Bevor Adolf Hitler im Mai 1934 die „Führerwohnung“ in der Wilhelmstraße 77 bezog, hatte in dem Palais eine illustre Reihe von Adligen, Geschäftsleuten und Politikern residiert. Drei Generationen der polnischen Fürstenfamilie Radziwill hatten das Palais als quirligen Ort Berliner Lebens geführt, bis sie 1874 an das Deutsche Reich verkauften. Als erster Staats-Bewohner kam Kanzler Bismarck und gab dem Gebäude, das ihm fortan als repräsentativer Amts- und Wohnsitz diente, den Namen Reichskanzlei. Hitler war der letzte Nutzer, erst Ende Februar 1945 zog er mit Eva Braun in den Tiefbunker um. Nach dem Krieg wurden die Reste der Reichskanzlei abgetragen.

Trotz der Geschichtsfülle ist die Reichskanzlei samt Führerwohnung wenig bekannt, obwohl die einstige Anwesenheit Hitlers einem Ort normalerweise allgemeines Interesse sichert. So üben Führerbunker und die 1934 bis 1943 als Erweiterung des alten Komplexes gedachte Neue Reichskanzlei überaus große Faszination aus. Diese Schauplätze kennt man aus Spielfilmen, dem Fernsehen und von vielen Fotos. Solche Eindrücke haben sie zu „mythischen Geschichtszeichen“ gemacht, wie Prof. Thomas Sandkühler, Historiker an der Humboldt-Universität, beobachtet hat. Sein Beitrag für das jüngste Jahrbuch des Vereins für die Geschichte Berlins konzentriert sich auf „Die Reichskanzlei in der Wilhelmstraße 1871-1945 und Adolf Hitlers ‚Führerwohnung‘: Geschichte eines vergessenen Ortes“ – so der Titel des empfehlenswerten Aufsatzes.

Am liebsten im Wintergarten

Hitler eroberte die Räume der Reichskanzlei förmlich: Umfangreich ließ er renovieren und modernisieren, ohne Rücksicht auf die Kosten. „Der erfolgreiche Buchautor und nachlässige Steuerzahler Hitler“, so schreibt Sandkühler, beglich einen Teil der Rechnungen aus seinem Privatvermögen. Die Wohnung des Führers bestand aus Repräsentationsräumen im Erdgeschoss und Wohnräumen im ersten Stock der Reichskanzlei. Wie das aussah, beschreibt Sandkühler so: „Es repräsentierte anstelle wilhelminischer Schwere nun eine räumliche Großzügigkeit, die Hitler offenbar als Inbegriff ästhetisierenden Führertums betrachtete …“ Der frühere Gartensaal wurde (unter anderem durch Entfernung einer tragenden Wand und Beseitigung etlicher Säulen) zur „Wohnhalle“. An deren Wänden hingen große Teppiche, später Gobelins. In einer Vitrine befanden sich Radio und Plattenspieler. Die Leinwand für abendliche Filmvorführungen verbarg tagsüber wohl ein Vorhang.

Bücher spielten für den Vielleser Hitler eine große Rolle und waren auch in der Wohnung präsent. Allerdings hielt sich Hitler am liebsten im Wintergarten auf. Im Speiseraum mit Friedrich-II.-Reminiszenzen soll Adolf Hitler 1941 den obersten NSDAP-Funktionären seinen Plan verkündet haben, die Juden Europas zu ermorden.

Weitere Details zu Schlaf- und Fremdenzimmer, Damensalon, Bädern und Küche, Adjudantenflügel, Warteraum und Kabinettsaal, über zahlreiche Um- und Ausbauten finden sich in Sandkühlers Text. Richtig anschaulich wird es in einer Bilddokumentation, die bis April auf der Internetseite des Geschichtsvereins steht. Diese 174 Abbildungen – Karten, Pläne, Fotos – wird man in dieser Dichte so schnell nicht wieder sehen:

Blog mit Bildern: http://www.diegeschichteberlins.de