Als Gewässerreiniger weiß man genau, welche Events gerade in der Stadt stattgefunden haben. Nach einer Wahl entdeckt man viele Plakate mit den Konterfeis der Kandidaten im Wasser, nach dem Christopher-Street-Day schwimmen Kondome herum. Nach dem Valentinstag sind es gelbe Quietsche-Entchen, Oregami-Basteleien und rote, herzförmige Luftballons, die auf Flüssen, Seen und Kanälen treiben.

Bald werden die Berliner wieder die Ufer besiedeln, und mit ihnen kommt bergeweise der Müll. So gesehen kann die Besatzung der „Kati“ derzeit noch ein wenig durchatmen. Das Gewässerreinigungsschiff, ein acht Meter langer und knapp vier Meter breiter Stahlponton mit geringem Tiefgang, ist im Auftrag der Senatsverwaltung für Stadtentwicklung und Umwelt unterwegs, abwechselnd mit dem zweiten Gewässerreinigungsschiff „Barbara“, vor allem im Osten der Stadt, auf dem Müggelsee, auf dem Seddiner und Zeuthener See, im Gosener Kanal.

Auf Müllfang mit dem Wrobel’schen Spezialkescher

Montags reinigen Uwe Gralapp, der Baumaschinist mit Sportbootführerschein, und Ingo Christange, der Baufacharbeiter mit Schifferdienstbuch, immer den innerstädtischen Abschnitt der Spree zwischen Rummelsburger Stichkanal in Neukölln und Spittelmarkt in Mitte. Das ist die Tour mit dem meisten Müll.

Seit neun Jahren arbeiten die beiden 60-Jährigen zusammen für die Firma Wrobel. „Wie verheiratet“ seien sie miteinander, sagt Gralapp. Sie sammeln ein, was so im Wasser schwimmt und dort nicht hingehört. Ein Blatt Papier kann das sein. Oder ein Rettungsring, den jemand von der Elsenbrücke warf. Er treibt nun an einer Leine in der Fahrrinne. „Die Leine könnte sich in einer Schiffsschraube verfangen, ein Fall für die Polizei“, sagt Gralapp. „Rettungsring hängt im Fahrwasser“, meldet er der Leitstelle.

Die Tätigkeit der zweiköpfigen „Kati“-Besatzung dient der Sicherheit der Schifffahrt und einem schöneren Stadtbild natürlich, unter anderem für die Touristen. „Nur wäre es gut, wenn die auch mitmachen würden“, sagt Gralapp. Jedes Stück Müll müssen die Gewässerreiniger einzeln von der Wasserfläche holen und manchmal, wenn der Wind stärker bläst, regelrecht einfangen. Dafür benutzen sie einen speziellen Kescher. „So ein normaler Angelkescher ist zu groß“, erklärt Gralapp das selbst gebaute Gerät.

Der Wrobel’sche Spezialkescher besteht aus einer stabilen, rot-weiß gestreiften Stange , an der mit mehreren Kabelbindern ein metallener Fahrradkorb befestigt ist. Damit fischt Ingo Christange nach Flaschen, Tüten, Bechern, nach Obst oder Taschentuchpäckchen. Diesmal ist auch eine Kehrschaufel dabei.

Plastik und Holz werden getrennt

Der nasse Müll gelangt zunächst in einen an der Reling befestigten Einkaufswagen: Der ist auch ein Gewässerfund und hat die Funktion eines Abtropfsiebs. Danach kommt der Müll in eine Abfalltonne und wird später bei der BSR entsorgt.

Hinter einem Hausboot hat sich der Rest eines einst stabilen Bocks verfangen, auf dem an Land ein Schiff gestanden haben könnte. Vorsichtig fährt Gralapp an das Hausboot heran. Christange zieht mit einem Bootshaken das stabile Holz zu sich heran, dann packt er es auf den Haufen mit den Ästen und Zweigen – auf der „Kati“ wird nur nach Plastik und Holz getrennt.

„Was wir kriegen, nehmen wir mit“, sagt Gralapp. Er macht noch ein Foto mit einer Kamera, die GPS-Daten registriert, um dem Auftraggeber ihre Tätigkeit nachzuweisen, dann kehrt er zurück in seine beheizte Drei-Quadratmeter-Kajüte, wo er mithilfe eines quietschenden Steuerrads und eines 40 PS-Außenbord-Motors das Schiff bewegt.

Eine Krähe stoppt kurz auf der „Kati“: „Du, dein Kumpel ist wieder da“, neckt Schiffsführer Gralapp seinen Kollegen. Die Krähe kommt jeden Montag immer an derselben Stelle aufs Boot. „Vielleicht ist es ja auch immer dasselbe Tier“, sagt Gralapp.

Nach vier Stunden machen sie Pause, stets an einem anderen Ort, dort, wo sie gerade einen Ankerplatz oder einen Steg finden. „Wenn schönes Wetter ist, ist viel mehr los auf dem Wasser, sagt Ingo Christange. Dann ist die Mülltonne auf Deck viel schneller voll. Eine kleine Verschnaufpause gönnt ihnen das Wetter noch.