Den meisten Berlinern gefällt der jetzige Alexanderplatz nicht, hat eine Umfrage unter den Lesern der Berliner Zeitung ergeben. Sie können sich mehrheitlich gut vorstellen, dass dort weitere Hochhäuser entstehen. Senatsbaudirektorin Regula Lüscher sagt im Interview, was sie vom Urteil der Leser hält und wie der Masterplan von Hans Kollhoff aus dem Jahr 1993 verändert werden soll, der den Bau von zehn Hochhäusern vorsah.

Frau Lüscher, die Mehrheit der Berliner hat in einer Leser-Umfrage der Berliner Zeitung erklärt, dass ihnen der Alexanderplatz nicht gefällt. Überrascht Sie das?

Nein, weil der Alex leider auch in den Medien eher ein schlechtes Image hat. An gewissen Orten hat der Alex tatsächlich ein Manko an Aufenthaltsqualität. Er hat aber auch eine Großzügigkeit und städtebaulich durchaus Qualitäten.

Wir haben die Leser auch dazu befragt, wie sie die preisgekrönten Entwürfe für das erste 150 Meter hohe Turmhaus am Alex beurteilen. Den Wettbewerb hat bekanntlich der Amerikaner Frank O. Gehry gewonnen, Platz zwei belegte Jan Kleihues, Platz drei das Büro Barkow Leibinger. Im Leser-Urteil schneiden Gehry und Barkow Leibinger gleich gut ab, Kleihues landet auf Platz 3. Was sagen Sie dazu?

Der Entwurf von Jan Kleihues bezieht sich sehr auf den bestehenden Alexanderplatz. Die beiden Entwürfe von Gehry und Barkow Leibinger verlassen die Tradition dagegen viel stärker und wollen über die Bestandsbauten hinausweisen. Gehry bezieht sich dabei auf den großen Maßstab der Karl-Marx-Allee, auf die große Bauskulptur der Allee ? auch in der Materialität seines Entwurfs. Auf der anderen Seite ist der Entwuf Gehrys auch etwas fancy, er ist eine Skulptur, ein bewegter Körper. Auch der Entwurf von Barkow Leibinger ist sehr großstädtisch. Er hat etwas Elegantes, Mondänes, Gläsernes, Leichtes, was höchstwahrscheinlich eine Kundschaft anspricht, die sehr urbane Lebensvorstellungen hat.

Würden alle drei Entwürfe zum Alexanderplatz passen?

Das frage ich mich auch immer wieder. Natürlich muss sich ein Preisgericht entscheiden, aber alle Entwürfe sind sehr qualitätsvoll. Im Grunde könnte ich mir jeden der drei Entwürfe dort vorstellen.

In der Frage, ob am Alexanderplatz weitere Hochhäuser entstehen sollen, steht es rund 60:40 dafür. Wie bewerten Sie das Votum?

Ich fühle mich darin bestätigt, dass wir an der Hochhausplanung festhalten, diese aber an die bestehende Situation anpassen. Wenn Hochhäuser in Berlin gebaut werden sollen, dann machen sie am Alexanderplatz Sinn. Das gleiche gilt für die City West am Breitscheidplatz. Dort funktioniert der neue Maßstab, der durch die Hochhäuser entsteht, aber nur, wenn man gleichzeitig den Gebäuden der Nachkriegsmoderne Beachtung schenkt und sie pflegt. Das sanierte Bikinihaus und der sanierte Zoo-Palast haben so eine Kraft, dass sie die Hochhäuser aushalten. Die Hochhäuser müssen zugleich eine hochwertige Architektur haben.

Was leiten Sie von der Umgestaltung am Breitscheidplatz für den Alexanderplatz ab? Heißt das, die Qualität des Ortes könnte gestärkt werden, wenn man neben den geplanten Hochhäusern am Alex beispielsweise das zu DDR-Zeiten gebaute Haus des Reisens saniert?

Ja. Das Haus des Lehrers ist ein gutes Beispiel dafür, wie ein Gebäude durch eine Sanierung eine stärkere Präsenz bekommen hat. Das bedeutet für das Haus des Reisens, dass man es ebenfalls hochwertig sanieren muss, wenn es bestehen bleibt. Wenn sie wieder zu ihrem alten Glanz zurückfinden, können diese Häuser neben neuen und durchaus größeren Gebäuden bestehen.

Welche Bedeutung haben die Häuser der DDR-Moderne wie das Haus des Reisens und das Haus des Lehrers für den Alexanderplatz?

Sie haben die gleiche Bedeutung wie die Nachkriegsmoderne am Breitscheidplatz. Es ist eine ganz wichtige Zeitschicht für diese Stadt.

Das ist ein völlig anderer Ansatz als vor 20 Jahren, als die DDR-Moderne zur Disposition gestellt wurde.

Die Aufgabenstellung für die Architekten war damals, tabula rasa zu machen. Das darf man weder Kollhoff noch einem anderen Architekten vorwerfen. Das war die Stimmung zu dieser Zeit und das war die Vorgabe für den Wettbewerb. Viele Jahre später ist man zum Glück klüger geworden und hat realisiert, dass diese Zeitschicht eine große Bedeutung hat. Nicht nur architektonisch, sondern auch im Sinne des Erinnerns, der Identität, der Selbstvergewisserung, welche Geschichte wir gemeinsam haben. Jetzt ist es richtig, den Masterplan zu überdenken und zu schauen, wie es gelingt, den Ort im Einklang mit den bestehenden Gebäuden zu verändern.

Wie soll sich der Alex verändern?

Ganz wichtig ist, dass der Alexanderplatz in den Erdgeschosszonen eine höhere Aufenthaltsqualität erhält. So wie bei Gehry. Der untere Bereich, den er gestaltet hat, ist einladend, vermittelt eine gewisse Geborgenheit und eine Aufenthaltsqualität. Das ist genau das, was wir suchen.

In welcher Zeit soll der Masterplan überarbeitet werden?

Dieses Jahr wollen wir noch beginnen. Der Startschuss wird vielleicht noch vor dem Sommer sein. Aber wir werden den Prozess sicherlich erst 2015 abgeschlossen haben.

Warum gibt es vor der Überarbeitung das Okay für das Hines-Hochhaus?

Es besteht heute am Alex Planungsrecht für Hochhäuser. Wir können nicht, bevor wir eine neue Vision haben, einen Baustopp oder Planungsstopp verfügen. Zugegeben, Hines hat das Planungsrecht für sein Hochhaus an einer anderen Ecke seines Grundstücks. Deswegen muss ein neuer Bebauungsplan aufgestellt werden. Ich glaube nicht, dass wir diese Fläche bei der Überarbeitung des Masterplans als Hochhausstandort infrage stellen. Deswegen ist es vertretbar.

Neben dem Alexa wird der Platz für einen 150-Meter-Turm freigehalten. Passt dort einer hin?

Im Zusammenspiel mit dem Hines-Turm ist ein Hochhaus dort vertretbar. Wenn man sich vorstellt, dass nur diese beiden Hochhäuser entstehen, dann bilden sie eine Torsituation. Es gibt in der Zwischenzeit sogar ernsthafte Interessenten. Ich hatte auf der Immobilienmesse Mipim in Cannes vor einer Woche ein Gespräch zu dem Projekt. Wir werden uns im Baukollegium einen Entwurf für das Hochhaus ansehen – eine Weiterentwicklung des Entwurfs durch Ortner+Ortner, die den Wettbewerb für das Alexa gewonnen hatten. Die Investoren beabsichtigen ebenfalls, einen hohen Wohnanteil dort umzusetzen. Offensichtlich ist es ein guter Zeitpunkt, den Masterplan jetzt zu überarbeiten. Meiner Meinung nach drängt die Zeit.

Wagen Sie mal eine Prognose: Wie sieht der Alex in zehn Jahren aus?

Ich könnte mir vorstellen, dass dann zwei Wohnhochhäuser dort realisiert sind. Ich würde mir wünschen, dass das Haus des Reisens in neuem Glanz erstrahlt ? vielleicht im Sockel durch Anbauten ergänzt. Ich wünschte mir, dass zumindest der Sockel des Park Inn Hotels völlig umgestaltet ist, und dort in der Perspektive ein, zwei weitere Türme entstehen können. Dadurch könnte der gesamte innere Bereich des Alexanderplatzes eine höhere Aufenthaltsqualität erhalten. Und ich würde mir wünschen, dass Durchbrüche durch das ehemalige Haus der Elektroindustrie geschaffen werden, um den Stadtteil dahinter besser mit dem Alex zu verbinden. Wenn wir das in zehn Jahren schaffen, wären wir nicht schlecht.

Das Gespräch führte Ulrich Paul