Berlin - Die Gründer dieses speziellen Unternehmens haben sich ganz bewusst diesen Ort ausgesucht, um für ihre Idee zu werben: Es ist die Markthalle 9 in Berlin-Kreuzberg, die seit Wochen in den Schlagzeilen ist – inzwischen sogar bundesweit.

Denn die altehrwürdige Halle wird dominiert von hippen Ständen, an denen vor allem junge Leute ihre nicht ganz billigen Bio-Lebensmittel verkaufen: vom regionalen Chicorée aus dem brandenburgischen Pretschen über große handgemachte Brotlaibe oder veganes Streetfood bis zu fair gehandeltem Kaffee.

Beim großen Feind

Aber hinten in der Ecke befindet sich auch ein Aldi. Das ist nicht irgendein Discounter, sondern der Inbegriff dafür, wie eine nationale Handelsgroßmacht den Bauern seit Jahren diktiert, wie sie zu wirtschaften haben. Denn Aldi zahlt eben nur billigste Einkaufspreise. Solche Ketten gelten als großer Feind für die Idee des nachhaltigen Wirtschaftens.

Die Halle ist genau der richtige Ort also, um über die Zukunft der Landwirtschaft und die Zukunft des Essens zu reden. Einige Aktivisten der immer größer werdenden Bio-Bewegung werben hier also für ihre Aktiengesellschaft: die „Regionalwert AG Berlin-Brandenburg“.

Der Name verrät ziemlich viel vom eigenen Anspruch. „Wir wollen gemeinsam mit den Bürgern die Agrarwende in die Hand nehmen“, sagt Katharina Reuter, die Vorsitzende des Aufsichtsrates der AG. Es geht darum, dass Berliner und Brandenburg die kleinteilige regionale Landwirtschaft fördern. „Wir wollen nun über Bürger-Aktien Geld einsammeln, um es in eine ökologische und sozial-nachhaltige Landwirtschaft zu investieren.“

Keine Großprojekte

Bis Ende September sollen 1,5 Millionen Euro gesammelt werden. Damit sollen aber keine Großprojekte unterstützt werden. Gefördert werden sollen junge, engagierte Leute, die kaum Geld, aber den Mut haben, mit neuen Ideen wieder in die Landwirtschaft einzusteigen. Katharina Reuter zählt drei Gründe auf, warum gehandelt werden müsse: Massentierhaltung, riesige Monokulturen und Insektensterben. „Da zeigt sich das Totalversagen der Politik, obwohl die Bevölkerung doch etwas anderes will.“

Joachim Fritz hat im Nebenerwerb einen Bio-Bauernhof in Werder und hat jahrelang die großen Berliner „Wir haben es satt“-Demos gegen die industrielle Landwirtschaft organisiert. Nun ist er Vorstand einer AG – quasi ein guter Bio-Kapitalist. Er betont den sozialen Aspekt der Bio-Landwirtschaft. Denn da käme es nicht auf große Traktoren an, sondern auf möglichst viel Handarbeit.

„Wir wollen möglichst viel Leute motivieren, in der Landwirtschaft zu arbeiten“, sagt er und verweist auf eine Studie, die besagt, dass wohl bis 2030 allein im Land Brandenburg 20.000 Arbeitskräfte in der Branche fehlen werden.

Aber warum so kapitalistisch? Wer von einem solchen Projekt hört, das den grünen Zeitgeist einfängt, würde doch eher an eine Genossenschaft denken, nicht an eine Aktiengesellschaft. Doch die Macher haben sich ganz bewusst so entschieden.

„Bei einer Genossenschaft könnte jemand sagen, ich kündige und will mein Geld zurück“, sagt Jörg Hennig Frank von der Bank Umweltfinanz, die das Geld einsammelt. Wenn Leute dort ausstiegen, müssten im Negativfall sogar Höfe verkauft und Strukturen wieder zerstört werden. „Die AG aber ist ein ganz professionelles Finanzinstrument. Jeder kann seine Aktien verkaufen.“

„Eine Agrarwende ist möglich“

Das Ganze ist nicht gewinnorientiert. Vielleicht wird in einigen Jahren sogar mal eine Rendite ausgezahlt. Wichtig ist, dass sich die Leute einen Anteile an Betrieben kaufen, deren Produkte sie gut finden. „Mit meiner Aktie sorge ich dafür, dass es die Betriebe überhaupt erst gibt und ich ihre Produkte kaufen kann“, sagt Frank. Das Ganze sei auch kein Kredit, sondern die AG ist Teilhaber der Betriebe und kann mitbestimmen, was dort passiert.

Das preiswerteste Aktienpaket kostet 525 Euro, das teuerste 9 750 Euro. „Wir suchen keinen Großinvestor, der mal schnell eine Million investiert, weil er die Idee hübsch findet“, sagt er. In den nächsten zehn Jahren sollen bis zu zehn Millionen Euro eingesammelt werden.

Milliardenschwere Konkurrenz

Die Summe klingt bei der milliardenschweren Konkurrenz nicht gerade viel. Aber die Macher betonen, wie wichtig auch kleinere Summen sind. Beispielsweise laufen gerade Gespräche mit einem Paar, das einen 270-Hektar-Bio-Bauernhof östlich von Berlin kaufen will. Es gibt sogar eine Bank, die mitmachen will – aber nur, wenn der Eigenanteil des Paares groß genug ist. Die beiden haben aber nicht genug Geld. Nun könnte die AG mit Kapital einsteigen.

So könnten 100.000 Euro der Aktionäre bewirken, dass 1,5 Millionen Euro in der Biobranche investiert werden.

„Ich glaube an die Idee“, sagt Umweltbanker Frank. „So, wie wir die Energiewende schaffen werden, ist auch eine Agrarwende möglich.“