Überraschendes Slowenien: Die Alpen, die Bären und die Massengräber

Urlauber schätzen Slowenien wegen seiner traumhaft schönen Natur. Vollkommen zu Recht. Wenn man genau hinsieht, entdeckt man auch dunkle Spuren der Geschichte.

Lohnt sich: Julische Alpen im Triglav Nationalpark, Slowenien.
Lohnt sich: Julische Alpen im Triglav Nationalpark, Slowenien.imago/Jürgen Schwarz

Wenn man erzählt, dass man nach Slowenien reist, sagen die Leute entweder, dass sie neidisch sind. Die Natur da ist ja so toll! Oder sie fragen: Aha, wo liegt das nochmal? 

Die erste Reaktion ist vollkommen berechtigt, kann ich nach zwei Wochen in Slowenien sagen. Aber sie nervt mich noch mehr als die zweite. Auch viele Leute, die schon mal in Slowenien waren, reden über das Land, als wäre es kaum mehr als ein großer Outdoor-Freizeitpark. Man kann in den Alpen wandern, in Flusstälern angeln, an Drahtseilen durch Wälder fliegen, und so weiter. Das Wort „Traumkulisse“ fällt. Ein Freund, der in Wien lebt, hat mir erzählt, dass sich seine wohlhabenden Bekannten gerade alle nach Häusern in Slowenien umschauen. 

Ich bekam schlechte Laune, als ich das hörte, auch weil es mich an all die Hamburger und Stuttgarter erinnert, die sich nach der Wende die schönsten Grundstücke in der Uckermark gesichert haben. Auch so eine Traumkulisse.

Am fünften Tag des Urlaubs goss es in Strömen. Wir blieben nach dem Frühstück am Kachelofen des kleinen Hotels sitzen. Es lag in einem Gletschertal in den Kamniker Alpen, von deren Anblick allein man auch bei Regen glücklich wird. An der Wand neben dem Ofen hing ein Foto von Tito. Der habe hier auch Urlaub gemacht, sagte die Tochter der Betreiber. Manchmal regten sich Gäste auf, über den Kommunisten, Partisanenführer, jugoslawischen Staatschef. Aber er sei doch Teil der Geschichte.

Und die sei kompliziert. Natürlich ist sie das. Mitteleuropa, allein das 20. Jahrhundert. Unsere Gastgeberin brühte Tee aus selbst gesammelten Alpenkräutern. Sie erzählte von den britischen und amerikanischen Spionen, die sich im Zweiten Weltkrieg im Tal versteckten, zusammen mit Partisanen, die gegen die deutschen Besatzer kämpften. Vor allem, aber nicht nur. In Slowenien und den Nachbarländern gab es auch einen Bürgerkrieg. Kommunisten und Gegner der Kommunisten bekämpften sich. Das Tal wurde von den Deutschen brutal erobert. Die Oma unserer Gastgeberin wurde in ein deutsches Konzentrationslager und von dort zur Zwangsarbeit verschleppt, der Hof der Familie niedergebrannt. Das erzähle sie deutschen Gästen sonst lieber nicht.

Als der Krieg zu Ende war, rächten sich Partisanen an Kollaborateuren der Nazis und anderen Gegnern. Zehntausende Menschen wurden erschossen, ohne Prozess, in Karsthöhlen in den Bergen oder alte Stollen geworfen. Auch Frauen, Jugendliche. Bis zum Ende Jugoslawiens durfte darüber nicht gesprochen werden, erst seit Slowenien unabhängig ist, werden die Massengräber geöffnet. Mehr als 600 wurden im Land gefunden.

Einige Tage später fuhren wir durch einen riesigen Wald, der in Reiseführern als perfekt für Bären-Beobachtungstouren beworben wird. Die Region, in der er liegt, vermarktet sich als „Wild, but Nice“. Wild, aber nett. Wir sahen keinen Bären, aber hielten an fünf Massengräbern. Nur kleine Tafeln wiesen auf sie hin. An einem klatschte der Regen auf ein Absperrband der Polizei. Der gewaltsame Tod von 3000 Menschen werde untersucht, lasen wir in einer Zeitung. Fast 80 Jahre danach. Ein junger Mann erzählte uns bei einem Abendessen, dass sein Uropa wohl in einem der Gräber im Bärenwald liege. Er flüsterte, andere Slowenen sollten das nicht hören.

Wir beschlossen, bald wieder nach Slowenien zu fahren. Wegen der Natur natürlich auch.