeit hierfür zuvor jedoch mit viel bürokratischem Aufwand bescheinigen lassen. Das Land Berlin will deshalb nun die Gesundheitskarte für Asylsuchende einführen, damit ein Arzt schneller aufgesucht werden kann.

Übersetzungen werden ständig aktualisiert und erweitert

Im Augenblick sind die Initiatoren in Gesprächen mit Verlagen, die den Druck und die Verteilung der vielen verschiedenen Versionen des „Refugee Phrasebook“ unterstützen wollen. Ebenfalls auf nicht-kommerzieller Basis und immer entlang der Grundidee: Jeder soll sich seine eigene Ausgabe zusammenstellen und ausdrucken können. Denn bei der Sprachenauswahl sind - insbesondere für Flüchtlingshelfer - individuelle Kriterien entscheidend wie: Wo kommen die Flüchtlinge her? Welche Route haben sie genommen oder könnten sie noch nehmen? Wo liegt ihr Zielland?

Die Resonanz auf das Projekt ist überwältigend, die Listen werden täglich erweitert, korrigiert, verfeinert und den aktuellen Entwicklungen angepasst. Viele der Initiatoren beschränken sich nicht nur auf die Arbeit am Bildschirm, sondern bringen das „Refugee Phrasebook“ auch selbst unter die Menschen.

Zum Beispiel am Wiener Westbahnhof. Dort waren am vergangenen Wochenende zahllose Flüchtlinge aus Ungarn eingetroffen. Projektmitarbeiter legten die die gedruckten Ausgaben offen zur Mitnahme aus oder verteilten sie an Flüchtlingshelfer, die bereits die Sprache einiger der Asylsuchenden sprechen und ihnen die Kommunkationshilfe leichter anbieten können.

Mittlerweile haben auch schon Flüchtlingshelfer auf der griechischen Insel Kos Wörterbücher angefragt, können die Ausgaben aber dort nicht selbst ausdrucken. Drucker, Papier und Geld sind Mangelware. Nun sollen die Büchlein in Deutschland gedruckt und im Koffer nach Griechenland transportiert werden.

Viele ähnliche Hilfsprojekte in ganz Deutschland

Grafikdesigner erweitern das „Refugees Phrasebook“ inzwischen um Icons und Piktogramme, die einfache Floskeln wie komplexere Zusammenhänge visualiseren. Ein Gewinn für Helfer und Flüchtlinge, deren Sprache noch nicht in den aktuellen Listen enthalten ist. Aber auch für Menschen, die noch nicht einmal lesen und schreiben können.

Ein ähnliches Projekt hat vor Kurzem eine Designstudentin aus dem badischen Mühlacker entwickelt: ein Buch, das fast vollständig ohne Buchstaben und Zeichen auskommt und stattdessen mit Bildern arbeitet. Die Initiative #EinfachMenschSein arbeitet zurzeit mit dem Langenscheidt-Verlag an einem Bild-Wörterbuch, das auch für Analphabeten geeignet ist.

Bereits im August hatte der Langenscheidt-Verlag sein Wörterbuch Arabisch-Deutsch kostenlos im Netz zur Verfügung gestellt, um Flüchtlingen und Helfen die Verständigung zu erleichtern. Das Interesse war enorm. Eine Auswertung der meistgesuchten Begriffe in beide Übersetzungsrichtungen zeigte zudem ein verblüffendes Ergebnis: Helfer wie Flüchtlinge suchen nach fast identischen Begriffen.

Weitere Informationen zum Projekt „Refugee Phrasebook“ finden Sie unterrefugeephrasebook.de

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