Damals noch in einem Team: Im Februar 2016 führte Bezirksbürgermeister Reinhard Naumann (l.) den Regierenden Bürgermeister Michael Müller über die Baustelle des Upper-West und zeigte ihm seinen Bezirk.
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Berlin-CharlottenburgEs ist noch ein Jahr bis zu den Wahlen in die Bezirksparlamente, ins Abgeordnetenhaus und in den Bundestag, doch zumindest in der SPD dreht sich das Personalkarussell bereits in rasender Fahrt – mit zum Teil überraschenden Mitfahrern. Und wieder steht der Bezirk Charlottenburg-Wilmersdorf im Mittelpunkt. Reinhard Naumann, langjähriger Bürgermeister im City-West-Bezirk, will nächstes Jahr nicht noch einmal kandidieren. Stattdessen will er sich ins Abgeordnetenhaus wählen lassen. Er wolle seine „kommunalpolitische Erfahrung künftig in die Landespolitik einbringen“, erklärte der Politiker.

Naumann macht seit mehr als drei Jahrzehnten Bezirkspolitik, seit 2011 ist er Bürgermeister, am Montag vergangener Woche ist er 60 Jahre alt geworden. Im Gespräch mit der Berliner Zeitung erzählt Naumann, dass er „aber schon vorher zusammen mit meinem Mann“ überlegt habe, wie es weitergeht. Weitermachen? Aufhören? Etwas Neues machen? Das Ergebnis sei, frei nach Lotti Huber: „Die Zitrone Naumann hat noch jede Menge Saft.“ Diesen Saft, diese Energie, aber auch seine langjährige politische Erfahrung wolle er künftig im Landesparlament einbringen. Die Suche nach einem passenden Wahlkreis laufe.

Reinhard Naumann lässt keinen Zweifel daran, wen er im Abgeordnetenhaus besonders unterstützen wolle, wenn er dort erst einmal angelangt ist. „Ich kenne und schätze Franziska Giffey aus ihrer Zeit als Neuköllner Bürgermeisterin sehr. Jetzt will ich mit ihr das Rote Rathaus verteidigen“, sagt er. Natürlich ist er sich sehr bewusst, dass der Wechsel von Frontmann Michael Müller zur designierten Nachfolgerin Giffey eine Zäsur in der Berliner SPD bedeutet. „Selbstverständlich“, so Naumann, „und ich will Teil dieser Veränderung sein“.

Doch auch für Müller findet Naumann warme Worte und eine Analogie zu sich selbst. „Müller hat so wie ich einen Abschnitt finalisiert. Ich kann mich sehr gut in ihn hineinversetzen.“ Außerdem sei „die SPD gut beraten, ihn mit Respekt und Wertschätzung zu behandeln“. Wenn Müller jetzt in den Bundestag wolle, habe er also seine Unterstützung. Der scheidende Parteivorsitzende und Regierende Bürgermeister passe zu Charlottenburg-Wilmersdorf. Zu Müllers Gegenkandidatin im Wahlkreis, Staatssekretärin Sawsan Chebli, will er sich nicht äußern.

In Reinhard Naumanns Amtszeit im Rathaus an der Otto-Suhr-Allee fällt die Renaissance der City-West nach Jahren der gefühlten Zurücksetzung hinter Mitte mit seinem Boulevard Unter den Linden, den Hackeschen Höfen, der Friedrichstraße und der Ausgehmeile Torstraße. Naumanns Anteil daran ist natürlich begrenzt, aber unbestritten erlebte und moderierte er zahlreiche Spatenstiche, Bergfeste, Richtfeste und Fertigstellungen vor allem rund um den Breitscheidplatz. Ob Bikini-Haus, Kleines Hochhaus (mit dem Hotel 25Hours, der Monkey-Bar und dem Restaurant Neni), das Kino Zoopalast oder die Hochhäuser Zoofenster (mit dem Hotel Waldorf Astoria) und Upper West (Motel One) – jedes Gebäude wurde auf seine Art zu einem prägenden Bestandteil des enorm aufgewerteten Einkaufs- und Ausgehviertels. Selbst der Kurfürstendamm, den die sprichwörtlichen Wilmersdorfer Witwen längst auf dem Weg zur Ramschmeile sahen, strahlt wieder im neu-alten Glanz. Und wer weiß, vielleicht bekommt der Kudamm bald auch noch zwei weitere Hochhäuser, wenn der Signa-Konzern seine Pläne auf dem dortigen Karstadt-Areal nun doch umsetzen darf, wie es der jüngst geschlossene Deal mit dem Senat suggeriert.

Ein brutaler Bruch im scheinbar unaufhaltsamen Aufstieg der Gegend stellte der 19. Dezember 2016 dar. Der Terroranschlag auf den Weihnachtsmarkt wirkt bis heute nach. Noch immer sieht der Breitscheidplatz mit seiner alarmistischen Sicherheitsarchitektur aus wie eine innerstädtische Festung. Abschreckend, wie nicht nur Reinhard Naumann findet. Vergeblich machte er immer wieder Druck bei der Senatsinnenverwaltung, die längst mit dem Abbau der provisorischen Rampen, Poller und Barrieren begonnen haben wollte. Nun, so sieht es aus, wird Naumann zumindest den Beginn der Umbauarbeiten noch im Amt erleben können.

Er selbst jedenfalls hat sich in seiner zehnjährigen Zeit als Bezirksstadtrat für Jugend, Familie, Schule und Sport und seit neuen Jahren als Bürgermeister immer als Kümmerer verstanden. „Und das will ich weiterhin sein“, sagt Naumann.