Alle großen Plätze fangen klein an. Um 1400 lebten hier erste Siedler in ärmlichen Katen. Ein Zar gab 400 Jahre später als Besucher dem Platz seinen Namen. Kriege verwüsteten den Ort, neue Gesellschaften, Grundrisse und Architekturen haben ihn immer wieder verändert. Er liegt in der Mitte der Stadt, nirgendwo anders begegnen sich so viele Menschen.

Über dem Alexanderplatz rauschen Züge und S-Bahnen, unter ihm die U-Bahnen. Werktags überqueren ihn 850 Mal Straßenbahnen im Schritttempo: Hergereiste stehen fotografierend auf den Schienen, Alkoholiker schwanken richtungslos vor der Fahrerkabine, alle müssen weggeklingelt werden. Berufstätige folgen eilig und schnurgerade ihren Pflichten. Viele Leute kaufen auch gerne ein. Eine Frau läuft mit ihrer kleinen Tochter zur Galeria Kaufhof. „Hast du M oder L?“, fragt das Kind noch vor der Tür. „Nicht so laut“, sagt die Mutter.

Gasgrill, Primark, Immobilist mit goldenem Haar

Die Männer mit dem Gasgrill verkaufen ihre Würstchen nur stehend. Mehr als fünfzehn Kilo wiegt die Last vor ihrem Bauch, die sie niemals, auch nicht ganz kurz, abstellen dürfen – sonst würde ihre Arbeit nicht mehr als mobiler Handel gelten: 50 Euro Bußgeld, wenn sie Pech haben. Jüngere Leute tragen Tüten von Primark und bummeln über den Platz: Da gibt es den Immobilisten mit goldenem Haar, goldenem Anzug und goldenen Schuhen. Seine Hand liegt auf einem langen goldenen Stock, aber sein Körper steht daneben in der Luft. Ich gehe dicht ran: Er schwebt. Ich erkenne den Trick nicht. Kann er davon leben? Und die anderen, die irgendwelche Sachen machen, um die als geldwerte Leistung anzubieten?

Die Augen gehen über das ganze Elend hinweg

Sie bemalen zum Beispiel den Boden. Einem bärtigen Mann, dem eine schöne Ornamentik gelungen ist, gebe ich ein bisschen Geld. Er steht auf, kreuzt seine Arme vor der Brust und verneigt sich. Um die Ecke wartet einer auf Leute, die sich zeichnen lassen wollen, noch nie sah ich ihn bei der Arbeit. Am Kaufhof spielt einer Akkordeon, der früher in Moskau Orchestermusiker war, man hört das. An anderer Stelle trommeln zwei junge Männer gekonnt auf Tonnen und Eimer. Die reduzierteste Variante öffentlichen Musizierens zeigt der Mann vor dem Kaufhof, der mit zwei Löffeln auf einen einzigen alten Kochtopf schlägt. Andere verkaufen etwas umsonst: ihren Glauben. Im Bahnhof stehen die Zeugen Jehovas mit Plakaten. Die Evangelisten predigen an der Unterführung. „Ich habe eine frohe Botschaft: Jesus liebt euch!“, ruft eine Amerikanerin in die Leere, als spräche sie zu Tausenden.

Bettler und Obdachlose weisen nichts vor, außer einem Becher. Manche liegen auf blankem Stein. Sie sind ganz unten angekommen, sind im Weg in verschlissenen Klamotten und ohne Hoffnung. Es werden immer mehr. Die Passanten haben sich an den Anblick gewöhnt, die Augen gehen über das ganze Elend hinweg.

Bei nächtlicher Gewalt auf dem Alexanderplatz schreckt die Öffentlichkeit auf. Im ersten Halbjahr passierten 84 registrierte Taten, die Zahl steigt. Die letzte Messerstecherei war erst am Sonntagabend, zwei Schwerverletzte kamen in ein Krankenhaus. Zu wenige, zu schlecht bezahlte Polizisten sitzen zu wenige Stunden in einem Kontaktmobil und passen auf. Es wird früh dunkel. Vier junge Afrikaner warten auf die Straßenbahn. Sie lachen und reden laut. Hoffentlich kommen sie gut nach Hause.