Sein Leben erscheint wie ein hoher Berg: herausragend, magisch-faszinierend und für viele Menschen unerreichbar. Reinhold Messner hat alle 14 Berge über 8000 Meter bestiegen und möchte inzwischen vor allem eines: aufklären. Was Verzichts-Alpinismus bedeutet, was wir Menschen der Natur schuldig sind und warum der höchste Berg der Welt, der Mount Everest, gerade in der Bergsteiger-Saison von April bis Juni zu einem Mekka der Helikopter-Heroes geworden ist. Mit uns sprach der Südtiroler unter anderem über seine Sicht auf das Leben als Alpinist, die Verantwortung gegenüber seiner 35 Jahre jüngeren Frau Diane, seine Abneigung gegenüber kirchlichem Dogma, seine Einstellung zu Drogen und Kletterhallen, seine politische Haltung und seine Pläne für den Ruhestand.


Lesetipp: Wie nimmt man 20 Kilo ab? Unser Autor hat es geschafft und erklärt es


Berliner Zeitung: Herr Messner, Sie planen gerade ein neues Museum in Nepal …

Reinhold Messner: … und das wird etwas völlig Neues! Ich habe mir innerhalb von 30 Jahren eine Struktur mit Museen, Büros etc. aufgebaut, die nicht mir, sondern dem Kulturunternehmen Messner Mountain Museum (MMM) gehört: sechs Orte – sechs Ausstellungen – sechs Erlebnisse. Eines der Museen liegt allerdings nicht in Südtirol, sondern in den Dolomiten, was zu einem Streit führte, weil Südtirol das Museum werbetechnisch nutzt, obwohl es diesem Land nicht gehört. Aber gut. Mir gehören zwei Häuser, die anderen vier habe ich von verschiedenen Institutionen geleast und führe sie ohne Subventionen. Das Museum in den Dolomiten muss nun aus der Struktur herausgenommen und in eine neue gesetzt werden: das Messner Mountain Heritage (MMH). Da erzähle ich von den wichtigsten Gebirgen der Erde. Und ich unterstütze das neue Museum „Sherpa Himal“ in Nepal, das den Sherpas gewidmet ist. Ihre Geschichte ist unglaublich und soll gewürdigt werden. Vor 500 Jahren kamen sie in einer Völkerwanderung aus Tibet über einen fast 6000 Meter hohen Pass in den Süden des Himalaja mit 20.000 Yaks. Dort, in der Mitte von Solo Khumbu, wurde um circa 1500 das erste Sherpa-Haus errichtet. Als ich nun zufällig an diesen Ort kam, traf ich den Sherpa, der dieses Haus besitzt und in einer Lodge wohnt. Er erzählte mir, er wolle ein Museum errichten, dafür aber das alte Sherpa-Haus abreißen. Ich habe gesagt, dass sei nicht gut, denn sein altes Haus sei ja das Wichtigste und Wertvollste für seine Idee. Ich habe ihm eine Skizze für das Gelände angelegt, wie es verbaut werden könnte mit dem alten Haus, seiner Lodge, einem Kartoffel-Acker, einem neuen Museum und allem, was Sherpas brauchen. Auch für die Alpenstadt Innsbruck habe ich ein Konzept vorgelegt, ein Museum zu errichten. Mehr kann ich nicht machen. Dem Ganzen einen Sinn zu geben, sehe ich als meine Aufgabe. Dem Alpinismus seine kulturelle Dimension geben.

Sie sagten mal, Sinnhaftigkeit und Nützlichkeit seien nicht dasselbe. Sehen Sie in dem neuen Museum keinen Nutzen?

Ja, das Ganze sehe ich tatsächlich so. Ob etwas nützlich ist, ist irrelevant. Sehen Sie, das ist der Kern der Aufklärung. Wir haben vor 200 Jahren und mehr ein Leben geführt, das uns von oben, also von der Kirche, erklärt wurde. Mit Gott wurde der Sinn des Lebens erklärt! Das war eine Anmaßung, gegen die Nietzsche mit „Gott ist tot“ angeschrieben hat. Wir dürfen uns nicht von Religionen leiten lassen, denn sie sind von Menschen gemacht! Ich respektiere alle Religionen, aber ich lasse mir von niemandem den Sinn vorgeben. Das Nützliche ist eine Frage des Überlebens. Früher hat man nur nach ihr leben können und müssen. Die Diskrepanz zum Sinn kommt in der Diskussion um den Alpinismus gut zum Tragen. Jeder normale Mensch sagt über Bergsteiger: Das ist doch sinnlos, was die da machen. Ja, es ist die Eroberung des Nutzlosen! Ja, das stimmt. Aber ich lege einen Sinn in mein Tun hinein, der mich begeistert und motiviert. Umso mehr Sinnstiftendes ich tue, umso intensiver kann ich leben. Am Ende ist nicht wichtig, was wir haben, sondern was wir tun! Und zwar im Hier und Jetzt, nicht im Gestern.

picture alliance/dpa
Zur Person

Reinhold Andreas Messner wurde am 17. September 1944 in Brixen, Südtirol, geboren. Er ist ein italienischer Extrembergsteiger, Abenteurer, Buchautor, Museumsgründer und ehemaliges Mitglied des Europäischen Parlaments (Verdi Grüne Vërc). Messner ist einer der bekanntesten Bergsteiger der Welt. Er und Peter Habeler erreichten 1978 als erste Menschen den höchsten Gipfel der Erde (Mount Everest, 8848 m) ohne Zuhilfenahme von Flaschensauerstoff. Messner stand als Erster auf den Gipfeln aller 14 Achttausender (1970–1986, jeweils ohne Flaschensauerstoff).

Hätten Sie sich früher vorstellen können, dass durch Ihre Sinnsuche die Berge überlaufen sind? Oder anders gefragt: War Ihnen bewusst, dass Ihre Eroberungen dazu führen, dass der Alpinismus zu einem umweltzerstörenden Tourismus wird?

Nein, nicht so. Das Problem sehe ich woanders. Wir Menschen in den Industrieländern sind in den letzten 200 Jahren reich geworden. Man muss diesen Fakt festhalten. Dass dieser Reichtum nur haltbar ist mit billiger Energie, die früher oder später die Erde kaputtmacht, ist heute Allgemeinwissen. Dass es billige Treibstoffe gab, war aber nicht mutwillig böse. Man muss jetzt umdenken. Dass Greta niemand sagt, dass auch sie aus diesem Reichtum heraus spricht, ärgert mich. Mein liebes Mädchen, es ist wichtig, was du sagst und tust, aber bedenke, dass wir alle aus diesem Reichtum schöpfen! Inzwischen steht hinter ihr längst eine Maschinerie, die sie nicht mehr steuern kann.

Und wie sehen Sie das Paradoxon, dass sich die meisten in der Natur ungestört bei frischer Luft und wenig Lärm erholen wollen, dorthin aber mit ihren Autos und Motorrädern fahren?

Die Leute sollen anreisen, keine Frage. Das Land Südtirol lebt vom Tourismus! Es muss aber vor Ort genügend Infrastruktur vorhanden sein, sodass man sich mit dem Bus, zu Fuß oder dem Mountainbike, von mir aus auch E-Bike, fortbewegt. Was den Massentourismus angeht: Ja, es gibt weltweit etwa 20 bis 30 Berge, die durch Erschließung dem Massentourismus zugängig gemacht worden sind. Das sind aber wenige! In meiner Zeit, als ich 25 war, gab es mehr Alpinisten als heute! Heute sind viel mehr Wanderer unterwegs, die schädigen niemanden und nichts, wenn sie nicht alle ihre Ziele mit dem Auto ansteuern und zuparken. Für mich ist auch das Handy schuld an vielem. Die Influencer machen Fotos und posten sie, was wiederum andere verleitet, dahin zu wollen. Die Leute heute gehen letztendlich nur dorthin, wo eine Infrastruktur ist, das gilt auch für den Gipfel des Mount Everest. Dort ist jetzt Saison und es wird alles modernisiert: Innerhalb von vier Wochen wird mithilfe von etwa 450 Sherpas vom Basislager bis zum Gipfel eine Piste erschaffen, die Millionen Dollar kostet. Über Reisebüros wird versprochen, dass es auf dieser Strecke keine schwierigen Passagen, dafür aber überall Zelte, Sauerstoff-Flaschen, Köche und sogar bis auf 8000 Meter Höhe Führer und Ärzte gibt. Damit wird der Pisten-Alpinismus, den es an den Achttausendern seit 30 Jahren schon gibt, als Hype weiter angetrieben. Er betrifft vielleicht 50 statt 30 Berge. Die sind überlaufen, das stimmt, aber Millionen Berge sind noch wild, da sich niemand dem Risiko aussetzt, irgendwo ins Nichts zu laufen.

Beruhigt Sie das?

Nur bedingt. Es muss dennoch mehr und Konkretes für die Umwelt getan werden. Ich bin kürzlich mit meiner Frau, die mit mir alle Projekte macht und sich inzwischen sehr gut auskennt, zum Mont Blanc gefahren. Wir haben uns in einem beliebten Gebiet eine neue Tourismus-Strategie angeschaut: Man darf die Orte nicht mehr mit dem Auto besuchen. Es gibt einen Bus und jedes Hotel hat zudem einen eigenen Shuttle-Bus. Nur mit diesen Bussen darf in das Tal gefahren werden. Ich habe dazu den Landesrat für die Mobilität in Südtirol gesprochen. Er möchte diese Strategie umsetzen, viele Hoteliers aber nicht. Das ist das Problem. Nun liegt es an den Touristen. Wer Stille, Weitläufigkeit und Natur will, sollte sich vor Ort auch dafür einsetzen und zu Fuß gehen.

imago/Sammy Minkoff
Reinhold Messner

Sie huldigen dem Verzichts-Alpinismus. Was bedeutet der eigentlich?

Der Alpinist geht dorthin, wo alle anderen nicht sind. Das war lange so – und das ist heute das Problem. Zuerst wollte man nur den Gipfel besteigen, ein kolonialistisches Gehabe. Vor allem die Engländer haben das verfolgt. Dann kam die nächste Generation, auch Engländer, die absichtlich schwierige Wege suchten, allerdings nicht mehr mit dem Ziel, einfach nur den Gipfel zu besteigen und Erste zu sein. Man wollte neue Routen zum bereits eroberten Gipfel finden und diese als Erste gehen. Es ging mehr um die Kunst des Kletterns. Ich habe das in meiner Kletterzeit auch gemacht. Aber dann gab es immer mehr und bessere Steighilfen. Ich habe damals den Verzichts-Alpinismus erfunden. Ich habe 1968 mit 22 Jahren einen Artikel geschrieben mit dem Titel „Mord am Unmöglichen“. Ich sagte: Wenn wir mit Technologie, sprich heute mit Hubschraubern, Bohrhaken, Sauerstoffhilfe oder Maschinen irgendwelcher Art das Unmögliche ausschalten, ist der Alpinismus tot. Der Alpinismus muss auf Hilfen aller Art verzichten. Dass das geht, habe ich bewiesen. Sehen Sie, bei meiner ersten Expedition war ich nur Teilnehmer, weil ich sie nie selbst hätte finanzieren können. 18 Leute, 9 Tonnen Ausrüstung – wie das Material von Europa ins Basislager gebracht wurde, das war eine logistische Herausforderung! Die Expedition hat vielleicht eine halbe Million im heutigen Geldwert gekostet. Fünf Jahre später habe ich die erste Alpen-Expedition zu einem Achttausender gemacht mit einer neuen Route. Ich bin nur zu zweit mit Peter Habeler geklettert, mit 200 Kilogramm Gepäck und 10.000 Dollar Budget. Das Minimum wagte ich 1968 allein mit 60 Kilogramm und 5000 Dollar. Für den Nanga Parbat konnte ich den Erfolg genauso vermarkten wie andere. Da wusste ich: Es funktioniert! Die Reduktion hat mir Freiraum gegeben.

Und jetzt profitieren auch endlich die Sherpas davon.

Das stimmt, bei denen kommen die Gelder jetzt endlich an. Sie leben am Berg, waren lange nur die Dienstleister, Helfer, Träger, ja Absicherer der Kletterer. Jetzt sind sie die Führer und bekommen die Klienten auch ohne europäischen Reisebürovermittler. Die Touristen kommen zu ihnen und handeln das Budget vor Ort aus. Allerdings wird inzwischen mehr geflogen als gestiegen.

Sind zwischen Ihnen und Sherpas Freundschaften entstanden?

Ja, mit einigen schon, nur sind fast alle, die vor 40 Jahren mit mir unterwegs waren, inzwischen gestorben oder umgekommen. Sherpas aber gehen nicht auf den Berg mit dem Bewusstsein, sie könnten umkommen. Für sie ist es Arbeit, die Geld bringt, das sie zum Überleben brauchen. Jetzt können sie selbst die Konditionen festlegen, und das ist das Positive an der neuen Entwicklung. Sie verdienen mit an dem Geschäft, für das sie die ganze Verantwortung tragen: Touristen auf die hohen Gipfel bringen.

Worin sehen Sie das Negative?

Die Haltung gegenüber der Natur hat sich geändert, der Respekt ist verloren gegangen. Ich gebe die Hauptschuld dem Tourismus all inclusive. Nur die Eroberung des Weltalls durch Touristen finde ich noch bedenklicher. Da werden 50 Millionen pro Kopf investiert, nur um für wenige Stunden ins All zu fliegen – wie absurd ist das denn? Ich würde es nicht mal machen, wenn man mir das schenkt! Wissenschaft im All und auf dem Mars, okay, aber wer soll da leben? Und wofür das Ganze? Der Mensch wird nicht auf dem Mond und dem Mars leben können. Unser Habitat ist die Erde, um die müssen wir uns kümmern!

Hätten Sie lieber in einer anderen Zeit leben wollen?

Nein. Meine Generation fand noch echte Abenteuer! Diese verschwinden langsam, leider. Weil man alles absichern kann. Es gibt kaum noch Wildnis. Jeder Punkt dieser Erde wird von Satelliten aufgenommen, erreichbar, sichtbar gemacht.

Dafür kann man jetzt mit High-Risk-Sportarten Abenteuer erleben.

Das hat doch weniger mit Abenteuer zu tun, dabei geht es um den Kick. Der Abenteurer, wie ich ihn kenne, geht in die Wildnis. Dabei kommt es nicht auf Schnelligkeit oder Ähnliches an, es geht nur ums Überleben. Damit meine ich aber echte Wildnis. Der Basejumper fliegt mit extremer Geschwindigkeit irgendwo herunter und das Ungewisse ist vielleicht ein Windstoß, mit dem er nicht rechnet. Er nimmt dabei alles mit der Helm-Kamera auf und erlebt nichts mehr ungefiltert. In meiner Generation gab es noch jede Menge Wildnis, weil ein Hubschrauber nicht überall hin konnte. Er kam nicht höher als ins Basislager am Mount Everest. Jetzt fliegt er täglich, holt Leute runter und fliegt Leute hoch. Wer scheitert, kann mit ihrem Handy Hilfe holen.

Sie hatten auf Ihren Touren fünf Kilogramm schwere Funktelefone dabei. Hätten Sie sich die moderne Technik von heute gewünscht, zum Beispiel als es um das Überleben Ihres Bruders Günther ging?

Wir hätten damals moderne Technik genutzt, keine Frage. Aber sehen Sie, ich habe Folgendes für mich postuliert: Der Verzichts-Alpinismus verzichtet auf Sauerstoffgeräte, auf Bohrhaken, auf Drogen und auch auf Kommunikation.

Wie standen Sie zu Drogen wie Pervitin oder Ronicol im Alpinismus?

Zu meiner Zeit waren diese verpönt, auch weil sie sehr gefährlich sind. Wenn die Leute nicht rechtzeitig runterkommen, ist der Zusammenbruch die Folge. Wenn wir beide, mein Bruder und ich, am Nanga Parbat Drogen genommen hätten, wären wir beide gestorben. Man wusste, was im Zweiten Weltkrieg mit den Soldaten passiert ist, die Pervitin genommen haben.

Sie plädieren auch für einen Alpinismus ohne Sauerstoff.

Das verfolgen nicht viele. Aber die Piste ist eine viel größere Hilfe geworden. Durch sie kann man auch mitten in der Nacht klettern. Man hält sich an den Seilen fest und die Stirnlampe reicht, auch wenn die nur drei Meter ausleuchtet. Ohne Piste ist es zu gefährlich, denn man kann die Riesendimensionen eines Berges nicht erkennen, muss aber sehen, wohin man geht. Ich muss eine Linie sehen können, die ich hoch will. Die entsteht im Kopf bzw. ich kenne sie schon, weil ich die Route bereits gegangen bin. In großen Bergen ist dieses Wissen aber immer mit Sehen verbunden.

Wie haben sich Ihr Mut und Ihre Angst im Laufe der Jahrzehnte verändert?

Heute gehe ich die schwierigen Wege ja nicht mehr, ganz einfach (lacht). Ich brauche immer eine entsprechende Mutmenge, die ich gegen die Angstmenge stelle. Ich weiß ganz genau, dass ich am Berg umkommen kann. Mit Mut bzw. mit Erfahrung, Kontrolle und minimaler Ausrüstung kann ich viel an Angst reduzieren, keine Frage. Es bleibt aber immer eine Restangst. Allein das Wetter oder ein Steinschlag durch ein Erdbeben sind unvorhersehbar. Wenn ich heute irgendwohin gehe, wo keine Piste oder Wege sind, ist das immer noch ein Abenteuer für mich. Ich muss nur auf die Kommunikation verzichten. Heute geht aber kaum noch jemand auf einen Berg ohne die Option, im Krisenfall einen Helikopter rufen zu können. Wenn es die Helikopterrettung in den Alpen nicht gäbe, wäre das Ganze schon verboten. Ohne sie würden zehnmal mehr Leute im Jahr umkommen. Aber natürlich kann niemand gegen die Helikopterrettung sein. Trotzdem: Nur dank ihr trauen sich viele in Gebiete, wo sie nicht hingehören.

Verantwortung tragen Sie nicht nur als Alpinist, sondern auch als Familienvater. Wie hat sich Ihre Einstellung diesbezüglich verändert?

Meinen Eltern gegenüber ist das, was ich getan habe, unverantwortlich. Auch meiner Familie gegenüber war es nicht zu rechtfertigen. Aber es war mein Leben und ich stehe dazu. Wir alle haben das Recht, unser eigenes Leben zu leben.

Und wie sieht das Ihrige jetzt aus?

Mit Diane habe ich ein Start-up auf die Beine gestellt, um gemeinsam das traditionelle Bergsteigen weltweit zu erklären – und um etwas zu hinterlassen. Ich werde früher oder später nicht mehr da sein, das ist mir bewusst. Ich habe früh damit angefangen, über mein Erlebtes und Erfahrenes zu berichten, möchte damit eine Haltung weitergeben. Unser kleines Unternehmen soll zudem eine Struktur bieten für weitere Diskussionen zum Verhältnis Mensch – Berg.

Haben Sie vorgesorgt?

Ja, ich habe meine Museen an die MMM abgegeben und meinen Besitz an die Kinder. Jetzt bin ich dabei, gemeinsam mit meiner Frau die Welt zu bereisen. Wir wandern und klettern zusammen, auch wenn wir keine schwierigen Touren gehen.

Waren Sie eigentlich jemals in einer Kletterhalle?

Nie. Ich sehe Indoor als Sport und faszinierende Möglichkeit, um zu trainieren! Die Kletterhalle hat aus dem Klettern einen Sport gemacht, einen sehr erfolgreichen. Es ist aber kein Bergsteigen, denn dieses beinhaltet die Auseinandersetzung mit der Natur, nicht mit einer Plastikwand. In einer Kletterhalle kann ich runterspringen, an einer Dolomitenwand kann ich das nicht (lacht). Das Klettern als Sport hat aber längst gewonnen. 90 Prozent der Kletterer trainieren in der Halle – und das ist gut so! Man fährt meist mit dem Fahrrad in die Halle und klettert dort sicher, ist doch alles toll. Alpinismus aber ist viel mehr. Wenn Menschen die Natur haptisch kennenlernen, schützen sie sie auch, das ist erwiesen. Also raus in die Natur! Nicht umsonst sagt man, dass Reisen bildet. Ich wünschte, Russen hätten die Ukraine öfters besucht.

Sie sind politisch engagiert, waren es schon immer. Was beschäftigt Sie aktuell am meisten?

imago/Sammy Minkoff
Reinhold Messner

Die neue Form der Kriegsführung. Wenn man sieht, mit welcher Brutalität Menschen angegriffen und Häuser niedergebombt werden – es ist schrecklich. Die ganze Infrastruktur wird bewusst zerstört. Ich verfolge das alles und frage mich, wie wir aus dem Dilemma herauskommen, welches Regierungssystem am Ende gewinnen wird. Ich bin aber kein Geheimdienstler. Ich hatte Einladungen nach Moskau und Petersburg für Vorträge. Ist natürlich gestrichen. Dafür besuche ich andere Länder. Jetzt kann man wieder überallhin reisen, wofür ich leider auch fliegen muss. Der traditionelle Alpinismus soll thematisiert werden und nicht untergehen, das sehe ich als meine Verantwortung und ein bisschen auch als Rechtfertigung.

Haben Sie schon über Ihren Ruhestand nachgedacht? Dass Sie nichts mehr in der Öffentlichkeit machen, erscheint unvorstellbar.

Seit 52 Jahren habe ich ein winziges Häuschen auf einer Alm in den Dolomiten, an einem der schönsten Orte der Welt! Da bin ich gerade dabei, die Energieversorgung autark zu gestalten. Irgendwann werde ich da mit meiner Frau sitzen. Solange es mir gut geht, mache ich aber das, was ich kann. Ich habe immer den Fokus auf etwas gelegt und es solange verfolgt, wie es verbesserbar war. Ich war Kletterer im Fels, ich war Höhenbergsteiger, ich war Durchquerer von Wüsten und Eisregionen, ich war zehn Jahre lang Forscher an den Heiligen Bergen weltweit. Ich habe Filme gemacht und Museen auf die Beine gestellt. Ich sage aber lieber Museum, weil ich die MMM als ein Museum sehe, als eine Art Mosaik zum Thema Berg.

Und was tun Sie für Ihre Gesundheit?

Ich gehe regelmäßig wandern, was gerade in Corona-Zeiten stärker zum Einsatz kam. Ich mache zudem jedes Jahr ein, zwei große Reisen in Berggebiete, in denen ich noch nicht war. Das wird auch bleiben. Ich mache das, bis es zu anstrengend oder zu umständlich wird. Erst dann ziehe ich mich auf die Hütte oder das Schloss Juval zurück, in dem wir jetzt wohnen.

Sie hatten am 28. Mai den ersten Hochzeitstag mit Ihrer Ehefrau Diane. Was bedeutet Ihnen das?

Viel! Diane und ich haben ja einen großen Altersunterschied und damit habe ich mehr Verantwortung! Dass sie mit dem, was sie kann, und mit dem, was wir zusammen schaffen, überleben kann. Dazu zählt natürlich auch meine Gesundheit. Die habe ich immer ernst genommen, auch wenn ich meinen Körper in den Bergen geschunden habe. Gesund war mein Bergsteigen sicherlich nicht. Es werden sich noch die Folgen zeigen. Aktuell bin ich aber zufrieden mit meiner Fitness. Diane hat die große Verantwortung übernommen.

Was sind die Zipperlein des Alters bei Ihnen? Was ist dem Klettern geschuldet?

Sieben Zehen sind weg, aber das hat mich nur beim Klettern und Gehen gestört. Dann habe ich mir mein Fersenbein zertrümmert und konnte ein paar Jahre lange nicht mehr so viele Reisen machen, es hat sich zum Glück gebessert. Mein rechtes Knie spüre ich manchmal, aber es geht noch. Die Hälfte meiner Kameraden haben neue Knie, dagegen geht es mir gut (lacht).

Wie ging es bei Ihnen weiter?

In der zweiten Mai-Hälfte sind wir in Nepal, um die Entwicklung des Sherpa-Museums in Namche zu sehen. Ich finanziere es mit meiner Stiftung, es soll sich aber zukünftig selbst tragen mit dem Rasthaus, das auch weiter der dortigen Sherpa-Familie gehört.

Wie sehen Sie die Zukunft Deutschlands, was die Umwelt angeht?

Wir haben ein großartiges Beispiel für positive Diskussionen zum Umweltschutz in Deutschland. Ich schätze Minister Habeck sehr, wie er das macht und wie er um Lösungen ringt. Zu Recht ist er so anerkannt. Er wäre der richtige Kanzler für Deutschland. Die Politiker müssen runter von ihren hohen Rössern und zeigen, dass sie nicht nur Ankündigungen betreiben. Sie dürfen Kompromisse eingehen und nicht nur idealistische Vorstellungen durchbringen wollen. Realistisch sein heißt zukunftsfähig sein.

imago/Sammy Minkoff
Reinhold Messner

Was wünschen Sie sich noch?

Wir Alpinisten haben Ende der 50er-, Anfang der 60er-Jahre unsere Aggressionen untereinander abgelegt. Bis dahin gab es durch den Zweiten Weltkrieg Aggressionen unter Alpinisten verschiedener Nationen. Durch das Sichbegegnen hat sich das befriedet. Russen und Ukrainer sind auch viel miteinander am Berg geklettert. Ich hoffe, dass sie wieder zueinanderfinden. Die globale Welt ist nur in Frieden zu halten, wenn man sich begegnet und kennenlernt. Der Austausch zählt – im Großen wie im Kleinen.

Haben Sie Feedback? Schreiben Sie uns! briefe@berliner-zeitung.de